Noel - Luskas Bücher

Direkt zum Seiteninhalt

Noel

Buch 3
Das Spiel wiederholte sich fortan jeden Abend. Bei Einbruch der Dunkelheit hockte Simba unter der Hecke und wartete auf sein Essen. Er wusste nicht, dass Tina bereits alles in die Wege geleitet hatte, um den Besitzer zu finden. Sie informierte alle Stellen und fragte in der ganzen Nachbarschaft nach, wem wohl diese Langhaarkatze gehörte. Sie wollte sicher sein, dass sie hier nicht ein Tier fütterte, das irgendwo vermisst wurde.

Sie meldete den Langhaarkater auch bei den Tierärzten. Hier erfuhr sie, dass vor einiger Zeit in der Nachbarsgemeinde eine Langhaarkatze entlaufen war. Sofort nahm sie Kontakt mit den Besitzern auf und erfuhr vom Schicksal des Katers Noel. Dieser hatte einen Autounfall und wurde zum Tierarzt gebracht. Durch ein Versehen blieb die Praxistüre offen und Noel rannte nach erfolgter Behandlung kopflos davon. Es begann eine grosse Suchaktion. Sein Bild erschien in allen Zeitungen und seine Suchmeldung wurde im Radio durchgegeben. Die ganze Umgebung war auf den Beinen, um Noel zu finden. Tina erhielt ein Bild von Noel. Es zeigte einen strammen Langhaarkater. Kopf, Rücken und Schwanz waren dunkel getigert. Die Beine waren nicht sehr gut erkennbar, waren aber wahrscheinlich weiss. Als Simba am Abend zum Fressnapf kam, nahm Tina das Bild hervor und verglich es mit ihm. Die Aehnlichkeit war verblüffend. War es nun Noel oder nicht? Sie konnte sich Simba ja nur bedingt nähern und machte deshalb ein paar Fotos von ihm. Diese wollte sie mit den Fotos von Noel vergleichen. Sie war sich unschlüssig, ob es sich um das gleiche Tier handelt.
Kurzerhand lud sie die Besitzer ein. Diese sollten einen Abend bei ihr verbringen und sich Simba direkt vor Ort anschauen. Es wurde ein gemütlicher, aber fragwürdiger Abend. Als Simba nach Hause kam, war der grosse Moment da. Das Ehepaar schaute sich den scheuen Kater aus einiger Distanz an. Sie verglichen ihn mit den zwei Fotos, die sie von ihrem Noel hatten. Sie berieten sich, waren sich aber überhaupt nicht sicher, ob dies ihre vermisste Katze war. Unverrichteter Dinge fuhren sie wieder nach Hause.
Erst Wochen später, als Tina bessere Aufnahmen von Simbas Beinen machen konnte, stand eigentlich fest, dass es sich nicht um Noel handelte. Dennoch blieb ein kleines bisschen Unsicherheit übrig. Eines war sicher. Noel war ein kastrierter Kater, bei Simba war sich Tina nicht klar darüber. Die Zeit würde es zeigen.

Ausser Noel schien kein zweiter Langhaarkater vermisst zu sein, denn es ging keine andere Nachricht bei Tina ein. Nach zwei Monaten ohne weitere Rückmeldung musste sie einsehen, dass Simba niemandem gehörte. Sie wusste nicht genau, wo er hergekommen war, war aber bereit, dem schönen Simba ein Heim anzubieten. Ob sie nun ein Bäuchlein mehr füttern würde oder nicht, spielte keine Rolle.
Tina hatte entdeckt, dass er es war, der ihr Brot anknabberte. Das war nicht normal für eine Katze. Sein Hunger war fast nicht zu stillen, ein Zeichen, dass er verwurmt war. Sie musste einen Weg finden, mit Simba eine Wurmkur zu machen. Die erste Aktion scheiterte, da Simba wohl die leckere Leberpaste mochte, diese aber mit Medikamenteninhalt verweigerte. Katzen sind eben schlauer als Menschen und haben einen ganz starken Geruchssinn. Simba hatte die Tablette gerochen und liegen gelassen. Stattdessen frass Smokie, die Schildpattkatze, die Paste samt Inhalt.

Ein weiterer Versuch brachte dann Erfolg. Tina verpackte die Tablette in ein leckeres Stück Fleisch, das Simba gierig frass, das heisst ohne Kauen einfach runterschlang. Nun wäre das Wurmproblem bald behoben und Simbas übermässiger Hunger würde ein Ende nehmen. Auch Simbas Fell besserte sich von Tag zu Tag. Aus einer struppigen Langhaarkatze wurde ein glänzender Simba. Im Sommer, als die Tage länger wurden, kam Simba bereits vor Einbruch der Dunkelheit. Nun konnte Tina ein paar Fotos machen. Die ersten Bilder zeigten einen erschreckten Kater, der bei jeder Bewegung die Flucht ergriff. Nach einiger Zeit merkte er jedoch, dass er sich weder vor Tina noch vor ihrer Kamera fürchten musste. Nach wenigen Wochen sass er vor Tinas Türe, als wohne er schon seit Jahren hier.

Mit den anderen Katzen vertrug er sich nur bedingt. Sie gingen ihm aus dem Weg, denn er fauchte sie an. Es war für Aussenstehende nicht klar zu erkennen, ob das Fauchen Angriff oder Angst bedeutete. Am Anfang rannten Tinas Katzen weg, als Simba mit Knurren und fauchen auf sie losging. Mit der Zeit merkten sie aber, dass er nur ein Angeber mit grossem Maul war. Tasja sprang bei seinem Angriff nicht mehr hoch, lächelte ihn lediglich an. Sie wusste genau, dass er eine Armlänge vor ihr anhalten würde. Es hätte Tina jedoch sehr interessiert, ob Simba ein Kater oder eine Kätzin war. Unter den langen Haaren konnte sie das nicht erkennen. Auch musste sie wissen, ob der Kater kastriert war oder nicht. Dies war jedoch ein schwieriges Unterfangen, denn Simba liess sich zwar füttern, doch nicht berühren. Bis jetzt hatte er in der Wohnung noch keine Duftmarken abgesetzt, doch wollte sie das unbedingt vermeiden. Manchmal versuchte sie ihr Glück und ging mit ihrer Hand auf ihn zu. Dann knurrte er auch Tina an. Er hatte sie schon mehrfach gekratzt, als sie sich ihm näherte. Sie hatte zwar entdeckt, dass er Katzenmilch liebte und während dem Milchschlabbern ruhig vor dem Napf sass, doch streicheln liess er sich auch dann nicht. Wenn sie ihm zu nahe kam und auf sein Fauchen nicht reagierte, packte er die Krallen aus. Er hatte ihr schon mehrfach einen Hieb versetzt. Sie hatte schon einige blutige Striemen einstecken müssen. Doch sie gab nicht auf. Sie war ausdauernd.
Es dauerte Monate bis Tina das erste Mal den schönen Simba berühren konnte. Endlich liess er sich von ihr den Kopf streicheln. Möglich war dies allerdings nur, wenn er seine Zunge in der Katzenmilch hatte. Dann war für ihn die Welt in Ordnung und er liess sich ab und zu, sofern er es auch wollte, etwas streicheln. Sie versuchte allmählich, die Streicheleinheiten vom Kopf über den Rücken auszuweiten. Simba blieb ruhig. Sobald sie aber die Rückenmitte erreicht hatte, knurrte und fauchte 
Simba. Dann musste sie die Hand sofort zurückziehen, denn Simba war eine Wildkatze geworden und unberechenbar. Sie schaffte es nie, ihre Streicheleinheiten auf den ganzen Simba auszudehnen. Irgendetwas musste vorgefallen sein, denn Simbas Scheu war auch für eine wildlebende Katze nicht mehr normal. Auch hatte der Kater panische Angst vor Schuhen. Wenn er am Futternapf sass, konnte Tina ohne Probleme barfuss an ihm vorbeigehen. Trug sie aber Schuhe oder Pantoffeln, ging Simba auf sie los. Er krallte sich tief in ihren Beinen fest. Tina erkannte bald, dass dieses Tier eine misshandelte Katze war. Sie wusste nichts von den vielen Schlägen, die er ertragen hatte und von den harten Fusstritten, die er von seinem alkoholisierten Herrchen einstecken musste. Aber irgendwie spürte Tina, dass sie Simbas Willen und Scheu akzeptieren musste. Sie drängte das Tier nicht und liess ihn so, wie er sein wollte. Er durfte wild weiterleben und konnte bei ihr Unterschlupf suchen, wenn er es wollte.
Im Winter verbrachte er die kalten Nächte im Wohnzimmer. Wenn das Thermometer unter die Nullgrenze fiel, legte er sich im Wohnzimmer auf die Decke, die am Boden für ihn bereit lag. Die anderen Katzen hatten ihn akzeptiert und ihn im Kreise von Tinas Samtpfoten aufgenommen. Am Morgen, wenn Tina aufstand, lag er noch immer da. Er verliess die Wohnung erst, wenn er sich den Bauch gefüllt hatte und auch Tina zur Arbeit fuhr.

Es war für Simba klar, dass er hier bleiben würde. Man gab ihm Futter und liess ihn trotzdem in Ruhe. Mit den anderen Katzen hatte er sich arrangiert. Sie akzeptierten seine Anwesenheit und hofften, dass er sie dafür vor anderen Katern beschützen würde.

Er nahm seine neue Aufgabe sehr ernst und jagte jeden Rivalen davon. Manchmal erntete er ein leichtes Knurren von Miezi, Tinas Hofkater. 
Für das kleine Katerchen war es nicht leicht, den grossen Simba zu akzeptieren. Er konnte sich mit diesem aber nicht anlegen, denn Simba war ihm schon von der Grösse her weit überlegen. Er war eine Nummer zu gross für ihn. Also liess er Simba gewähren. Er durfte bei ihnen nächtigen, musste aber sein Harem in Ruhe lassen. Für Simba war das kein Problem und er war froh, dass er sich mit den anderen Familienmitgliedern so gut vertrug.
Zurück zum Seiteninhalt