Alt oder Jung? - Luskas Bücher

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Alt oder Jung?

Buch 2
Es war mitten im Sommer, als eine junge Frau bei Tina stand. Sie suchte ihre Tigerkatze und hoffte, dass Tina etwas über ihr Verschwinden wusste. Leider war das nicht der Fall, doch Tina versprach, die Augen offen zu halten. Der Beschreibung nach musste es sich um eine graue Tigerdame handeln, 13 Jahre alt, doch kerngesund. Die junge Frau hatte ihr erzählt, dass ihre „Mitschu“ eigentlich eine Wohnungskatze sei. Die Familie war vor wenigen Monaten in diese Gegend gezogen. Eigentlich wollte Mitschu nie in den Garten. Sie fühlte sich in ihrer vertrauten Umgebung viel wohler. Sie genoss es auf dem Balkon zu sitzen und dem Treiben draussen zuzusehen. Von ihrem Hochsitz aus konnte sie alles beobachten, die Vögel, die Mücken und die Schmetterlinge. Ab und zu sah sie eine Maus vorbeihuschen, doch die liess sie kalt. Sie liebte es, in der Wohnung zu liegen und freute sich auf die kalte Jahreszeit, wenn der Kamin angezündet wurde.
 
Eines Tages, als die Mutter der jungen Frau in den Garten ging, folgte ihr Mitschu. Es war nicht ihre Absicht, sich davonzuschleichen, doch ihre Neugier war enorm gross. Sie beobachtete die Frau, wie sie Kräuter im Garten pflückte. Ihr war entgangen, dass ihr Mitschu gefolgt war. Als sie ins Haus zurückging, zog sie die Türe hinter sich zu. Nun sass Mitschu draussen und Panik stieg in ihr hoch. Hier war sie nun Gefahren ausgesetzt, die sie drinnen nicht kannte. Sie setzte sich an die Haustüre und wartete, doch nichts rührte sich. Niemand entdeckte Mitschu.
 
Als es langsam dunkel wurde und immer noch niemand das Verschwinden Mitschus bemerkt hatte, machte sie sich auf den Weg. Irgendwo würde sie bestimmt einen Unterschlupf für diese Nacht finden. Sie schlich sich vorsichtig von Garten zu Garten, ihre Augen weit aufgerissen. Ihr war sehr unheimlich zumute. Geräusche, die sie nicht gekannt hatte, drangen an ihre Ohren. Erst als sie das Plätschern eines Bächleins hörte, bemerkte sie, dass sie unheimlich durstig war. Also wollte sie ihren Durst stillen. Langsam schlich sie in Richtung des plätschernden Geräusches, als sie plötzlich von hinten von einem mächtigen Langhaar-Kater angefallen wurde. Er schlug mit seinen Pranken auf sie ein. Sie war ungewollt in sein Revier eingedrungen, das er nun vehement verteidigte. In panischer Angst rannte sie davon. Sie traute sich nicht sich umzusehen, denn sie wusste, er verfolgte sie. Sie wusste nicht mehr, wie lange sie gelaufen, in welche Richtung sie geflüchtet war. Als sie inne hielt, war der furchterregende Kater verschwunden.
 
Nun war es dunkel und Mitschu fühlte sich absolut verloren. Sie wusste nicht mehr, wo sie war. Da entdeckte sie in einem kleinen Vorgarten einen Geräteschuppen. Unter der Türe konnte sie sich gerade noch durchzwängen. Erschöpft und vollkommen verwirrt, legte sie sich auf einem alten Strohsack schlafen.
 
Als sie am nächsten Morgen aufgewacht war, kam ihr alles wieder in den Sinn. Wo war sie? Wo war ihr Daheim? Sie machte sich auf den Weg und versuchte, den Heimweg zu finden. Alles war neu, was sie hier sah. Es gab etliche Gärten, die einen mit einem Zaun umgeben, die anderen offen. Sie schnupperte - Katzengeruch, doch niemand begegnete ihr. Nun verspürte sie Hunger. Was sollte sie nur tun? Sie war keine Wildkatze, hatte nie gelernt, sich das Fressen selber zu besorgen. Sie hungerte den ganzen Tag und zog sich am nächsten Abend in ihre Gartenkammer zurück.
 
Es vergingen Tage und Wochen und Mitschu fand sich noch immer nicht zurecht. Manchmal stand irgendwo ein Müllsack, aus dem sie Futterreste zerren konnte, doch reichten ihr diese mageren Mahlzeiten nicht. Der Hunger machte ihr sehr zu schaffen. Sie wurde dünn und dünner, ihre Kraft liess allmählich nach.
 
Eines Tages kamen Leute, die Kisten und Möbel in die Gartenwohnung schleppten, vor der sich Mitschus Gartenschuppen befand. Hier zog ein Ehepaar ein. Mitschus Hoffnung stieg. Sie stellte sich am Abend vor die Küchentüre und miaute leise. Als sich nichts rührte, begann sie zu weinen. Erst jetzt bemerkten die Neuzugezogenen die kleine Tigerkatze, die in ihrem Garten erbärmlich weinte. Sie öffneten die Türe und liessen sie in die Wohnung rein. Mitschu stand nun da und wollte den beiden zeigen, wie unheimlich hungrig sie war. Doch das Ehepaar hatte keine Ahnung von Katzen, hatte bisher noch nie ein Haustier besessen. Es wusste auch überhaupt nicht, was man einer Katze zu futtern gab. Zudem hatten die Leute noch gar nichts eingekauft, denn sie waren eben erst hier eingezogen. Sie öffneten den Kühlschrank und fanden dort eine kleine Wurst. Diese schnitten sie in Stücke und gaben sie der dankbaren Mitschu. Endlich hatte sie wieder einmal etwas zu futtern bekommen. Sie blieb noch eine Stunde und machte sich dann auf und davon in die dunkle Nacht.
 
Dieses Spiel wiederholte sich über Tage. Am Abend kam Mitschu und bekam ein wenig Futter, dann verschwand sie. Das Ehepaar fand es eigenartig, dass diese Katze regelmässig kam und informierte das nächste Tierheim. Dort gab man ihm die Auskunft, man solle die Katze nicht füttern, sondern einfangen und ins Tierheim bringen. Und wie hätte man so was machen sollen? Man hatte ja keine Transportkiste!
 
Die Besitzerin des Tierheims kannte Tina, die in der gleichen Ortschaft wohnte. Sie rief sie an und fragte, ob sie etwas wisse von einer entlaufenen Tigerkatze. Der Beschreibung nach müsste es sich um ein zierliches Kätzchen handeln, zirka sechs Monate alt. Das Ehepaar hatte angegeben, das Kätzchen habe noch die Kinderzähnchen und könne deswegen nur ganz langsam essen. Demnach müsste es sich um ein Jungtier handeln. Man bat Tina, ob sie beim Einfangen des Kätzchens nicht behilflich sein könnte. „Kein Problem“, dachte Tina und machte sich mit einem Transportkorb auf den Weg.
 
Das Haus lag nur etwa 300 Meter von Tinas Wohnung entfernt. Als sie dort ankam, war die Katze verschwunden. Das freundliche Ehepaar lud sie zu einem Kaffee ein und versicherte, dass die Katze bestimmt bald komme würde. Normalerweise sei sie um diese Zeit hier.
 
Es verging kaum eine Viertelstunde, bis das Kätzchen angeschlichen kam. Als es Tina entdeckte, sprang es ihr ohne Vorwarnung auf den Schoss. Die Katze genoss es, als Tina ihr den Kopf streichelte. Ja, klein war sie, das stimmte. Die Katze wog kaum zwei Kilo, es könnte also durchaus ein Jungtier sein. Wo normalerweise ein sattgefressener Bauch ist, war ein grosser leerer Magen. Wo andere Tiere einen wohlgenährten Bauch rumschleppen, hing hier das Fell lose herunter. Die Katze schien unterernährt. Bei Katzen ist es immer schwierig das Alter zu bestimmen. Oft sieht man nur auf Grund der Zähne, wie alt ein Tier ist. Tina öffnete der fremden Schmusekatze das Maul. Sie liess es ohne Murren über sich ergehen. Ein Blick in den Rachen schockierte sie. Da waren keine Kinderzähne, da war gar nichts. Die Katze hatte überhaupt keine Zähne. Von Jungtier konnte gar keine Rede sein.
 
Tina konnte Eins und Eins zusammenzählen. Auch wenn es schon lange her war, konnte sie sich genau an die junge Dame erinnern, die ihre Katze gesucht hatte. Sie hatte damals erzählt, die Katze sei 13 Jahre alt. Und diese Katze hier passte auf die Beschreibung. Doch die Suchmeldung lag zwei Monate zurück. Wie konnte eine zahnlose Katze so lange überleben? Wovon hatte sie sich in dieser Zeit ernährt? Oder sah sie der Vermissten nur sehr ähnlich?
 
Tina bat das Ehepaar um eine Wurst. Diese schnitt sie ganz klein und stellte sie der Katze hin. Mit Heisshunger verzehrte sie den Leckerbissen.
 
Nun musste man nur noch die Telefonnummer der Familie herausfinden, die ihre Katze vermisste. Nach einigen Fehlversuchen gelang auch das. Tina bat die Familie vorbeizukommen.
 
Es dauerte lange, bis endlich jemand an der Haustüre klingelte. Es lag Spannung in der Luft, als die Leute den Garten betraten. Als sie die abgemagerte Katze sahen, trauten sie ihren Augen nicht. Hier sass ihre Mitschu, ausgehungert und heruntergekommen, doch ohne Schaden. Sie hatten die Hoffnung bereits aufgegeben, ihren Liebling jemals wiederzusehen.
 
Sie trugen sie nach Hause. Sie freuten sich sehr, dass Mitschu wieder da war. Diese wurde von der ganzen Nachbarschaft freundlich begrüsst. Es war purer Zufall, dass Tina von der vermissten Katze erfahren hatte und sich zum richtigen Zeitpunkt daran erinnert hatte. Es hätte nicht viel gefehlt und Mitschu wäre im Tierheim gelandet. Ob sie von dort aus jemals wieder in ihre Familie zurückgebracht worden wäre, ist fragwürdig. Mitschu hatte aus der ungewollten Freiheit gelernt. Seither bleibt sie brav daheim und geht nicht mehr weiter als bis zur Türe. Die Gefahren draussen sind für eine ältere Katze, die sich nicht wehren kann, allzu gross. Es war Glück im Unglück, dass Mitschu gefunden wurde. Heute sitzt sie wieder oft im zweiten Stock auf dem Balkon und schaut über die Dächer hinweg zu dem Garten, in dem sie zwei Monate lang Unterschlupf gefunden hatte.
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