Emsy, der Abenteurer - Luskas Bücher

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Emsy, der Abenteurer

Buch 4
Emsy wusste genau, dass er anders war als alle anderen Katzen. Er hatte in seinen jungen Jahren so viel erlebt, dass ihm die Menschen etliche Namen gegeben hatten. Ein paar davon kamen ihm jetzt in den Sinn:
Wohin die Liebe fällt
Ein so schöner und aussergewöhnlicher Kater wie Emsy war im Reiche der Samtpfoten ein vielumworbener Kerl. Die Katzen der Umgebung schwärmten für ihn. Sie stellten ihre Schwänze, wenn sie Emsy sahen und versuchten, seine Gunst zu gewinnen. Doch Emsy war viel zu verrückt, um sich mit einer so gewöhnlichen Hauskatze einzulassen. Er suchte das Abenteuer und begegnete auf seinen Ausflügen einer weissen Katzendame. Sie war bildschön, wild, frei und unbändig. Ihr Fell war nicht gerade sauber, doch sie war dennoch eine zauberhafte Erscheinung. Mit ihr verbrachte er viele Monate, bis sie eines Tages krank wurde. Ihr Bauch wurde dick und dicker und er hatte keine Erklärung dafür. Er brachte ihr Futter, lag stundenlang neben ihr, leckte ihr mit seiner rauen Zunge ihren Kopf. Doch seiner Freundin ging es immer schlechter. Sie wurde schwach und mit ihren fiebrigen Augen sah sie ihn flehend an. In seiner Not brachte er sie zu seinen Freundinnen in der DPD. Sie hatte panische Angst, denn Menschen waren ihr fremd. Erst nach stundenlangem Zureden brachten es die Frauen zustande, die kranke Katze einzufangen. Sie waren überzeugt, dass Emsys Freundin Hilfe brauchte. Im ersten Moment dachten sie, dass die Katze Nachwuchs erwartete, denn ihr Bauch war hart und dick angeschwollen. Sie wollten sich um die Katzendame kümmern, denn sie sahen Emsys flehende Augen, die sagten „helft meiner kleinen lieben Freundin“. Emsy war sehr traurig, denn er wusste genau, dass es für seinen Schatz keine Rettung gab. Es war keine Schwangerschaft, die ihren Bauch so aufschwellen liess. Es waren ihre Nieren, die nicht mehr funktionierten. Um dem Leiden ein sanftes Ende zu bereiten, wurde sie von den Schmerzen erlöst. Emsy hatte sie gerne und brauchte lange, bis er über den Verlust hinwegkam.
Felix, der Glückliche
Nun war Emsy wieder allein und streunte umher. Auf einem Jagdzug traf er Felix. Er sah fast gleich aus wie Tinas Miezi. Sein Bauch war weiss und auf dem Rücken hatte er grosse, dunkelgrau getigerte Flecken. Er war äusserst ängstlich, obwohl er ein Halsband trug. Felix hatte sehr schlechte Erfahrung mit den Menschen gemacht und mied sie, so gut es ging. Sie hatten ihn, nachdem er ihnen überdrüssig geworden war, kurzerhand ausgesetzt. Nun musste er für sich selber sorgen und das war in dieser Umgebung gar nicht so leicht. Das Dorf wuchs von Tag und Tag, neue Häuser wurden erbaut. Auf den einstigen Feldern entstanden Wohnungen. So wurde auch die Mäusejagd immer schwieriger. Als er Emsy begegnete, erzählte ihm dieser von seinen DPD-Freundinnen. Er lud seinen neugewonnenen Freund ein, ihn zu begleiten. Futter gab es bei der DPD genug und Felix konnte sich nun jeden Tag den Bauch vollschlagen. Für die kalten und nassen Tage gab es auch für Felix einen warmen Unterschlupf. Er war Emsy sehr dankbar, dass er ihn mitgenommen hatte. Sie verstanden sich ausgezeichnet und aus dem verschmutzten, abgemagerten Felix wurde innert weniger Wochen ein stattlicher wunderschöner Tigerkater.
Emsy, der Verlierer
Auch wenn Emsy ein starker Kerl war, gab es doch unbezwingbare Feinde. Mit Mäusen hatte er keine Mühe, auch jagte er ab und zu mal eine Ratte. Vögel verabscheute er, denn diese hatten so grässliche Federn, die man vor dem Fressen erst rupfen musste. Doch eines Tage stand ein stämmiger Marder vor ihm, der seine Nase in Emsys Futternapf steckte. „Welch widerlicher Frechling“ fauchte Emsy und versuchte, den ungebetenen Gast zu vertreiben. Doch Herr Marder dachte nicht im Traum daran, diesen Leckerbissen abzugeben. Eigentlich wäre ja genug Futter für alle hier, was wollte denn dieser Kater von ihm? „Nein und nochmals nein, dieser Leckerbissen gehört mir“. Herr Marder verteidigte den Fressnapf mit seinen Zähnen und Pranken. Und dies liess sich Emsy nicht gefallen. Es entstand ein grässlicher Kampf zwischen dem hungrigen Marder und dem gutmütigen Emsy. Emsy war ein absolut friedfertiger Kerl und hasste Futterkämpfe. Normalerweise ging er jedem Streit aus dem Weg, doch jetzt ging es nicht anders. Er war sich Streitereien nicht gewohnt, schon gar nicht Kämpfe mit freilebenden Wildtieren. Der Marder gewann das Gerangel und biss Emsy in den Hals. Dieser verzog sich mit schmerzverzehrtem Gesicht in seinen Unterschlupf. Als Emsy am nächsten Morgen nicht wie gewohnt vor der Bürotür der DPD stand, suchten ihn seine Freundinnen. Sie entdeckten ihn, noch immer blutend und völlig unter Schock. Mit aufgerissenen Augen sass er in einem Gebüsch und liess sich nicht anfassen. Er fauchte sogar seine Freundinnen an. Erst als Tina mutig nach dem fauchenden Emsy griff, konnte man ihn aus dem Gebüsch hervorzerren. Schon wieder wurde er Gast bei Herrn Doktor, der die Wunde versorgte. Nein, diesen Kampf hatte er verloren, hier war er klar der Verlierer.
Emsy, der Besucher
Zwischen Tinas Haus und dem Büro der DPD lag eine grosse Industriezone. Etliche Gebäude standen in einem wunderschönen Areal. Es war ein Paradies für Kater wie Emsy. Besonders freundlich waren die rund 1000 Mitarbeiter, die jeden Tag zur Arbeit kamen. Viele von ihnen hielten kurz an, wenn sie Emsy sahen und streichelten ihn. Er liebte das und legte sich gleich auf den Rücken. Manchmal folgte er ihnen bis sie in der Eingangshalle verschwanden. Er sass vor dem Eingang und wusste gar nicht, wie die Leute in das Gebäude kamen. Wenn er davor stand, war die Türe stets zu. Doch er war ja nicht blöd. Er beobachtete die Personen, wenn sie zur Arbeit gingen und eines Tages hatte er den Trick raus. Er wusste, dass sich die Drehtüre nur öffnete, wenn jemand kam und ging. So wartete er vor der Türe, bis jemand die Türe in Bewegung setzte. Dann schlüpfte er hinein in den Eingangsbereich. Dort stand ein weiches Ledersofa, wo er sich ausruhen konnte. Es gab Tage, an denen er erst nach Stunden entdeckt wurde. Dann stellte man ihn jedoch wieder raus, igitt, hinaus in den Regen, hinaus ins Schneetreiben. Doch er gab noch lange nicht auf. Er wartete einfach, bis der nächste Mitarbeiter zum Dienst kam und schlüpfte erneut in den Eingangsbereich hinein. Manchmal hatte er Glück und wurde nicht entdeckt. Dann lag er auf seinem Sofa und konnte das Treiben im und ums Haus beobachten.

Im nächsten Gebäude der Firma Roche befand sich das Personalrestaurant. Leckere Düfte stiegen in seine Nase. Hinter dieser Kantine erstreckte sich ein wunderschön angelegter Kräutergarten. Mitten drin lag ein kleiner Teich, in dem Fische schwammen. Rund um diesen Teich standen im Sommer Bänke und Tische. Die Mitarbeiter der Firma Roche verbrachten dort ihre Mittagszeit. Manche von ihnen assen draussen und liessen sich die Sonne auf den Kopf scheinen. Emsy strich um ihre Beine. Er war sich sicher, dass ab und zu mal ein Häppchen vom Tisch fallen würde. So geschah es auch und Emsy wurde auch im Essenstrakt ein gerngesehener Gast.
Emsy, der Stinker
Im Leben von Emsy gab es auch Erlebnisse, die er lieber vergessen würde. Eines Tages lag ein eigenartiger Geruch in der Luft. Er konnte sich nicht erklären, woher der kam. Sicher war jedoch, dass Emsy schrecklich aussah, als er bei der DPD eintraf. Seine sonst weissen Füsse waren braunschwarz gefärbt. Er stank, als sei er in ein Jauchefass gefallen. Alle rümpften die Nase, als sie Emsy sahen. Er durfte nicht mal rein in die gute Stube. Sie schlossen ihn kurzerhand raus. Er war im wahrsten Sinne des Wortes „stinkesauer“. Erst am Nachmittag, als er etwas sauberer daher kam, liessen seine Freundinnen ihn wieder ins Büro hinein.
Am nächsten Tag ging es Emsy schlecht, am übernächsten noch schlechter. Er fühlte sich elend und wollte das Büro überhaupt nicht mehr verlassen. Er lag nur noch da, streckte nicht mal mehr den Kopf in die Höhe, als man seinen Namen rief. Es ging ihm ganz elend. Als dieser Zustand auch am vierten Tag nicht besser wurde, brachte man ihm zum Arzt, der aber für diese Krankheit auch keinen Namen wusste. Irgendwie war alles eigenartig, doch keiner wusste, woher Emsys Niedergeschlagenheit kam. Er musste eine Nacht im Spital bleiben, wurde an einen Tropf gehängt und beobachtet. Alle hatten Angst um ihren Freund. Es gab da draussen so viele Gefahren und Emsy konnte ja nicht reden. Er konnte niemandem erzählen, was ihm widerfahren war. Alles deutete darauf hin, dass er vergiftet worden war, doch keiner wusste, womit.

Als die Frauen ihn am nächsten Tag vom Spital abholten, ging es ihm bereits besser. Als man Tina von den Erlebnissen dieser Woche berichtete, war alles klar. Sie konnte Eins und Eins zusammenzählen. Emsy war über die frisch gedüngten Felder gelaufen. Da es die Vortage stark geregnet hatte, sog sich Emsys Fell mit Jauche voll. Er stank wie ein Misthaufen, als er bei der DPD ankam. Da man ihn nicht reinliess, waschte er sich erst sauber. Er putzte mit seiner Zunge die ganze Brühe weg. Dabei verschluckte er eine grosse Menge Jauche, die schwefelhaltig ist. Und diesen Schwefel konnte der gute Emsy nicht abbauen. Deshalb ging es ihm so schlecht. Erst die „Entgiftung“ beim Tierarzt stellte sein Gleichgewicht wieder her. Nun war er wieder gesund und war auch kein Emsy der Stinker mehr.
Emsy, der Marathonläufer
Ein Kater wie Emsy muss fit sein, das steht wohl ausser Zweifel. Zwischen Tinas Wohnung und seinem Büro in der Firma DPD liegen etwa zwei Kilometer. Da sein Drang nach seinen Freundinnen sehr gross ist, bewältigt Emsy diese Strecke in Windeseile. Im Winter holt ihn Tina jeden Abend bei der DPD ab und bringt ihn mit dem Auto nach Hause. Emsy würde den Heimweg alleine nicht in Angriff nehme, viel eher legt er sich ins Lagerhaus, wo bis Mitternacht gearbeitet wird. Es ist auch schon passiert, dass Tina Emsy nach Hause gebracht hat, dieser aber sofort wieder zur DPD gelaufen ist. Wer weiss, vielleicht ist dies eine Art Marathon der Kater.
Emsy, der Wonnebrocken
Vermutlich findet man nicht viele Katzen, die derart sanftmütig sind wie Emsy. Er hatte in seinem Leben viele Katzen getroffen und mit einigen den Haushalt geteilt. Ihn bringt nicht so schnell etwas aus der Ruhe, schon gar nicht ein neuer Gast. So war er auch eines Tages nicht sonderlich erstaunt, als plötzlich ein kleines Katerchen in seinem Heim stand.

Mehr erstaunt war dann allerdings Tina, als sie abends nach Hause kam und ein kleines Büsi bei Emsy lag. Sie schaute sich den Zwerg an und hatte keine Ahnung, wem er gehörte, woher er kam und wieso er in ihrer Wohnung bei Emsy lag. Auch die Nachfrage bei den Nachbarn ergab keine neuen Erkenntnisse.

So ging Tina spazieren und fragte unterwegs alle Leute, die ihr begegneten, ob sie einen jungen weissen Kater vermissten. Niemand kannte den kleinen Kerl. Tina wusste nicht, was sie mit dem süssen Kätzchen anfangen sollte.

Erst gegen Mitternacht, als Tina erneut einen Spaziergang machte, traf sie eine Frau mit ihrem Sohn. Diese schienen etwas zu suchen, denn sie schauten unter alle Gebüsche und in jeden Vorgarten. Ja, sie suchten ihr junges Kätzchen, das am Vortag bei ihnen eingezogen war. Es hiess „Güdi“ und war ein kleiner Frechdachs. Güdi war einfach abgehauen. Er wollte wissen, wie es in der neuen Umgebung aussah. Leider hatte er sich auf seiner Erkundigungstour verirrt und eine junge Frau hatte ihn entdeckt. Sie wusste auch nicht, wohin dieses Kätzchen gehörte und hatte den guten Güdi kurzerhand in Tinas Katzentüre geschoben. Dort legte sich Güdi zu Emsy, der keine Anstalten machte, den Eindringling wieder wegzuschicken. Emsy blickte schon lange nicht mehr durch, wer effektiv in dieses Katzenhaus gehörte und wer hier nur Gast war. Ihm war das eh zu viel. Er beschnupperte kurz das kleine Wesen, gähnte und legte sich wieder hin. So fand Tina Emsy und seinen kleinen Gast vor, als sie von der Arbeit nach Hause kam.
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