Ein unbelehrbarer Streuner - Luskas Bücher

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Ein unbelehrbarer Streuner

Buch 4
Es vergingen Wochen und Monate, bis Emsy wieder fit war. Natürlich sah man es ihm noch an, dass er irgendwie behindert war. Er konnte sich nicht mehr hinsetzen wie jede andere Katze und beim Spazieren hinkte er leicht. Für viele Leute war das ein Warnzeichen. Sie riefen Tina regelmässig an, um ihr mitzuteilen, dass Emsy irgendwo sass und vermutlich einen Unfall gehabt hatte, da er hinkte. Tina ging jedem Hinweis nach. Sie holte den guten Emsy regelmässig an bekannten und unbekannten Orten ab. Es war eigentlich super, dass sich die Leute unaufgefordert um Emsy den Streuner kümmerten. Sie wussten ja nicht, dass es ihm eigentlich gut ging und das Hinken von einer alten Verletzung stammte. Emsy selbst war es egal, was die Leute von ihm dachten. Er wusste, dass sein Kinn etwas herunterhing, seine Lippe durch den fehlenden Fangzahn oft im Mundwinkel hängenblieb, sein Hinterbein versteift war und er nicht mehr gerade sitzen konnte. Doch das kümmerte ihn sehr wenig. Er fand sich schön und wurde auch von allen Seiten in seiner Meinung bestärkt. Man liebte ihn, dass wusste er. In der Katzenwelt war er „der King“ und bei den Menschen „der Wonnebrocken“. Seine Taktik, sich gleich hinzulegen und zu schnurren, kam bei den Menschen gut an. Sie fanden ihn köstlich und einzigartig. Egal wohin er kam, er stand bald im Mittelpunkt, und das liebte er über alles. Manchmal schauten sie ihn etwas fragend an, doch dann spürte er schon bald ihre Hände, wie sie ihn streichelten. In ihren Stimmen hörte er den Klang der Zuneigung. Und wenn er besonders gut drauf war und mit seiner tiefen Stimme ein Schnurrkonzert gab, bekam er ab und zu mal den Brotaufstrich ab oder den Schinken aus dem Vesperbrot.

Dass er Tina auf Trab hielt, was ihm egal. Für ihn war nur wichtig, dass er seine Freiheit hatte und durch die Felder streunen konnte. Seine Welt war wieder in Ordnung seit dem Tag, an dem man ihn wieder in die Freiheit entlassen hatte. Nie wieder wollte er so lange eingesperrt sein. Er wollte durch die Felder streifen, die Natur riechen und den Himmel und die Sterne über sich sehen. Sein Revier war riesengross, grösser als das eines wildlebenden Katers. Er regierte dort wie ein König, denn weit und breit gab es keinen anderen Kater, der ihm den Platz hätte streitig machen können.

Er begegnete bei seinen Streifzügen nicht nur fremden Menschen, nein, um die Firma Roche gab es auch zahlreiche Feldhasen und Mäuse. Diese Firma legte nämlich grossen Wert darauf, ihre Wiesen und Gärten naturbelassen zu pflegen. Sie wurden für ihre Magerwiesen und Gärten mehrfach ausgezeichnet. In den weitläufigen Gärten gab es Sträucher und Bäume, an denen lateinische Namen angebracht waren. Um den Weiher blühten Blumen mit exotischen Düften. Er streckte seinen Riecher in die Blüten und sog den einzigartigen Geruch auf. Manchmal wälzte er sich auch darin, dann roch er wie eine auserlesene tropische Blume. Auch gab es ein riesengrosses Feld mit Katzenminze, eine von Emsys Lieblingssorten. An dieser Minze rieb er seine Backen, drückte den Kopf ins Minzenbeet und frass sie gierig auf. Für den Menschen stinkt dieses Zeug, doch für Emsy war es Opium. Dieses Kraut machte ihn wild. Nach dem Minzenbad roch er für die Kätzinnen der Region einfach unwiderstehlich. Er verbrachte viel Zeit im Kräutergarten.

An heissen Sommertagen sah man ihn am Biotop sitzen, dort wo das Wasser durch die Hitze jeden Tag weniger wurde. Er schaute den Fischen zu, die sich im stets kleiner werdenden Tümpel um den letzten Platz stritten. Da sass er mitten im Teich auf einem Stein und schaute dem nassen Treiben zu. Er wusste genau, der Tag würde kommen, an dem die Fische nicht mehr schwimmen konnten. Dann würde er zuschlagen und sich eine leckere Mahlzeit holen. Es würde höchstens noch zwei bis drei Tage dauern. Er hatte viel Geduld und Ausdauer, er konnte warten. Doch leider machte ihm ein eifriger Gärtner einen Strich durch die Rechnung. Als der Wasserstand bedrohlich tief geworden war, füllte er den Teich mit frischem Wasser wieder auf. „Pech gehabt“, dachte er und schlenderte zurück zur DPD.

Seit seinem letzten und schwersten Unfall mied er die Schnellstrasse und blieb auf der Strassenseite, auf der er sich gerade befand. So wechselten sich seine Streunertouren von der Nord- zur Südroute ab. Wenn ihn Tina bei der Roche (Strassensüdseite) auflas und zur DPD (Nordseite) brachte, blieb er eben dort und besuchte all die Firmen, die auf dieser Strassenseite angegliedert waren. So kamen alle in den Genuss von Emsys Besuch. Nur selten überquerte er noch die vielbefahrene Strasse, denn durch sein steifes Bein konnte er nicht mehr so schnell rennen wie vorher. Er hatte es zwar oft versucht. Dann sass er eine Stunde lang am Strassenrand und schaute den Autos zu, die an ihm vorüberbrausten. Er hatte grässliche Angst und getraute sich nicht rüberzurennen. Wenn seine Geduld am Ende war, kehrte er um. Er kletterte die Böschung hinunter und nahm den längeren Weg auf sich. Dieser führte durch die Unterführung, die extra dafür errichtet worden war, damit Mensch, Tier und Verkehr die Hauptstrasse schadlos über(unter)queren konnten.

Für Tina war das Leben nicht leichter geworden. Je nachdem, wo ihr Streuner aufgetaucht war, musste sie hinfahren und ihn abholen. Es konnte durchaus vorkommen, dass sie in einer Woche mehrmals den Feierabend verschieben musste, da sie von der Arbeit nach Hause kam und das Telefon klingelte. Seitdem Emsy ein Halsband mit Adresse und Telefonnummer trug, gingen regelmässig Anrufe bei Tina ein. Obwohl sie sich darauf gefreut hatte, endlich die Füsse hochzulagern und den Feierabend zu geniessen, setzte sie sich wieder ins Auto und fuhr los. Sie ging jedem Hinweis nach, schon allein deswegen, da sie den Anrufern dankbar war, dass ihnen aufgefallen war, dass ein Kater weit weg vom nächsten Wohnhaus herumschlich. Tina lernte auf diesem Weg viele nette Leute kennen.

Wie das unter Katzenfreunden üblich ist, spricht man die gleiche Sprache und tauscht Erfahrungen aus. Wenn Tina ihnen erzählte, was Emsy schon alles passiert war, blieb ihnen der Mund offen stehen. Erst jetzt wurde ihnen bewusst, mit wem sie es zu tun hatten. Sie hatten einen sehr berühmten Kater kennen gelernt. Manchmal mussten sie lachen, wenn Tina ihnen von seinen Schandtaten erzählte.

Die meisten Anrufer waren sehr erstaunt darüber, dass sich Emsy jedem Fremden gleich vor die Füsse warf und den Bauch zum Streicheln anbot. Sie hatten daheim „normale“ Hauskatzen und kannten die natürliche Scheu, die sie Fremden gegenüber zeigten. Genau dies war auch der Grund, weshalb sie Tina anriefen. Sie wussten genau, dass dieser Kater einen Besitzer oder eine Besitzerin hatte. Je länger sie sich mit Tina unterhielten, desto klarer wurde ihnen, dass sie es hier mit einem ganz besonderen Kater zu tun hatten. Es waren nicht nur seine Erlebnisse, sondern die Art, wie er auf Menschen zuging. Er war unvoreingenommen und liebevoll.

Auf diese Weise lernte Tina die ganze Umgebung kennen. Sie begegnete vielen Katzenfreunden und lernte auf diesem Weg auch sämtliche Katzen der Region kennen. Wurde irgendwo in der Umgebung eine Samtpfote vermisst, rief man Tina an. Bald bekam sie den Uebernamen „das Katzenmami von Kaiseraugst“. Da sie die meisten Katzen und Häuser der Region kannte, konnte sie gute Ratschläge geben, wo sie suchen und was sie unternehmen sollten. Natürlich wurde immer das Tierfundbüro der Region eingeschaltet und das Internet. Manchmal konnte sie vor Ort helfen, wenn eine Katze vermisst wurde, doch oft konnte sie nur die Augen und Ohren offenhalten und Hinweise an den Besitzer weitergeben. Immerhin konnte sie den Familien beistehen und ihnen gute Ratschläge geben, was sie alles unternehmen sollten, um ihre Katze wiederzubekommen. Wenn sie dann Tage oder Wochen später eine Rückmeldung bekam, dass die Katze wieder daheim ist, war Tina glücklich. Sie wusste genau, was es heisst, ein Tier zu vermissen und wie schrecklich es ist, wenn man über den Verbleib des Stubentigers im Ungewissen ist. Dies waren schöne Nachrichten und Tina war froh, etwas Hilfe anbieten zu können.

Tinas Katzenhaus war nicht zu übersehen. In Ihrem Garten standen nämlich drei Katzen­bäume, einer davon eine Sonderanfertigung von Michel, dem ehemaligen Besitzer von Emsy. Besonders dieser Baum fiel den Spaziergängern auf, denn er war etwas Aussergewöhnliches. Tina hatte ihn von Michel bekommen und dann später noch zwei zusätzliche Körbe angebracht. So sah man oft mehrere Katzen, die auf dem Baum lagen oder in den Körben schliefen. Wer im obersten Korb liegen durfte, hatte den besten Platz. Von da oben konnte man über die Hecke schielen. Hoch oben hatte man den Ueberblick über das ganze Geschehen am Rosenweg. Im Sommer übernachteten die Katzen liebend gern auf diesem Baum. Sie waren geschützt vor den Igeln und dem Fuchs, der manchmal vorbeischaute. Auf diese Weise konnten sie dem Treiben zuschauen und sich die warme Nachluft um die Nase wehen lassen. Die Körbe waren weich und warm gepolstert und durch nichts zu übertreffen. Wenn Tina am Morgen die Türe zum Garten öffnete, entdeckte sie nur drei paar Spitzohren, die über den Korbrand hinausschauten.

Tinas Katzen wussten genau, dass Emsy nur selten daheim war. Sie hatten in den letzten Monaten miterlebt, wie es um den Streuner stand. Natürlich wussten sie nicht, was Emsy da draussen alles erlebt hatte und wo er sich die meiste Zeit rumtrieb. Vielleicht war es auch besser so. Tina hatte ein grosses Unbehagen beim Gedanken, eine ihrer Katzen würde Emsy mal auf dem Weg ins Revier folgen. Sie hatte genug damit zu tun, ihren Kater zu suchen und wollte unter keinen Umständen eine zweite Katze haben, die auf Wanderschaft ging wie ihr guter Emsy. Diese Unruhe, die der Streuner in sich trug, kannten die anderen aber nicht. Sie waren Katzenmädchen und hatten ein wesentlich kleineres Revier als ihr grosser Bruder. Ihnen genügte es vollauf, wenn sie mit Tina eine Spazierrunde durch den benachbarten Park machen konnten. Das war für sie ein Glücksgefühl. Meistens fanden diese Ausflüge am Sonntag statt, dann, wenn Tina frei hatte. Sie freuten sich ungemein, wenn sie den Weg zum Park einschlug. Dann kletterten sie von ihrem Baum runter und folgten ihr. Die anderen Parkbesucher staunten nicht schlecht, als sie Tina sahen, wie sie langsam durch den Park spazierte, gefolgt von fünf oder sechs Katzen. Tina brauchte keine Pfeife, wie der Rattenfänger von Hameln, die Tiere folgten ihr einfach, unaufgefordert.

Im Park gab es grosse Magerwiesen und uralte Bäume. Die Katzen liebten diese Spaziergänge, in denen sie ausgiebig klettern und rennen konnten. Wenn sie quer über die Magerwiesen wetzten und ihren Körper dabei voll ausstrecken konnten, dachte sie oft an die Wohnungskatzen, die nie Gras unter ihren Füssen spüren und nie im Volltempo über eine Wiese rennen konnten. Diese Tiere waren zwar geschützt und hatten oft ein längeres und behüteteres Leben, doch ihnen entging ein Teil Lebens­qualität, die Natur. Nie hätte Tina Wohnungskatzen gewollt. Für sie war immer klar, dass eine Katze raus muss. Zwar lebten sie dadurch gefährlicher, doch konnten sie all das erleben, was in der Natur der Samtpfote steckt.

Manchmal kam auch Emsy mit auf die Spaziergänge. Dies war zwar eher selten, doch dann war die Familie komplett. Dann watschelte er seinen Geschwistern nach und legte sich zu Tina auf die Parkbank. Im Verlaufe der Jahre hatte Tina viele Katzenfreunde kennen gelernt. Emsy war dabei oft der Vermittler. Er hatte Gleichgesinnte zusammengeführt und aus Fremden waren Freunde entstanden. Das Thema war gegeben, ein Prachts-Musterbeispiel „Emsy“ stand vor ihnen. Zu vielen Dingen gab es verschiedene Ansichten und Meinungen. Doch über eines waren sie sich einig, einen solchen Kerl wie Emsy gibt es nur einmal auf dieser Welt.
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