Verschollen - Luskas Bücher

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Verschollen

Buch 8
In einem kleinen Dorf mitten in den Schweizer Alpen lebten Tom mit seiner Frau Anke und dem Bernhardinerhund Big. Sie waren vor vielen Jahren aus dem Norden in die schöne Schweiz eingewandert. Tom führte mit seiner Frau ein kleines Hotel nach schwedischem Vorbild. Meistens beherbergten sie schwedische Touristen, denen sie auf diese Weise die schöne Schweiz mit ihren Sehenswürdigkeiten zeigen konnten. Es gab nur wenige Wochen, in denen man bei Tom und Anke noch ein freies Zimmer fand. Obwohl Tom und Anke aus Schweden waren, wollten sie ihren Gästen die Schweiz etwas näher bringen. Einmal in der Woche organisierten sie einen Schweizer Abend mit Fondue oder Raclette und volkstümlicher Musik mit Jodeleinlagen.

Selbstverständlich gab es aber auch eine schwedische Sauna hinter dem Haus. Das kleine Hotel stand absolut ideal für die Wintergäste. Innert drei Minuten war man an der Talstation des Skiliftes, der die Gäste in eine Traumlandschaft mit 60 Kilometer Skipisten führte. Die Gastgeber verbanden das Schweizerische mit dem Schwedischen auf eine äusserst liebevolle Art.

Und mittendrin lebte Big, ein Bernhardinerhund. Er war die Sensation des Hotels und überall gern gesehen. Meistens lag er an der Eingangstüre vor dem Hotel und begrüsste die neuen Gäste mit einem tiefen "Wau". Er war ein absoluter Riese mit seinen 95 Kilos und phlegmatisch wie alle seiner Art. Seine Pfoten waren so gross wie die eines Löwen, und mit denen schleppte er im Winter ganze Schneeberge und Eiszapfen in die Eingangshalle. Aber niemand war ihm böse, denn von der Art her war er so sanft wie ein Riesenbaby. Er liebte den Schnee und verbrachte die meiste Zeit draussen. Hinter dem Hotel hatte man ihm eine Hundehütte erstellt, wo er sich bei Wind und eisiger Kälte zurückziehen konnte. Es gab aber auch eine Hundeklappe zum Keller. Diese war so gross, dass ein Kalb hätte durchschlüpfen können. Aber diese Türgrösse brauchte es eben bei einem so grossen Hund. Diesen Weg nutzte er aber nur, wenn der Thermometer sehr tief in die Minusgrade ging. Er trotzte Wind und Wetter, denn in Schweden, wo er vorher gewohnt hatte, war es viel kälter als hier in den Bergen.

Im Sommer, wenn Tom und Anke für drei Wochen ihr Gasthaus schlossen und Urlaub machten, fuhren sie meistens mit ihrem Oldtimer weg. Sie machten eine Rundfahrt durch die Berge oder in den Süden. Dann durfte Big auf der hinteren Bank im Oldtimer mitfahren. Er hockte dann hoch aufgerichtet auf der Rücksitzbank und streckte seine Schnauze in den Wind. Das gefiel ihm und er war stolz, dass man ihn überall fotografierte; das kleine alte Auto mit dem riesigen Tier auf dem Rücksitz. Er war tatsächlich mächtig und bekannt im ganzen Dorf. Da Tom und Anke nicht so viel Zeit für ihn hatten, ging er einfach alleine spazieren. Er begrüsste den Bäcker, den Metzger, den Polizisten und Frau Schneider von nebenan. Sein Rundgang führte ihn auch zur Bank, wo er sich hinlegte und die Kunden beobachtete, wie sie Scheine aus dem Geldautomaten zogen.

Kinder liebte er besonders. Sie durften ihn streicheln und mit ihren Händen in sein dichtes Fell fahren. Seine Route war jeden Tag gleich, eine Runde quer durchs Dorf. Punkt 11 Uhr stand er – wie jeden Tag – im Garten von Hans und Maria, einem betagten Ehepaar. Sie hatten fast immer eine Wurst für ihn parat und freuten sich, wenn er sie in einem Biss runterschlang. Er legte sich zu ihnen und liess sich von ihnen streicheln. Bei Hans und Maria lebte auch Mimi, eine ältere Katzendame. Sie gesellte sich stets zu ihnen und legte sich dicht an Big. Auch sie genoss den grossen Kerl, der ihr Wärme und Sicherheit gab. Big hatte keine Mühe mit ihr. Er war viel zu faul geworden, um Katzen zu jagen. Das hätte er vielleicht in jüngeren Jahren gemacht, doch jetzt wusste er, dass er eh keine Chance hatte, wenn die Katze davon sprang.

Manchmal kamen auch die Enkel zu Hans und Maria. Doch das änderte nichts daran, dass Big jeden Tag Punkt 11 Uhr vorbei schaute. Das Ritual war jeden Tag gleich und alle im Dorf kannten ihn. Fremde fanden es im ersten Moment etwas eigenartig, dass ein so grosser Hund ohne Begleitung überall im Dorf unterwegs war. Da er aber ein Halsband trug, wussten sie, dass er einen Besitzer hatte. Zudem begrüssten ihn alle mit "hallo Big", also musste er dorfbekannt sein.

Tom war ein guter Gastgeber, aber auch ein exzellenter Bergführer. Wenn es die Zeit zuliess, führte er seine Gäste in die Berge. Dann durfte Big mitkommen. Tom montierte ein kleines Fass an seinem Halsband, das mit einer Flüssigkeit gefüllt war. Eigentlich war nur etwas Schnaps (Lebenswasser) in diesem Fässchen, doch Tom erklärte den Touristen, es handle sich dabei um einen Zaubertrank. Und Big war sehr stolz darauf, dass er die Wandergruppe begleiten durfte. Er kannte alle Wege und Gefahren. Und die Touristen fühlten sich geschützt durch ihn. Er hatte sogar schon einmal einen richtigen Einsatz als Rettungshund. Als vor vier Jahren eine Lawine vom Berg donnerte und ein Bauernhaus unter sich begrub, wurde er auch eingesetzt, um Verschüttete zu suchen. Mit seiner Nase konnte er riechen, ob es unter dem Schnee noch Leben gab. Und mit seinen Pranken konnte er besser graben als jeder Mensch mit einer Schaufel. Natürlich war er nicht der einzige Hund, der mit dem Suchtrupp unterwegs war, doch garantiert der grösste. Für ihn war die Suche Spass und Abwechslung, für die verschüttete Familie bitterer Ernst. Sie hatten damals grosses Glück, dass die Hunde sie gefunden hatten und sie mit wenigen Blessuren davon kamen.

So ging es Monat für Monat. Die Touristen kamen und gingen und Big absolvierte seinen täglichen Rundgang. An einem kalten Wintermorgen war das Haus von Hans und Maria dunkel. Keiner war daheim. Auf sein Bellen reagierte niemand. Nicht einmal Mimi lag auf der Bank vor der Küche, was sie sonst doch immer machte. Es gab also keine Streicheleinheiten und keine Wurst. Stattdessen spürte er die Unruhe im Dorf. Entgegen allem, was er sonst tat, ging er zurück ins Dorfzentrum. Vor dem Dorfladen standen einige Leute, die sich rege unterhielten. Hans und Maria waren unterwegs, um ihre Enkeltochter zu suchen. Sina war seit heute Morgen verschwunden und sie fragten überall nach, ob jemand ihre Enkelin gesehen hatte. Sie vermuteten, dass Sina weggelaufen war, um nach Mimi zu suchen, denn die Katzendame war seit gestern Nachmittag verschwunden. Maria machte sich grosse Sorgen und Vorwürfe. Warum hatte sie Sina nur davon erzählt, dass Mimi fehlte? Bestimmt gäbe es dafür eine ganz normale Erklärung. Nie hätte sie gedacht, dass Sina so überreagieren würde.

Für Big war die Sache klar. Er wollte nicht mehr länger warten. Er schnappte sich beim Hotel das Halsband mit dem Fässchen, das ihn als Suchhund kennzeichnete, und ging bergaufwärts. Es lag dichter Schnee und der Weg war beschwerlich. Mit seinen dicken Pfoten versank er tief im weissen Nass. Doch er stapfte weiter, Schritt um Schritt. Er hatte die Katzendame auch schon mal da oben in den Bergen angetroffen. Vielleicht war sie ja wieder dort. Und wenn er Glück hatte, war Sina bei ihr.

Er war schon lange unterwegs und bereits sehr müde, als er im Schnee Spuren fand. Mit seiner grossen Nase schnupperte er an ihnen. Es stieg ihm ein Duft in die Nase, den er kannte. Es waren die Fussabdrücke von Sina. Nun musste er ihnen nur noch folgen, dann würde er Sina finden.

Am Fusse des Matterhorns sass Sina in einer Höhle. Sie hatte kalt und Angst. Ihre Oma hatte ihr erzählt, dass Mimi weggelaufen war. Sie wollte sie suchen bevor es Abend wurde. Es war genauso wie in ihrem Buch "Hoppel in Not", als der Zwerghase weggelaufen war. Da konnte das Kind auch seinen geliebten Hasen wiederfinden. Sie nahm also eine kleine Laterne mit und folgte den Spuren, die sie von Mimi gesehen hatte. Allerdings hatte sie sich getäuscht, denn die Spuren, die sie für Mimis hielt, waren nicht ihre. Es gab noch viele andere Katzen im Dorf, die ebenfalls Spuren im Schnee hinterliessen. Aber wie hätte das ein achtjähriges Mädchen auch wissen sollen. Für sie stand es fest, sie würde Mimi finden.

Sie ging und ging, rief immer wieder nach Mimi. Die Spuren führten sie von links nach rechts. Sie waren kreuz und quer verteilt, doch Sina war sich dessen nicht bewusst. Sie lief teilweise im Kreis herum. Jede Spur, die sie entdeckte, war ihrer Meinung nach die Spur von Mimi. Der Weg führte sie weitab vom Dorf, hinauf in die unbewohnte Gegend am Fusse des Matterhorns. Sie war so fixiert auf Mimi, dass sie die Zeit vergass und gar nicht realisierte, dass sie das Dorf verlassen hatte und sich in die Einöde begab. Dies war für ein Kind in ihrem Alter gefährlich, denn niemand würde sie hier oben suchen, falls ihr etwas passierte. Auf einem der letzten Bäume sass ein Käuzchen. Es rief Sina aufgeregt zu "Mädchen, geh nach Hause, hier ist es zu gefährlich." Aber Sina ignorierte diese Warnung. Sie würde nicht ohne Mimi heimgehen.

Dann entdeckte sie Mimi. Diese sass am Eingang einer Höhle und schaute ins Tal hinunter. Sina rannte zu ihr, nahm sie in die Arme und drückte sie ganz fest an sich. "Mimi, was machst du hier? Du hattest Glück, dass ich dich gefunden habe. Warte, ich wärme dich etwas auf." Sie nahm Mimi unter ihren Mantel und streichelte sie mit einer Hand. Sie war richtig kalt. Gerade als sie den Heimweg antreten wollten, verdunkelte sich der Himmel. Ein Schneesturm zog auf. Sina und Mimi suchten Schutz vor der Kälte und den Schneeflocken, die quer durch die Luft flogen. Sie gingen weiter in die Höhle hinein, fanden dort an der hinteren Wand einen Unterschlupf. Es war unheimlich hier. Sina war froh, dass sie die Laterne mitgenommen hatte. Im Schein dieser Lampe entdeckte sie dunkel Gestalten, die an der Decke hingen. Ihre Köpfe schauten nach unten. Sie hielten sich mit ihren Krallen an der Decke fest. Es waren unheimliche Tiere. Noch nie hatte sie Fledermäuse gesehen, schon gar nicht in so grosser Zahl. Jetzt bekam sie es mit der Angst zu tun. Sie war gefangen, zusammen mit diesen Tieren die wie Drachen aussahen. In der Höhle sassen die unheimlichen Tiere und draussen tobte der Schneesturm. Wie froh war sie doch, dass sie Mimi bei sich hatte. Sie spürte nicht, dass auch Mimi am ganzen Leib zitterte und sich fest an sie drückte. Von draussen hörte sie wieder das Käuzchen, dass sie erneut aufforderte, nach Hause zu gehen. Doch auch diese Mahnung missachteten sie. Das Käuzchen rief immer lauter "bitte, bitte, geht heim!" Aber sie blieben.

Dann stand sie vor ihnen, eine schwarze Gestalt in einem langen Mantel. Sie lachte schrill und riss dabei ihren Mund so stark auf, dass man ihre verfaulten Zähne sehen konnte. Ihr Lachen tönte wie ein Kreischen. Unter ihrer Kapuze sah man das alte verbissene Gesicht mit der langen Hakennase. Sie lachte immer wieder und tanzte in der Höhle umher. Dann riss sie ihre Hände hoch und Sina entdeckte die langen Fingernägel, die sie wie eine Waffe gegen das Duo streckte. "Ihr habt mein Reich betreten, das war ein Fehler. Hier ist mein Revier und niemand darf sich hier aufhalten. Wer das tut, wird bestraft, für immer." Die Hexe fuchtelte mit ihren Händen durch die Luft und stiess laute Flüche aus. Dann zog sie blitzschnell einen Zauberstab aus ihrem Mantel hervor und hielt ihn drohend gegen Sina und Mimi. "Schlangenei und Krötendreck, ihr müsst aus meiner Höhle weg! Ene, mene, Riesenschreck, du bist jetzt augenblicklich weg!" Aus dem Zauberstab der Hexe kam ein Wasserstrahl und Rauch. Sina und Mimi wurden vollkommen eingenebelt und mit Wassertropfen übersäht, die innert Sekunden zu Eis wurden. Sie hockten noch immer auf dem Felsen und hielten sich gegenseitig fest. Doch aus ihnen war innert Sekunden ein Eisberg entstanden. Die Fledermäuse über ihnen weinten. Sina und Mimi spürten noch die Tränen, die auf sie hinab tropften. Dann fielen sie in einen unendlich tiefen Schlaf.

Auch die Fledermäuse waren Gefangene der Hexe. Nun mussten sie mitansehen, wie das Mädchen und sein Büsi zu Eis erstarrten. Sie waren sehr traurig, hatten aber keine Möglichkeit einzugreifen, denn sie waren an der Decke festgewachsen. Die Macht der Hexe war gross. Es gab kein Mittel dagegen. Man munkelte zwar, die wahre Liebe könne ihre Macht erschüttern und die Zauberkraft ausschalten. Aber einen Beweis dafür hatte es noch nicht gegeben.

Die Hexe war seit Jahren hier. Sie duldete keine Eindringlinge. Wer in ihre Höhle kam wurde verhext für immer und ewig. Sie wusste auch von Big und davon, dass er mit Sina und Mimi befreundet war. Sie wollte das Zauberelixier, das Big in seinem Fässchen trug. Dieses Elixier würde ihr noch mehr Macht geben. Sie musste es haben. Der Besuch der beiden in ihrer Höhle kam ihr sehr gelegen. Schon lange hatte sie auf eine Gelegenheit gewartet, Big zu treffen. Bestimmt würde er seine Freunde suchen. Dann könnte sie das Elixier stehlen und Big zu einer Fledermaus verwandeln.

Von dem allem wusste Big nichts. Er stapfte immer noch durch den Schnee. Von weitem hörte er Stimmen aus dem Dorf, die nach Sina riefen. Langsam wurde es dunkel und er musste sich einen Unterschlupf suchen. Er legte sich unter die grosse Wurzel eines umgefallen Baumes und rollte sich ein. Sein dichtes Fell umschlang ihn wie ein Pelzmantel und hielt ihn in der Nacht warm. Am Morgen, als er die Augen öffnete, musste er zuerst den Neuschnee von seinem Rücken schütteln. Es war noch immer beissend kalt. Erst als die Sonne aufging, wurde es etwas wärmer, sodass er seine Suche fortsetzen konnte. Er drückte seine Nase tief in den Schnee und versuchte die Fährte wieder aufzunehmen. Die Spuren waren kaum mehr vorhanden. Der Schnee, der in der Nacht fiel, hatte sie tief unter sich begraben.

Er gab nicht auf, er musste Sina finden. Gegen Mittag erreichte er die Höhle, wo er Mimi schon einmal gesehen hatte. Er spähte hinein. Es war sehr dunkel. Dennoch konnte er ein paar Gestalten sehen, die an der Decke hingen. Sie sahen sehr komisch aus. In der Höhle roch es unangenehm, nach Kot und Moder. Trotzdem betrat er den dunklen Raum. Von oben hingen Flügel und Beine herunter, Fledermäuse. Weit hinten an der Wand sass eine Gestalt, die in einem Eisblock gefangen war. Es war Sina! Aus ihrem Mantel schaute Mimi hervor. Beide hatten die Augen geschlossen und schliefen.

Big begann zu weinen. Er schämte sich zwar dafür, dass er als ausgewachsener Bernhardiner Tränen vergoss wie ein Welpe. Doch das Bild der erstarrten Freunde machte ihn unheimlich traurig. Wäre er nur früher gekommen, dann hätte er sie vielleicht retten können. Nun waren sie erfroren. Er weinte bitterlich. Seine Tränen tropften auf den Eisblock, in dem seine Freunde festsassen. Er wollte sie nicht noch mit seinen Tränen beschmutzen. Deshalb leckte er mit seiner rauen Zunge alle Tränen weg. Das Eis war kalt und hart. Dennoch hatte er den Eindruck, dass sich im Eishaus plötzlich etwas bewegte. Er leckte weiter und weiter, trug eine Eisschicht nach der anderen ab. Es dauerte eine Ewigkeit bis er Sina und Mimi freigeleckt hatte. Sie sassen noch immer steif da, hatten aber keinen Eisblock mehr um sich herum.

Big öffnete sein Fässchen mit dem Zaubertrank. Er goss ein paar Tropfen des Elixiers in Sinas Mund, dann auf die Pfote von Mimi. Sollte es möglich sein, würde Mimi die Tropfen ablecken.

Die Hexe hatte alles aus der Ferne beobachtet. Sie hatte sich hinten in der Höhle versteckt und auf einen idealen Zeitpunkt gewartet, wo sie Big das Fässchen entreissen konnte. Gerade als sie mit ihrem Zauberstab auf Big losgehen wollte, erwachte Sina. Noch hielt sie Mimi in der Hand, die friedlich schlief. Sie hatte die Hexe entdeckt, die hinter Big stand und ihn verhexen wollte. Sie schrie laut "Pass auf, Big, schau nach hinten." Obwohl Big eher ein gemächlicher Hund war, sprang er sofort auf. Die Hexe verfehlte ihr Ziel mit dem Zauberstab. Was war nur mit ihr los? Normalerweise konnte sie doch besser hexen. Jetzt war sie aber sehr unsicher geworden, hatte auch noch den Zauberspruch vergessen. Ihre Hände zitterten wie Espenlaub. Stimmte es wohl doch, dass wahre Liebe ihr die Zauberkraft nahm? Und hier sassen zwei Liebende, das war unbestritten.

Dann wachte auch Mimi auf. Die Hexe spürte einen höllischen Schmerz in ihrer Brust. Dort, wo andere ein Herz voller Liebe hatten, entfachte in ihr ein Feuer. In ihrer Brust loderten Flammen. Sie rannte aus der Höhle Richtung Gletscher. Man hörte sie fluchen und jammern. Sie rannte kopflos davon und hoffte, dass der Schmerz in ihrer Brust nachliess. Sie hatte grossen Durst und kniete beim Gletschersee nieder. Sie wollte nur noch trinken und trinken. Dabei übersah sie, dass das Ufer gefroren war. Sie rutsche aus und glitt über das Eis. Dann verschwand sie in einer Gletscherspalte. Noch kurz vor ihrem Tod, als sie tief in die Spalte abstürzte, fluchte sie auf diese Welt und die Geschöpfe, die lieben konnten. Die Hexe war tot, ihre Macht vorbei. Die Liebe hatte gesiegt.

Big nahm sein Fässchen erneut hervor und liess die Fledermäuse an seinem Wundertrank nippeln. Der Zaubersaft tat seine Wirkung. Die Fledermäuse konnten sich nicht mehr an der Decke festhalten und stürzten auf den Boden. Noch im Flug zum Boden verwandelten sie sich in ihre ursprüngliche Gestalt zurück, die sie vor dem Fluch der Hexe hatten. Sina entdeckte Dorfbewohner, die schon seit Jahren vermisst wurden. Ihr Onkel Karl war auch hier. Er war nach einer Bergwanderung nicht mehr nach Hause gekommen und man hatte den Verdacht, dass er in eine Gletscherspalte gefallen und gestorben war. Auch das Pony der Nachbarsleute stand vor ihnen. Es wieherte dankbar. Auf dem Rücken des Ponys sass Chili, der rote Kater. Wegen ihm war Mimi immer wieder zur Höhle gegangen. Er war ihr liebster Freund gewesen und eines Tages einfach verschwunden. Die Höhle füllte sich allmählich. Vermisste Personen und Tiere standen da und unterhielten sich aufgeregt miteinander. Alle hatten böse Erfahrungen mit der Hexe gemacht und waren froh, dass sie nun tot war.

Wenig später stapfte eine grosse Gruppe Personen und Tiere den Berg hinunter durch den Tiefschnee. Sie waren etwas steif in den Beinen und man vermutete, dass sie eine lange Wanderung hinter sich hatten. Als sie die ersten Häuser erreichten, stand die Sonne hoch am Himmel und lachte auf die Erde hinunter. Es war ein Wunder geschehen, das hatte sich im Dorf schnell herumgesprochen. Die Vermissten waren zurückgekehrt, unter ihnen auch Sina und Mimi. Es gab Freudentränen und viele Umarmungen.

Ein paar Monate später wurde die Höhle geschlossen. Man rollte Steinbrocken an ihren Eingang um zu verhindern, dass dort nochmals ein Unglück geschah. Die Zwischenräume wurden mit Beton verschlossen.

Die Hexe, die zwar abgestürzt aber nicht tot war, musste machtlos zuschauen, wie man ihr Reich zerstört hatte. Sie lag tief unten in einer Gletscherspalte, eingefroren und kraftlos. Auch wenn alle dachten, sie sei tot, es war nicht so. Sie hatte ein viel schlimmeres Schicksal. Sie musste als lebende Tote und Gefangene im Eis Liebe und Freundschaft miterleben und konnte nichts dagegen tun. Ihre Macht war vorbei, doch ihr Hass noch immer vorhanden.

Im Dorf kehrten Ruhe und Frieden zurück. Die Vermissten hatten sich schon bald wieder im Dorf eingelebt, und es ging alles seinen gewohnten Gang. Sie konnten sich jedoch nicht mehr an die genauen Geschehnisse erinnern. Sie wussten nur, dass sie Gefangene gewesen waren bis Big sie entdeckt und befreit hatte. Es war gut so, die Natur hatte dafür gesorgt, dass sie die Angst verdrängen und wieder Freude empfinden konnten.

Big war der grosse Held des Dorfes. Ein Künstler hatte zu seinen Ehren aus einem Holzstamm eine Statue geschnitzt. Sie zeigte Big und seine Freunde Sina und Mimi und wurde mitten auf dem Dorfplatz aufgestellt. Am Fusse der Statue war eine Tafel angebracht mit dem Text "Big, unser Retter". Jedes Mal, wenn Big daran vorbei ging, hielt er einen Moment inne, stellte seinen Schwanz etwas höher und war mächtig stolz auf sein Ebenbild. Er war berühmt. Manchmal hörte er Touristen, die tuschelten, als sie den Riesenhund vor der Statue erblickten. "Schau mal, da ist er ja, Big, der Retter."

Auch wenn Big seit Jahren nicht mehr unter uns weilt, steht seine Statue noch immer am Fusse des Matterhorns. Er hatte in seiner Zeit viele Nachkommen gezeugt, alles wunderschöne Bernhardiner mit dem Wesen eines Engels. Als Grossvater erzählte er seinen Enkeln die Geschichte der Vermissten, wie er sie gefunden und gerettet hatte. Sie konnten nicht genug von diesen Geschichten bekommen. Er musste sie immer wieder erzählen. Sie hockten im Kreis um ihn herum und hörten gespannt zu. Sie bewunderten ihren Opa. Wie kräftig und mutig er doch war. Sie wollten genauso werden wie er und den Menschen helfen.

Noch heute findet man in vielen Bergdörfern diese kräftigen Bernhardinerhunde, die in ihrem massigen Körper ein sanftes Wesen beherbergen. Viele von ihnen tragen ein Fässchen wie es auch Big trug, in dem eine Flüssigkeit ist, der man magische Kraft nachsagt. Es soll ein Zauberwasser sein, das zur Rettung Verschollener dient. Ob das so ist, weiss niemand. Tatsache ist aber, dass diese Hunde schon viele Leben gerettet haben. Ob es nur am Zaubertrank oder am Spürsinn dieser Tiere lag, ist unklar.

Wenn man einem Bernhardiner begegnet fragt man sich unwillkürlich, ob auch er wohl ein Nachkomme von Big ist. Angst braucht man nicht haben, auch wenn er mit seiner Grösse Eindruck macht. Bernhardiner sind die besten Freunde der Menschen und haben einmal mehr gezeigt, dass man mit Mut und Liebe die Welt verändern kann. Bedingungslose Liebe ist stärker ist als der tiefste Hass. Das musste auch die böse Hexe erfahren, die noch immer als lebende Tote im Gletscher liegt.
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