Micky - Luskas Bücher

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Micky

Buch 5
Es war einer der trockensten Monate im Jahr; Hochsommer. Die Sonne schien brütend heiss auf die Erde nieder. Aus dem saftigen Gras war im Laufe der letzten Wochen eine dürre Steppe geworden. Es regnete selten, eigentlich nie. In den letzten Jahren hatte die Hitze extrem zugenommen. Viele der Menschen, die hier gewohnt hatten, waren weggezogen. Sie konnten das Land nicht mehr bewirtschaften. Der Klimawandel hatte seine Opfer gefordert. Seit die Sommermonate derart trocken geworden waren, ist auch der See ausgetrocknet. Der Fluss führte nur noch im Winter und Frühjahr Wasser. Im Sommer war auch das letzte Wasser versickert. Dieser Fluss war ihre einzige Wasserquelle. Jetzt, nachdem er ausgetrocknet war, gab es keine Möglichkeit mehr, etwas anzupflanzen. Jedes Jahr gab es mehr leerstehende Häuser im kleinen südspanischen Dorf. Die Leute zogen weg, stadtwärts, in der Hoffnung, eine Arbeit zu finden, die nicht wetterabhängig war. So wurde es ruhig in der kargen Gegend. Wo früher noch Ackerbau betrieben wurde, war heute alles kahl und vertrocknet.
Auch für die Tiere war der Wassermangel ein Problem. Sie konnten ihre Kehlen nur noch mit den wenigen Tautropfen kühlen, die frühmorgens zu finden waren. Manchmal gab es kleinere Tümpel, doch diese wurden von etlichen Tieren besucht und waren bald trocken.

Trotzdem gab es grosse Katzenkolonien in dieser Gegend. Die Weibchen brachten jedes Jahr viele Katzenbabies zur Welt. Die wenigsten überlebten. Jeder neue Wurf war ein Kampf ums Leben. Die Mütter mussten weite Strecken gehen, um Futter zu finden. Durch die tropische Hitze war auch der Mäusebestand auf ein Minimum reduziert worden. Und ohne Futter konnten sie keine Milch produzieren, die ihre Kleinen dringend brauchten. Oft mussten sie machtlos zusehen, wie ihre Babies aufgaben. Sie starben ihnen unter den Pfoten weg. Es gab keine Hoffnung.

Das Leben meinte es nicht gut mit ihnen. Manche Katzen zogen, wie die Menschen, stadtwärts in der Hoffnung etwas bessere Bedingungen anzutreffen. Die Schwächeren unter ihnen blieben. Sie waren wild geboren und hatten Angst vor den Menschen. Ihre Mutter hatte ihnen von klein auf beigebracht, den Menschen zu meiden. In dieser Gegend war es nicht so, dass man die Katzen liebte. Für die Spanier waren diese Tiere eine Landplage. Sie sahen nur, dass diese sich jedes Jahrs ums Mehrfache vermehrten. In der Nacht hörten sie das Geschrei der Kater, wenn rollige Weibchen in der Gegend waren. Sie sahen die abgemergelten Tiere, die bettelnd vor ihrem Tor sassen. Die meisten Spanier hatten einen Wachhund, der zwar an einer Kette lag, aber trotzdem einen grossen Radius hatte, um die Hazienda zu beschützen. An ihm führte kein Weg vorbei. Die Katzen kamen dem Haus nicht zu nahe. Sie mussten draussen bleiben, vor dem grossen Tor und der hohen Mauer.
Manchmal sassen sie stundenlang vor dem Tor in der brennenden Hitze und schauten sehnsüchtig zum Wassernapf, in den der Wachhund ab und zu seine Schnauze streckte. Neben ihnen sassen die Katzenkinder. Ihre Blicke waren stumpf und traurig. Sie wurden gequält von Ungeziefer, das sich in ihrem Pelz niedergelassen hatte. Viele von ihnen hatten Augenentzündungen und eine triefende Nase. In ihren Ohren gab es riesige Milbenkolonien, die entsetzlich juckten. Sie schüttelten unentwegt ihren Kopf, wollten die Quälgeister loswerden. Auch sonst juckte es am ganzen Körper, sodass sie sich unentwegt kratzen mussten. Ihr Fell war matt und staubig, Durchs Kratzen bekamen sie oft blutige Wunden. Wenn sich diese noch entzündeten, war eine Vergiftung vorprogrammiert. Manchmal wälzten sie sich im rauen Sand. Dies tat gut. Mindestens liess das Jucken für ein paar Minuten nach.
Auch ihr Schwanz war dünn wie ein Seil. Die ausgewachsenen Tiere hatten sehr lange, dünne Beine. Auf diesen Stelzen konnten sie schnell rennen, wenn Gefahr drohte. Der Hunger machte ihnen zu schaffen. Oftmals liefen sie der Mauer entlang, hin und her wie ein Tiger im Zoo. Vielleicht würde der Wachhund ja einschlafen? Dann könnten sie sich an ihm vorbei schleichen zum Stall, in dem es bestimmt ein paar Graupelzchen gab. Meistens blieb es aber beim Gedanken. Der Wachhund war auf der Hut. Er kannte seinen Auftrag genau. Auch sein Leben war hart. Wenn er nicht aufpasste, würde man ihn umbringen.

Am Nachmittag legten sie sich unter ein Gebüsch und schliefen. Ein paar von ihnen wohnten in einer Höhle. Dort war es etwas kühler. Zudem lag sie etwas oberhalb des Dorfes, wo garantiert keine Menschen hinkamen. Im hinteren Teil der Höhle gab es ab und zu etwas Wasser, das den Felsen entlang lief. Wo dieses her kam, wusste niemand. Man nahm das Geschenk jedoch gerne an, leckte mit der rauhen Zunge die wenigen Tropfen auf.

Eines Abends hörten sie Schritte, die sich der Höhle näherten. Menschen kamen. Die Katzen verhielten sich ganz ruhig, damit man sie nicht entdeckte. Von ihrer etwas höher gelegenen Höhle sahen sie eine ganze Gruppe Frauen und Männer. Diese trugen mehrere Holzkisten. Sie verteilten die Kisten in der ganzen Region. Was das wohl zu bedeuten hatte? Es war ein kurzer Besuch. Als die Holzverschläge platziert waren, gingen sie wieder weg.

Es dauerte noch lange, bis sich die Tiere aus ihrem Versteck getrauten. Auch wenn sie schwach und krank waren, war ihre Neugier geblieben. Sie mussten unbedingt wissen, was in diesen Kisten war. Je näher sie kamen, desto leckerer roch es. Die Menschen hatten ihnen doch tatsächlich Wasser und Futter gebracht. Dieses ungewohnte Geschenk machte sie aber trotzdem sehr vorsichtig. Sie waren hin- und hergerissen. Auf der einen Seite wollten sie das leckere Mahl, auf der anderen Seite wussten sie nicht, ob dieses Angebot mit Gefahren verbunden war. Sie schlichen sich an die Kisten heran, streckten ihre Nase in die Luft. Sie liefen um den Holzverschlag herum. Aus dem Inneren kam ein verlockender Duft heraus. Es roch einfach lecker. Sie konnten es kaum aushalten. Ihr Instinkt sagte ihnen, dass hier etwas nicht stimmen konnte, doch ihr Hunger war zu gross. Sie mussten den Leckerbissen haben, der in der Kiste versteckt war.
Auch Micky war mit ihrer Mutter zum Holzverschlag gelaufen. Sie stand mit den anderen Katzen vor der Kiste und schaute hinein. Dort lag ein Stück Fleisch. Sie konnte es genau sehen. Daneben stand ein Napf mit frischem Wasser. Sie hörte die Warnung nicht mehr, die ihre Mutter rief. Micky und ihre Geschwister rannten kopflos zum Fleisch, das im hinteren Teil der Kiste aufgetischt war. Sie waren aufgeregt und ganz wahnsinnig hungrig. Alle vier machten sich über den Leckerbissen her. Sie waren so gierig auf das Futter, dass sie den Knall nicht hörten, als die Klappe zuschnappte und sie in der Falle sassen. Sie waren eingesperrt, sassen in der Holzkiste fest. Draussen sahen sie ihre Mutter mit dem Nesthäkchen. Jetzt wurde es ihnen schon etwas mulmig ums Herz. Was sollte das jetzt
heissen? Sie schrien laut, doch niemand konnte ihnen helfen. Sie drückten ihre Körper dicht aneinander, um somit die Angst zu überwinden. Jetzt wussten sie, warum sie ihre Mutter gewarnt hatte. Wenn sie nur auf sie gehört hätten! Nun sassen sie in der Falle.

Eine Stunde später hörten sie wieder Schritte. Die Frauen und Männer waren zurückgekommen. Sie gingen von einer Falle zur nächsten und kontrollierten den Inhalt. Ein Grinsen zog sich über ihr Gesicht, als sie Micky und ihre Geschwister sahen, die angstvoll in einer Ecke der Kiste sassen. Die Kleinen drückten sich fest aneinander und rissen ihre Augen ganz weit auf. Sie fauchten die Frauen an. Sie würden kämpfen, wenn man ihnen zu nahe kam. Doch die Frauen liessen sich nicht beirren. Sie trugen die Holzkiste mit den Katzenkindern zu einem Auto und hoben diese hoch auf die Laderampe. Dort standen bereits andere Kisten. In allen sassen Katzen fest. Die einen schrien voller Panik, andere standen unter Schock und hatten sich in die hinterste Ecke gedrückt. Die kleinen Kätzchen sahen noch ein letztes Mal ihre Mutter, die sich hinter einem Felsen versteckt hatte und beobachtete, was da vor sich ging. Als das Auto langsam losfuhr, riefen die Kleinen ihrer Mutter ein letztes "Ade" zu. Sie hörten ihr Rufen noch lange, auch dann noch, als sie bereits die ersten Lichter der Stadt erblickten.

Was würde wohl aus ihnen werden? Die Situation war unheimlich, denn sie hatten keine Ahnung, wer die Frauen waren, in deren Falle sie gegangen sind.

Eine halbe Stunde später waren sie angekommen. Am Rande der Stadt gab es eine Auffangstation für Tiere. Die Frauen gehörten zu einem der wenigen Tierschutzvereine Spaniens. Im Sommer fingen sie so viele Katzen als möglich ein. Die ausgewachsenen, kräftigen Tiere wurden ärztlich versorgt und kastriert. Wenige Tage später wurden sie an den Platz zurückgebracht, wo man sie aufgelesen hatte. Sie wurden wieder in die Freiheit entlassen, konnten sich nun aber nicht mehr vermehren. Der Tierschutz erhoffte sich durch diese Aktion, die Katzenpopulation in Südspanien in den Griff zu bekommen. Dies war die einzige Möglichkeit, den Tieren zu helfen. Nur wenn man die Ueberbevölkerung stoppen konnte, waren die Katzen auf lange Sicht gerettet.

Die Katzenbabies und schwachen Tiere duften im Tierheim bleiben. Hier bekamen sie einen Liegeplatz und Futter. Natürlich mussten auch sie erst tierärztlich versorgt werden. Das war für Micky und ihre Geschwister eine Tortur. Fremde Hände nahmen sie hoch und drückten sie am Bauch. Man schaute ihr in die Ohren und in den Mund. Micky hatte grässliche Angst. Sie wehrte sich, so gut sie konnte. Sie fauchte und knurrte. Mit den kleinen Krallen konnte sie aber niemanden verletzen, denn der Arzt hatte vorgesorgt und sich Handschuhe übergestreift. Dann tropfte man ihr eine Flüssigkeit ins Ohr. "Ohhh, erst brannte das Mittel höllisch, doch dann tat es wirklich gut!" Endlich wurde sie die Plaggeister los, die in ihrem Ohr ihr Unwesen getrieben hatten. Dann besprayte man sie von oben bis unten mit einem stinkenden Nebel. "Igitt, von diesem Duft müssen ja auch die hartnäckigsten Flöhe sterben". Schnell war alles vorbei. Bevor sie wusste, was mit ihr geschehen war, sass sie bei ihren Geschwistern im Käfig. Nun waren sie alle richtiggehend nass und stinkig. Immerhin durften sie zusammen bleiben. Alle vier drückten sich fest aneinander, legten sich ins Körbchen, das mit einem Tuch ausgelegt war. Vor lauter Aufregung schliefen sie innert weniger Minuten ein.
Am nächsten Morgen, als Micky aufwachte, sah sie als erstes die Gitterstäbe ihres Käfigs. Erst jetzt wurde ihr wieder bewusst, dass sie gefangen war. Sie schaute sich um, sah ihre drei Geschwister, die noch immer dicht aneinander geschmiegt, schliefen. Der Nebel und Gestank war aus ihrem Pelz gewichen. Es juckte nichts mehr, weder in den Ohren noch sonst wo im Fell.

Nur wenig später erschien eine Frau. Sie lächelte freundlich und sprach mit ihnen. Micky war's nicht ums Lachen. Sie hatte grässliche Angst. Noch immer wusste sie nicht, was man mit ihr vor hatte. Sie knurrte und fauchte wie eine Wildkatze und zeigte ihre Krallen. Ihre Ohren lagen dicht am Kopf
an, ein Zeichen dafür, dass sie bald angreifen würde. Doch die Frau liess sich von Mickys Angriffslust nicht beeindrucken. Sie kannte dieses Verhalten genau, denn sie hatte jahrelange Erfahrung mit solchen Neuzugängen. Stattdessen öffnete sie den Käfig und stellte den Katzenbabies einen Futternapf hin. Er war gefüllt mit Fleisch und Teigwaren. Jetzt waren auch die Geschwister blitzschnell wach. Sie fanden nicht mal die Zeit, sich
ausgiebig zu strecken. Stattdessen sprangen sie zum Napf und streckten ihre Mäuler hinein. Sie machten sich in Windeseile über das leckere Frühstück her. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatten sie einen vollgefressenen Bauch, welch herrliches Gefühl!

Sie blieben einige Wochen in der Auffangstation. Die Frauen sorgten gut für sie, doch sehnten sich die Kleinen nach ihrer Mutter und der Freiheit. Auch wenn sie nun genug Futter und Wasser bekamen, wollten sie Freigang. Diesen bekamen sie zwar, doch sehr beschränkt. Es gab nur einen
eingezäunten Garten. Jede Katze durfte eine Stunde im Freigehege verbringen. Dann musste sie wieder zurück in ihren Käfig. Micky und ihre Geschwister träumten davon, eines Tages wieder Gras unter ihren Füssen zu spüren. Der Ruf nach Freiheit machte ihnen zu schaffen.

Im Hintergrund des Tierschutzvereines liefen die Maschinen heiss. Die Auffangstation stand in enger Verbindungen zu nördlichen Ländern, in denen Katzen als Haustiere geschätzt wurden. Die vermittelbaren Tiere wurden nach Deutschland, Oesterreich und in die Schweiz vermittelt. Via Internet hatte man Bilder geschickt. Die Tierschutzvereine in den drei Ländern waren bemüht, Familien zu finden, die diese Katzen aufnehmen würden. Es war nur eine Frage der Zeit, wann Micky und ihre Geschwister auf die grosse Reise gehen würden. Als Vorbereitung für diese Fahrt in den Norden, wurden alle Tiere vom Tierarzt untersucht. Jede der Katzen wurde auf Krankheiten getestet und geimpft. Der Tierarzt musste für jede Katze einen Ausweis und ein Attest ausstellen. Ohne dieses Dokument dürfen sie nicht ins Ausland gebracht werden.

Wenige Wochen später kam der grosse Tag. Eine der Frauen überbrachte ihnen die Mitteilung, dass sie auf eine grosse Reise gehen würden. Die Katzen wussten nicht, was sie meinte, merkten aber, dass eine Aenderung bevorstand. Micky und ihre Geschwister wurden, zusammen mit noch anderen Tieren, in eine Transportkiste verfrachtet. Wieder wurden sie mit dem Auto weggebracht. Dieses Mal wurde ihr Käfig aber verdunkelt. Im Innern war es sehr unheimlich. Es gab zwar kleine Löcher, durch die man frische Luft bekam, doch sah man von innen heraus gar nichts. Die Katzen sahen deshalb nicht, dass man sie in den Transportraum eines Flugzeuges brachte. Sie hörten lediglich einen dumpfen Lärm und spürten die Bewegung unter sich. Sie drückten sich voller Angst aneinander. Die Reise war lange. Als ihre erste Angst gewichen war, überkam sie eine grosse Müdigkeit. Die meiste Zeit auf ihrer langen Reise, schliefen sie. Sie flogen dem Norden entgegen und merkten nichts davon.
Irgendwann wurde es ruhig. Das Flugzeug stand still. Sie hörten, wie Männer in den Frachtraum kamen und eine Kiste nach der anderen heraushoben. Durch ihre Gucklöcher sah Micky die Sonne. Sie spürte einen zarten Wind. Es war kalt hier. Wieder wurde ihr Käfig in ein Auto geladen. Diese Fahrt war aber sehr kurz. Sie spürte, wie man ihren Käfig in ein Haus trug. Hier roch es nach anderen Katzen. Sie war gespannt, was sich in diesem Haus abspielte.
Endlich war es so weit. Die Verdunklungsfolie wurde entfernt und Micky und ihre Freunde sahen ihre neue Umgebung. Es war das reinste Katzenparadies. Eine freundliche Frau öffnete ganz langsam den Käfig und liess die erschöpften Tiere raus. Doch keine der Katzen hatte den Mut, den Käfig als Erste zu verlassen. Sie sassen nur da und schauten sich um. Erst als Regula sich ein paar Schritte entfernte, kletterte die erste Katze heraus. Sie versteckte sich sofort unter dem Polstersessel und schaute mit weit geöffneten Augen hinüber zum Käfig, in dem ihre Freunde noch immer hockten. Es dauerte lange, bis alle Neuankömmlinge den Mut gefasst hatten, den Transportkäfig zu verlassen. Sie schauten sich in ihrem neuen Heim um, gingen zaghaft von einer Ecke zur anderen. Regula sass
auf einem Stuhl und schaute den Katzen zu. Es war wie immer. Die Katzen kamen halb verhungert und verängstigt zu ihr. Sie waren in den letzten Wochen zwar in der Obhut von Tierschützerinnen gewesen, doch ihre Angst vor dem Menschen war noch nicht überwunden. Es brauchte oftmals Wochen oder Monate bis die Tiere gemerkt hatten, dass diese Menschen es gut mit ihnen meinten. Regula hatte schon viele spanische Katzen aufgenommen und in der Region vermittelt. Sie wusste, dass es die Katzen schwer hatten, sich an den Menschen zu gewöhnen. Doch sie wusste auch, dass es für diese Tiere eine grosse Chance war. In Spanien wären sie verhungert oder umgebracht worden. In der Schweiz hatten sie eine Chance, in ein gutes Zuhause zu kommen.

Sie betrachtete die Neuankömmlinge. Für die jüngeren Tiere hatte sie bereits Interessenten. Sie hatte ja Fotos bekommen und hatte schon vorgängig im Internet nach geeigneten Familien gesucht. Die neuen Besitzer mussten viel Zeit und Geduld aufbringen, bis aus den scheuen Tieren gesellige Hauskatzen geworden sind. Dennoch war es für Regula immer wieder befriedigend, wenn eine der spanischen Katzen in ihr neues Zuhause umziehen konnte. Doch so weit war es noch nicht. Erst müssten sie sich hier eingewöhnen und ihre Scheu etwas ablegen.

Auch Micky kam irgendwann aus dem Käfig hervor gekrochen. Sie rannte blitzartig zur nächsten Höhle, die ganz unten am Katzenbaum angebracht war. Dort versteckte sie sich erstmal. Regula wusste, dass man den Tieren viel Zeit lassen musste. Sie sass mehr oder weniger unbewegt da und beobachtete den Start in eine neue Welt. Die Katzen schlichen ganz langsam umher, immer auf der Hut, falls etwas Unvorhergesehenes geschehen würde. Sie beschnupperten die Möbel und den riesengrossen Kratzbaum, der mitten im Raum stand. Es gab zahlreiche Körbe und Betten. Sie standen überall herum. Es roch nach anderen Katzen, die vor ihnen hier gelebt hatten.

Dann fanden sie den Weg in die Küche. Hier gab es mehrere Futterschalen, die bereits für sie vorbereitet waren. Erst jetzt spürten sie den Hunger. Doch sie waren zu aufgeregt, um zu fressen. Erst als sie auch den letzten Winkel in diesem Haus inspiziert hatten, kehrten sie zum Futternapf zurück. Jetzt konnten sie endlich etwas fressen und sich nachher hinlegen.
Die spanischen Katzen blieben ein paar Tage bei Regula. Ab und zu kamen Kinder und Familien, die sich die Tiere anschauten. Die Interessenten wurden darüber informiert, dass es sich um scheue Katzen handelte. Sie waren deshalb auch nicht verwundert, dass sie von ängstlichen Tieren empfangen wurden. Trotzdem vergingen nur wenige Tage, bis Micky sich von ihren Geschwistern trennen musste. Ihre Schwester durfte zusammen mit ihrem Bruder in ein schönes Einfamilienhaus einziehen. Auch ihre dreifarbige, jüngere Schwester wurde von einem jungen Ehepaar abgeholt. Sie wünschte ihren Geschwistern alles Gute und hoffte mit ihnen, dass sie endlich wieder ihre Freiheit zurückerhalten würden. Nur für Micky war noch kein Interessent vorhanden. Sie war aber auch mit Abstand die Aengstlichste aller Katzen. Wann immer sie konnte, versteckte sie sich. Zudem war sie
eine ganz normale Tigerkatze, ein absolut unauffälliger Typ. Sie wurde oft nicht oder übersehen und wartete geduldig auf den Tag, an dem auch sie bei einem Tierliebhaber einziehen dürfte.

Dann kam er. Er stand etwas unschlüssig in der Türe und suchte mit seinen Augen jeden Winkel ab. Horst war vor einiger Zeit Singel geworden. Seine Beziehung war gescheitert. Er hatte seine Frau betrogen. Eines Tages waren sie weg. Seine Frau war mit der gemeinsamen Tochter ausgezogen. Er hatte es versucht und
allein gelebt. Doch innert kürzester Zeit war er dem Alleinsein überdrüssig geworden und konnte es nicht mehr länger ertragen. Der Tierarzt im Dorf hatte ihm die Adresse von Regula gegeben. Er wusste von den Südländerkatzen, die ein neues Zuhause suchten. Horst hatte zwar noch nie eine Katze gehabt, doch sah er in dieser Gemeinschaft eine Möglichkeit, beiden Parteien zu helfen. Micky war auf der Suche nach einem Zuhause, er brauchte eine neue Partnerin.
So kam Micky zu Horst. Sie zog nur wenige Tage später bei ihm ein. Ihre Spannung wuchs, als Horst sie im Trans­portkorb nach Hause trug. Ob sie wohl Freigang haben würde? Micky war ganz aufgeregt, als Horst sie im neuen Daheim aus dem Korb liess. Sofort sprang sie zum Fenster. Sie wollte wissen, ob man hier nach draussen konnte. Ihre Enttäuschung war kaum zu übersehen. Sie lebte im ersten Stock. Es gab keinen Weg nach draussen in den Garten.

Diese Tatsache war auch für Horst nicht leicht. Er wusste natürlich, dass Micky in Spanien draussen gelebt hatte. Noch so gerne hätte er ihr die Möglichkeit geboten, Freigang zu haben. Leider waren
aber die Nachbarn nicht damit einverstanden, dass er eine Katzenleiter montierte. So beschloss er eben, den Balkon für Micky katzentauglich zu machen. Er montierte eine Katzentüre, durch die Micky nach draussen gelangen konnte. Nun durfte sie mindestens auf der Terrasse in der Sonne liegen und das Leben geniessen. Sie verbrachte so viel Zeit wie möglich im Freien, hatte den Trick mit der Katzentüre schon schnell raus.

Als wieder einmal der Frühling kam, wurde Micky unruhig. Sie konnte es kaum mehr aushalten, immer drinnen zu sein. Sie lebte schon einige Jahre bei Horst. Ihre Sehnsucht nach Freiheit verstärkte sich von Tag zu Tag. Stundenlang lag sie auf dem Balkon und schaute nach unten. Wie gerne wäre sie im Garten gewesen, hätte unter einem der blühenden Büsche ein Nickerchen gemacht. Es verging kein Tag, an dem Micky sich nicht wünschte, eines Tages wieder frei zu sein. Sie schaute den Vögeln zu, wie sie am Himmel ihre Runden drehten. Diese waren frei, sie musste in einer Wohnung eingesperrt sein. Manchmal setzte sich ein Vogel auf den Ast, der fast bis zu ihrem Balkon reichte. Da sass er nun und piepste sie frech an. Sie konnte nichts machen, musste zuschauen, wie das freche Federvieh sie auslachte. Sie würde es ihm schon zeigen. Micky setzte zum Sprung an. Einen kurzen Moment hatte sie vergessen, dass sie im ersten Stock wohnte. Wenige Sekunden spürte sie nichts mehr unter sich. Sie war im freien Flug. Doch dann setzte sie irgendwo auf. Es war etwas Weiches, doch Halt fand sie nicht. Sie glitt dem Sonnenstoren entlang nach unten und plumpste etwas unsanft ins Gras. Der Vogel war weg. Als er Micky fallen sah, flog er schnell davon.

Nun sass sie im Gras, dort, wo sie eigentlich immer hin wollte. Noch sass ihr der Schreck in den Gliedern. Von hier unten sah alles sehr furchterregend aus. Sie rannte zum nächsten Busch und versteckte sich. Unweit hörte sie den Strassenlärm. Ein Auto nach dem anderen fuhr vorbei. Aus der anderen Richtung kamen Schreie. Eine Schar Kinder spielte auf dem Spielplatz. Und wenige Minuten später folgte ein grauenhaftes Rattern. Jemand hatte den Rasenmäher gestartet. Micky hatte Panik. Sie hatte sich die Freiheit gewünscht, doch nun machte ihr alles nur grässliche Angst. Wenn sie nur nicht so unvorsichtig gewesen wäre. Da sass sie nun und wusste nicht, wie sie jemals wieder auf ihren Balkon hoch kam. Sie rannte von einem Gebüsch zum nächsten. Auch versuchte sie, den Baum hochzuklettern, auf dem noch eben die freche Amsel gesessen hatte. Doch von oben konnte sie den Balkon auch nicht erreichen. Mindestens war sie zwischen den Blättern etwas geschützt. Sie kletterte zum äussersten Ast, der unter ihrem Gewicht bedrohlich zu schwanken begann. Sie krallte sich fest, um das Gleichgewicht halten zu können. Mit den Augen schätzte sie die Distanz ab. Die Strecke war zu lang. Zudem bot dieser dünne Ast kaum eine Absprungmöglichkeit. Er würde unter ihrem Gewicht nachgeben und sich noch weiter nach unten biegen. Sie würde das Geländer nicht erreichen. Sie kletterte zurück zur Astgabel und blieb dort sitzen. Es nützte alles nichts. Der Balkon war nicht zu erreichen. Was sollte sie nur tun? Nachdem sie sämtliche Aeste auf ihre Tauglichkeit überprüft hatte, kletterte sie wieder in den Garten runter.

Am Ende des Gartens gab es eine kleine Hütte, ein Geräteschuppen, in dem der Hauswart seine Putzutensilien abgestellt hatte. Da drinnen konnte sie sich verstecken. Sie legte sich unter ein Gestell und schlief ein. Micky schlief die ganze Nacht. Als sie am Morgen aufwachte, wurde ihr bewusst, dass sie noch immer im Garten sass. Sie sehnte sich plötzlich nach dem warmen Zimmer da oben und nach etwas zu fressen. Sie verliess das Gartenhaus und schlich von einem Gebüsch zum anderen. Vielleicht würde sie ja eine Maus finden? Doch Micky hatte keinen Erfolg. Sie hatte zwar als junges Kätzchen in der Steppe gelebt, doch selber nie eine Maus erlegt. Als man sie eingefangen hatte, war sie noch zu jung gewesen. Oft dachte sie an ihre Mutter. Ob sie noch leben würde? Sie hatte ihr oft zugeschaut, wie diese auf der Jagd war, doch selber hatte sie noch nie ein Tier gefangen. Sie kannte das Gefühl, wenn der Magen knurrt und man Hunger hat. In Spanien gab es nur wenige Tage, an denen sie etwas zu fressen hatte. Jetzt fühlte sie sich ganz ähnlich. Wie dumm sie doch nur gewesen war, von da oben runterzuspringen. Wo war denn Horst? Vermisste er sie denn nicht? Sie schaute hinauf zu ihrem Balkon, doch da regte sich nichts.

Sie hörte Horst nicht, der nach ihr rief. Als er vom Einkaufen nach Hause kam, hatte er sie gesucht und nirgendwo gefunden. Auch die Nachbarn wussten nicht, wo Micky sein könnte. Niemand hatte Mickys Fall beobachtet. Er ging in den Garten und rief nach ihr. Jedes Gebüsch und jeden Strauch bog er nach oben, um hineinzusehen. Micky war spurlos verschwunden. Lange suchte er nach seiner Freundin, doch dann gab er auf. Er ging hoch in seine Wohnung und griff nach einem Glas Wein. Er wollte seinen Kummer runterspülen, vergessen, dass ihn auch Micky verlassen hatte.

Die Getigerte verbrachte zwei Tage im Gerätehaus. Als es am übernächsten Abend ruhig wurde und keine Autos mehr fuhren, rannte sie blitzschnell über die Hauptstrasse Richtung Wald. Noch bevor sie diesen erreichte, entdeckte sie eine Feldmaus, die sich unter einem Zaun hindurchdrückte. "Glück gehabt, sonst hätte ich dich jetzt gefressen." Aber was war denn da hinter dem Zaun? Micky setzte sich hin und betrachtete das Areal. Es bestand aus kleinen Gärten, die liebevoll angelegt waren. In jeder Parzelle stand ein kleines Holzhaus. Daneben ragte ein Mast zum Himmel, an dem eine Fahne wehte. Micky schaute den Landesflaggen zu, die sich im Wind von links nach rechts bogen. Keine war gleich wie die andere. Hier war es totenstill. Man hörte nur ein leises Rauschen, wenn der Wind durch den Fahnenstoff glitt.

Micky fand dieses Areal anziehend und konnte der Verlockung nicht widerstehen. Sie krallte sich am Zaun fest und zog sich hoch, Masche um Masche. Es war leichter als sie dachte. Mit einem gekonnten Sprung landete sie im ersten Schrebergarten. Es war stockdunkel und Micky war froh, dass sie trotzdem vieles erkennen konnte. Sie sah Blumen in allen Formen und Farben, Gemüse, Früchte und auch kleine Grasflächen. In einigen Gärten gab es einen Gartengrill, in anderen einen Pizzaofen. Aus dem Treibhaus strömte ein Duft von reifen Tomaten. Micky schaute sich alles genau an. Jeder Garten war anders, doch etwas hatten alle gemeinsam. Sie waren liebevoll angelegt von fleissigen Hobbygärtnern unterhalten.

Jetzt entdeckte sie auch die Feldmaus, die vor ihr geflüchtet war. Sie fühlte sich hier anscheinend sehr sicher, denn sie schlenderte seelenruhig quer durchs Gartenbeet. Dann, als sie Micky sah, verschwand sie unter dem Komposthaufen. Hier gab es alles in Hülle und Fülle und Micky musste sich nur noch entscheiden, ob sie lieber auf dem Liegestuhl unter freiem Himmel oder auf der gedeckten Veranda übernachten wollte. Sie entschied sich für einen gepolsterten Sessel und schaute zum Mond. Wie sollte das mit ihr weitergehen?

Mitten in der Nacht wurde sie wach. Sie hatte Hunger. Hier dürfte es wohl kein Problem sein, eine Katze wie Micky satt zu bekommen. Sie legte sich auf die Lauer und wartete, bis die erste Maus aus dem Bau hervor kam. "Schnapp", und sie war verloren. Dies wiederholte sie im nächsten Garten, so lange, bis ihr Bauch voll war. Dann legte sie sich wieder hin und genoss die Ruhe, die hier herrschte.

Noch lag der Morgentau auf dem Gras, als die ersten Gärtner eintrafen. Es war heisses Wetter angesagt, so dass sie die lauen Morgenstunden der heissen Mittagssonne vorzogen. Auch Giovanni war einer von ihnen. Er kam mit seiner grossen Tochter Patty, die sich der Länge nach auf den Liegestuhl legte. Sie würde sich ihre Finger nicht schmutzig machen. Gartenarbeit war nichts für sie. Trotzdem hatte sie sich bereit erklärt, ihren Vater zu begleiten. Sie schaute ihm zu, wie er das Unkraut aus den Beeten entfernte. Dann zog er mit einer Hacke eine lange Linie durchs Beet und streute Körner hinein. Sie lächelte ihm voller Mitleid zu. Wie kann man sich nur über ein Körnchen freuen, aus dem einmal ein Salat wird? Nein, dies war nicht ihre Welt. Sie war für Besseres geboren. Da sie aber keinen Streit mit ihm bekam, war sie heute mit in den Garten gegangen.

Und Giovanni war froh darüber. Er musste seine Tochter etwas beaufsichtigen. Seit zwei Jahren gab es eine Entwicklung, die ihm nicht gefiel. Sie war eine mittelmässige Schülerin, kurz vor dem Schulabschluss. Wie alle in der Klasse legte sie grossen Wert auf ihr Aeusseres. Am Morgen stand sie schon früh vor dem Spiegel und schminkte sich. Markenklamotten waren das A und O in ihrer Schule. Wer etwas auf sich hielt, trug Jeans von Arkani. Und wer sich das nicht leisten konnte, war absolut uncool. Eigentlich hätte sich Giovanni gewünscht, dass Patty nicht so viel auf das Geschwätz der anderen gab. Doch ihr war es wichtig, mitreden zu können und die Schönste zu sein.

Giovanni war ein ehrlicher, aber einfacher Mann. Er arbeitete auf dem Bau und konnte seiner Tochter kein grossartiges Taschengeld geben. Für Arkani-Jeans hätte es jedenfalls nie und nimmer gereicht. Deshalb hatte sich Patty einen Job gesucht. Sie war gross und schlank und hatte ein schönes Gesicht, umrahmt von langen, dunklen Locken. Ihre Augen waren fast schwarz. Sie konnte ihre südländische Abstammung nicht verleugnen. Wenn sie in ihren hautengen Jeans und hohen Stiefeln stolzierte, schauten sich alle Männer nach ihr um. Sie wusste, dass sie schön war. Ihr Aussehen war ihr Kapital. Damit wollte sie Geld verdienen. Als vor drei Jahren Models gesucht wurden, kam ihr das sehr gelegen. Sie hatte sich beworben und bekam ihren ersten Job. Natürlich stand dies für sie von Anfang an zweifelsfrei fest, denn sie war die Schönste und wollte es auch bleiben.

Es ging nicht lange und sie realisierte, dass sie nur eine von vielen war. Auch andere junge Frauen waren bildhübsch und wurden überall bewundert. Woran lag das denn? War sie vielleicht zu dick? Sie betrachtete sich jeden Morgen kritisch im Spiegel und stellte sich schon kurz nach dem Aufstehen das erste Mal auf die Waage. Wehe, wenn diese nur ein Gramm mehr zeigte als am Vortag. Dann legte sie einen Fastentag ein. Sie musste schlanker werden und die anderen Mitstreiterinnen so aus dem Rennen werfen. Es gab jeden Monat zahlreiche Tage, wo Patty überhaupt nichts zu sich nahm. Manchmal war sie so geschwächt, dass sie in der Schule einfach umkippte.

Auch Giovanni hatte bemerkt, dass seine Tochter immer dünner wurde. Er, der aus dem Süden kam und auf mollige Frauen stand, musste tagtäglich mit ansehen, wie seine Tochter das Essen verweigerte. Wenn er ihr befahl den Teller leer zu essen, ging sie im Anschluss auf die Toilette und übergab sich. Meistens war sie dann zerknittert und mürrisch. Eigentlich wusste sie genau, dass dies keine Lösung war, doch sie konnte nichts dagegen tun. Sie war viel zu schwach. Oft hatte sie Kopfschmerzen und Schwindelgefühl. Doch das war ihr egal. Wenn sie schöner sein wollte als die anderen, durfte sie unter keinen Umständen an Gewicht zulegen. Aus ihrer Sicht zeigte ihr Spiegelbild eine schreckliche Gestalt, überall an ihrem Körper kleine Pölsterchen. Der Bauch war zu fett, die Oberschenkel viel zu dick. Der Schlankheitswahn war zur Krankheit geworden.

Als das ungleiche Duo das Gartenhaus betrat, entdeckten sie Micky, die auf dem Stuhl lag und schlief. "Ein Wink des Himmels", dachte Giovanni, als er die Getigerte betrachtete. Woher kam sie wohl? Wem gehörte sie? Als Micky wach wurde, sah sie ihn, wie er vor ihr sass und sie anstarrte.

Giovanni wusste, dass Patty Katzen über alles liebte. Er würde die Braune mit nach Hause nehmen. Wenn seine Tochter die Verantwortung für Micky übernehmen müsste, hätte sie eine neue Aufgabe und Erfüllung. Als Patty und ihr Vater das Areal verliessen, achtete sich niemand auf die Kiste, die Giovanni bei sich trug. In ihr sass Micky und wusste nicht, wohin die Reise ging.

Vater und Tochter lebten in einer schönen Dreizimmerwohnung im zweiten Stock. Auch wenn Micky hier nicht raus konnte, war es ihr noch lieber als draussen, wo man sich das Futter selber besorgen musste. Sie war keine gute Jägerin und die erlegte Maus im Gartenareal war eher Glück als Können gewesen. Hier gab es wenigstens Futter und ein paar Streicheleinheiten.

Patty fand die Braune ganz lieb. Wenn sie Kummer hatte, war Micky ihre beste Freundin. Ihr erzählte sie alles. Dann war sie das einzige Lebewesen in ihrer Umgebung, dem sie vertrauen konnte. Mit den Freundinnen in der Schule konnte sie schon lange nicht mehr reden. Sie hatten kein Verständnis mehr für Patty. Sie warnten sie vor dieser heimtückischen Krankheit und dem Schlankheitswahn. Die wenigen, die ihr geblieben waren, redeten auf sie ein. Sie solle sich doch einer Therapie unterziehen, damit sie wieder normal essen könne. "Was glauben die denn eigentlich? Ich esse genug, ich habe keine Essstörung", war ihre Ausrede, "ich bin einfach zu dick". Sie belog sich selber, verharmloste ihr Problem. Ihr Spiegel zeigte eine abgemagerte Frau, bei der man ausser Haut und Knochen kein Gramm Fett mehr entdeckte. In ihrem tiefsten Innern wusste sie zwar, dass sie krank war, doch konnte sie es nicht zugeben und dagegen angehen. Und dies war die Grundbedingung für eine Therapie. Stattdessen wurde sie jeden Tag etwas frustrierter und mürrischer. So verlor sie eine Freundin nach der anderen.
Eines Tages verlor sie ihren Job als Model und somit auch das Ziel, auf das sie hingearbeitet hatte. Nun ging es bergab mit Patty. Jetzt liess sie alles schleifen, zog sich in ihr Schneckenhaus zurück. Sie hatte versagt. Man hatte ihr eine Andere vorgezogen. Dies konnte nur daran liegen, dass sie zu fett war. Es waren harte Zeiten für die spanische Katze, denn in ihrem Frust hatte Patty kein gutes Wort mehr übrig für Micky. Manchmal war sie auch sehr ruppig zur zarten Tigerkatze. Doch am nächsten Morgen tat ihr das immer wieder leid. Dann streichelte und liebkoste sie das kleine Tier und erdrückte es fast mit ihren Umarmungen. Micky kannte die Stimmungsschwankungen bereits. Sie wusste, wann sie sich unter dem Bett verstecken musste und wann Patty ruhig bleiben würde.
Im nächsten Hochsommer bekam Giovanni ein verlockendes Angebot. Er sollte mit seiner Crew für einen Monate in den Süden gehen, um dort an einer Grossbaustelle mitzuhelfen. Dieser Job würde ihm viel Geld einbringen, denn Auslandeinsätze wurden mit einem Sonderbonus belohnt. Er packte seine Koffer und gab Patty die letzten Weisungen. Sie sollte ihm während seiner Abwesenheit den Garten besorgen und ihn regelmässig anrufen. Patty dachte nicht daran, ihre zarten Finger schmutzig zu machen. Da sie aber gerne allein war und sich nun den ständigen Vorwürfen ihres Vaters entziehen konnte, versprach sie ihm alles. Jetzt, wo er weg war, konnte sie endlich an ihrer Figur arbeiten. Schon der nächste Tag nach seiner Abreise war ein Null-Kalorien-Tag. Sie freute sich. Der Zeiger der Waage zeigte nur noch 37 Kilos.

Es dauerte lange, bis jemand bemerkte, dass Giovannis Garten am Verwildern war. Natürlich hatte er ihnen gesagt, dass er für einige Zeit abwesend war und Patty sich darum kümmern würde. Doch jetzt überdeckte das Unkraut Giovannis sonst so gepflegte Beete und vermehrte sich jeden Tag etwas mehr. So konnte das nicht weitergehen. Sie riefen mehrmals bei Patty an, doch niemand war zu erreichen. Sie hatten ein komisches Gefühl.

Als sie dann von Pattys Freundinnen erfuhren, dass sie schon seit einer Woche nicht mehr in der Schule war, läuteten die Alarmglocken. Da stimmte etwas nicht. Gegen Abend setzten sie sich ins Auto und fuhren zu ihr nach Hause. Niemand öffnete die Türe. Doch von drinnen hörten sie Musik, laute Musik! Irgendetwas stimmte hier nicht. Doch sie hatten keinen Wohnungsschlüssel, konnten nicht rein. Sie alarmierten die Polizei, die wenig später vor der Türe stand. Auch die Polizisten versuchten mit Telefonieren und Klingeln, ob Patty nicht doch noch aufmachen würde. In der Zwischenzeit waren viele Stunden vergangen und niemand wusste, was in dieser Wohnung passiert war. Fest stand nur, dass hier wahrscheinlich jemand Hilfe brauchte.

Micky hörte seit Stunden das Klingeln und Klopfen. Sie sass in der Wohnung fest, hörte die laute Musik und das Rufen vom Hausflur. Irgend jemand versuchte von draussen die Türe zu öffnen. Sie hörte das Metall, mit dem man im Schlüsselloch hantierte. Dann wiederum kam ein Kratzen, als wolle man das Schloss abfeilen. Sie hatte grosse Angst, rannte von einer Ecke zur anderen. Was sie in den letzten Tagen erlebt hatte, war das schlimmste Erlebnis in ihrem Leben.

Völlig unerwartet kam der Durchbruch. Es knirschte und krachte in der Eingangstüre, ein höllischer Lärm durchbrach die Stille der Nacht. Die Türe fiel aus der Halterung und zwei Polizisten in Uniform betraten die Wohnung. Micky floh in Windeseile. Sie verkroch sich hinter dem Sofa, drückte sich in die Ecke und hoffte, dass niemand sie entdecken würde. Sie hatte noch nie so grosse Angst gehabt. So viele fremde Leute, Schreie und eilige Schritte. Für Micky war das zu viel.

Patty lag im Bett, weiss und kalt. Ihre dunklen Locken bedeckten Das Kissen und verliehen dem dünnen Gesicht das Aussehen eines Engels. Sie hatte sich zu Tode gehungert. Vor drei Tagen hatte ihr Herz aufgehört zu schlagen. Sie war still und leise eingeschlafen. Micky lag neben ihr, als Patty den letzten Atemzug nahm. Seither war sie nicht von ihrer Seite gewichen. Ausser der lauten Musik aus dem Radio war es seit Tagen totenstill in der Wohnung.

Kaum hatte man die Leiche entdeckt, ging alles sehr schnell. Noch hörte man das Horn des Krankenwagens, der sich mit Blaulicht den Weg zum Verletzten gebahnt hatte. Nun war man zu spät gekommen. Ein junges Leben war erloschen. Alle standen unter Schock, als sie den dünnen Körper wegbrachten. Nachdem die Polizisten die Türe notdürftig eingehängt hatten, verliessen auch sie die Wohnung. Zurück blieb eine leere, dunkle Wohnung – und Micky. Niemand hatte daran gedacht, dass auch Micky Hilfe brauchte. Ihr Herz pochte wie wild. Noch immer sass sie unter dem Sofa, mucksmäuschenstill, damit niemand sie entdecken würde.
Erst am nächsten Morgen, als man Giovanni die traurige Mitteilung überbrachte, wurde ihnen bewusst, dass sie Micky vergessen hatten. Sie fuhren in Pattys Wohnung, um Micky zu holen. Dort fanden sie eine vollkommen verstörte Katze vor, die sich mehrfach übergeben hatte. Fressen wollte sie schon gar nicht. Der Schock sass ihr noch viel zu tief in den Knochen. Sie wussten, Micky musste von hier fort.

Von Verwandten bekamen sie die Adresse von Tina. Diese lebte mit ihren Katzen unweit von Pattys Wohnung entfernt. Allerdings wussten sie nicht, ob es in Tinas Katzenhaus überhaupt noch Platz für einen weiteren Pensionär gab. So erhielt Tina am Weihnachtstag einen Notruf. Man erzählte ihr von Micky und Patty und dass Micky ganz, ganz dringend ein Plätzchen brauchte, wo sie mindestens vorübergehend bleiben konnte.
Für Tina kam dieser Anruf sehr überraschend. Sie hatte einen Tag zuvor einen grossen Geburtstag gefeiert und viele Gäste daheim gehabt. Jetzt war sie in Gedanken noch bei ihren Freunden. Zudem war sie gerade dabei, ihre Wohnung aufzuräumen. Doch der Hilferuf war klar und deutlich und traf Tina tief im Herzen. Obwohl das Katzenhaus voll war, erkannte sie die Notlage, in der sich Micky und Giovanni befanden. Sie schnappte einen Transportkorb und fuhr an den vereinbarten Treffpunkt.

Am Telefon hatte man ihr nur kurz was passiert war und dass Giovanni sich nicht um die Katze kümmern könne und dringend eine Unterkunft brauchte. Die Umstände, wie es zu dieser Situation gekommen war, erfuhr sie erst später. Vor Ort sah sie Micky dann zum ersten Mal. Das Tier verkroch sich sofort in die hinterste Ecke, als sie die fremden Schritte hörte. Es war kaum möglich, die verängstigte Katze einzufangen. Immer wieder entwischte sie und versteckte sich hinter dem Sofa. Endlich, im vierten Anlauf, schnappte das Schloss ein und Micky sass im Transportkorb. Die Tigerkatze riss ihre Augen weit auf. Wenn sie einen Transportkorb sah, stiegen in ihr alte Erinnerungen auf. Sie sah die Gitterstäbe vor sich, als man sie in Spanien gefangen hatte. Auch erinnerte sie sich an den Transport in die Schweiz. Was würde wohl jetzt auf sie warten?

Giovanni gab Tina ein paar Sachen mit, die Patty gehörten: einen alten Pullover, der nach Patty roch und das Liegetuch, auf dem Micky schlief. Micky sollte der Umzug in die Ferien etwas leichter gemacht werden. Sie erzählten in knappen Worten, was Mickys Lieblingsessen war und dass sie als reine Wohnungskatze gelebt hatte. Nur manchmal durfte sie auf dem Balkon die Nase in den Wind strecken.

Micky sass im Transportkorb und somit in der Falle. Sie hatte keine Wahl. Tina nahm sie mit. Noch ein Mal schaute sie zurück an den Ort, wo sie in den letzten Tagen Schreckliches erlebt hatte. Die Fahrt dauerte nicht lange. Micky verhielt sich mucksmäuschenstill. Als Tina eine halbe Stunde später die Transportbox öffnete, stand Micky mitten im Wohnzimmer. Ueberall gab es Kratzbäume und Liegekissen. Es roch nach anderen Katzen. Da kamen sie auch schon, eine um die andere, und begrüssten Micky. Doch das verängstigte Tier war es sich nicht gewohnt, andere Katzen um sich zu haben. Es war 10 Jahre her, seit sie das letzte Mal unter Ihresgleichen gewesen war. Sie rannte davon in Richtung Badezimmer. Dort drückte sie sich in den winzigen Spalt zwischen Wand und Waschmaschine. In dieser engen Ecke verharrte sie zwei Stunden. Dann erst realisierte sie, dass man sie in Ruhe liess. Sie kam hervor und suchte sich einen neuen Unterschlupf. Diesen fand sie auch in einer geöffneten Schublade im Kleiderschrank. In diesem Versteck blieb Micky, volle zwei Tage lang. Sie weigerte sich strikte, herauszukommen oder etwas zu fressen. Tina hatte in der Zwischenzeit erfahren, was passiert war. Sie konnte sich gut vorstellen, dass Micky vollkommen traumatisiert war von den Geschehnissen und einfach Ruhe brauchte. Wenn Micky merkte, dass es in der Wohnung ganz ruhig war, kam sie hervor. Dann schlich sie zum Katzenklo oder Wassernapf. Doch das Fressen liess sie stehen.

Als Tina eines Abends nach Hause kam, fand sie Micky hoch oben auf dem Kleiderschrank. In die Höhle, die da oben stand, hatte sie sich gelegt. Es war ein ausgezeichnetes Versteck, denn man konnte es nur über den Katzenbaum erreichen. Wer zur Höhle wollte, musste hochklettern. Dies war nur möglich, wenn die Katze da oben zustimmte. Und Micky wollte allein sein. Wenn eine der anderen Katzen ihre Nase zeigte, knurrte sie bedrohlich. Tina nahm eine Leiter und kletterte zu ihr hoch. Sie stellte ihr etwas Futter hin und redete leise auf sie ein. Sie hatte noch immer keinen Erfolg. Micky weigerte sich, auch nur einen Bissen zu fressen. Stattdessen knurrte sie, wenn Tina ihr zu nahe kam. Die anderen Katzen waren etwas verunsichert. Sie wussten nicht, was mit der Neuen los war. Doch etwas spürten sie genau. Sie hatte Angst. Deshalb liessen sie Micky einfach in Ruhe.

Am dritten Tag war sie verschwunden. Tina kam erst spät am Abend nach Hause. Wie immer, suchte sie nach Micky. Doch die Tigerkatze war weg. Sie war nicht in der Nische neben der Waschmaschine, auch nicht in der Schublade. Auch die Katzenhöhle auf dem Bauernschrank stand leer. Mit einer Taschenlampe suchte Tina den letzten Winkel ab. Sie wusste, dass die dünne Katze nicht viel Platz brauchte, um sich zu verstecken. Nach zwei Stunden gab sie auf. Wohin war das Tier verschwunden? Die Katzentüre in den Garten war zwar offen, doch hatte Giovanni ihr gesagt, bei Micky handle es sich um eine Wohnungskatze ohne Freigang. Also konnte sie davon ausgehen, dass Micky nicht wusste, wie man nach draussen kam.

Doch das war falsch. Nachdem Tina die Suche aufgegeben hatte, zog sie ihre Jacke nochmals an. Sie ging hinaus in den Garten und leuchtete mit der Taschenlampe alles ab. Was hatte sich da hinter dem Grill bewegt? Tina versuchte, den Lichtstrahl dorthin zu bringen. Zwei blitzende Katzenaugen betrachteten sie. Micky sass hinter dem Grill und schaute ihr und den anderen Katzen zu. Nun war Tina ratlos. Sie wusste genau, dass sie Micky nicht hochheben konnte. Sie würde sich das nicht gefallen lassen. Mit Rufen war auch nichts zu machen, denn Micky gehorchte ihr noch nicht. Dann schlenderte Micky zur Hecke, setzte sich darunter und schaute hoch zum Mond.

Tina schaute der Katze zu, wie sie ihre neugewonnene Freiheit testete. Nein, diese Katze würde wohl kaum weglaufen. Sie war nicht in Panik. Sie sass einfach da und schaute zum Himmel. Es war, als rede sie mit Patty, die nun da oben war. Sie konnte nichts tun ausser hoffen, dass Micky im Laufe der Nacht wieder rein kam.
Doch am Morgen war die Höhle leer. Auch in der Schublade war keine Micky zu sehen. Sofort ging Tina nach draussen in den Garten. Unter der Hecke war alles leer. Auch der Platz hinter dem Grill war unbewohnt. "Mist, was soll ich nun tun?" Plötzlich bewegte sich etwas ganz hoch oben. Im obersten Korb des Katzenbaumes lag die Getigerte und schlief friedlich. Sie hatte ihre erste Nacht draussen verbracht. Doch nun war sie froh, dass sie wieder in die Wohnung durfte, denn die ersten Herbstnächte waren relativ kühl. Erst Tage später erfuhr Tina von der Katzentüre, die Giovanni installiert hatte, damit sie auf den Balkon gelangen konnte. Hätte sie das vorher gewusst, hätte Tina die Katzentüre geschlossen. Sie war natürlich davon ausgegangen, dass Micky den Trick nicht kannte, wie man den Durchgang nach draussen öffnen konnte.
Es vergingen viele Wochen bis Micky sich an die neue Umgebung gewöhnt hatte. Was zuerst nach einem vorübergehenden Aufenthaltsort aussah, wurde Mickys neue Heimat. Nachdem Giovanni seine geliebte Tochter verloren hatte, packte er seine Koffer und ging zurück in sein Heimatland.

Allmählich wurde Micky zutraulicher. Sie verlor ihre Angst jeden Tag etwas mehr. Niemand tat ihr etwas. Sogar die anderen Katzen liessen sie erstaunlicherweise in Ruhe. Als der Hunger gross genug war, begann sie wieder zu fressen. Es war wunderschön bei Tina, obwohl sie ihr Heim mit anderen Tieren teilen musste. Als der erste Schnee fiel, war Micky schon halbwegs zahm. Sie ging nach draussen, um die weisse Pracht zu begutachten, die vom Himmel fiel. So etwas hatte sie noch nie
gesehen. Mit der Pfote versuchte sie Schneeflocken zu fangen. Igitt, das war ja nass! Das war nichts für die Südländerin. Sie bevorzugte den warmen Platz auf dem Büroschrank, von dem aus sie in den Garten schauen konnte. Ihr Lieblingsplatz war im Türspalt zwischen Küche und Garten. Da hätte sie stundenlang sitzen können, den Hintern in der warmen Küche, die Schnauze draussen.

Als der Frühling einzog, war aus der ängstlichen Micky eine halbzahme Katze geworden. Sie verbrachte die kühlen Winternächte auf den Stühlen im Wohnzimmer. Dort lag ein Lammfell, auf dem sie sich der Länge nach ausstrecken konnte. Sie liess sich von Tina füttern und ein wenig streicheln, doch den Samtpfoten ging sie wohlweislich noch aus dem Weg. Eine der kleineren Katzen hiess Chiara. Sie war sehr neugierig und versuchte unentwegt mit Micky in Kontakt zu treten. Manchmal sprang sie auf die Stühle, wo Micky lag. Sie schaute die Getigerte an, streckte ihre kleine Pfote zu ihr hin, doch erntete sie nur ein Fauchen.

Aber Chiara gab nicht auf. Sie war die vollkommene Ausdauer in Katzenform. Immer wieder nahm sie
allen Mut zusammen und schlich zu Micky. Sie wollte mit ihr spielen, schubste sie sanft mit der Pfote. Doch Micky drehte sich um, zeigte Chiara die kalte Schulter zu. Es dauerte Wochen, bis Chiara endlich Erfolg hatte. Zuerst war nicht klar, ob Micky Chiara nur vertreiben, oder ob sie tatsächlich mit Chiara spielen wollte. Jedenfalls rannte sie hinter der kleinen Dreifarbigen her. Sie spielten Verstecken, tobten unter den Stühlen durch. Mittendrin sass Tina auf dem Sofa und schaute dem ungleichen Duo zu. Endlich hatte Micky eine Freundin gefunden.

Als die ersten Frühlingsblumen ihre Köpfe in die Sonne hoben, ging sie von einer Blume zur nächsten und streckte ihre Nase hinein. Hier gab es Düfte, die sie schon seit Jahren nicht mehr gerochen hatte. Es war eine faszinierende Welt. Sie spürte auch das Gras unter ihren Füssen, jenes Gras, das ihr damals nach dem Sturz von Horsts Balkon so grosse Angst gemacht hatte. Heute genoss sie den Duft, der ihr aus dem frischgeschnittenen Gras in die Nase stieg.

Tinas Daheim war eine Eckwohnung. Der Garten erstreckte sie zu beiden Seiten. An der Stirnseite der Wohnung stand eine alte, unbenutzte Gartenbank. Dort richtete sich Micky ihr neues Revier ein. Oft brachte ihr Tina das Frühstück "ans Bett". Dies war jeweils ein besonderes Ereignis. Dann konnte sie sich den Bauch voll schlagen, ohne ihren Hochsitz verlassen zu müssen. Wenn sie Tina sah, begrüsste sie ihr neues Frauchen mit einem ausgiebigen Miau.

Tina freute sich darüber, dass Micky allmählich ihre Scheu ablegte. Aber sie wusste, dass Micky noch einen etwas unangenehmen Gang zum Tierarzt vor sich hatte. Die Tigerkatze war seit Jahren nicht mehr untersucht worden. Ihre Zähne waren faul geworden, das Zahnfleisch entzündet. Sie konnte gar nicht mehr richtig zubeissen. Sie lehnte bereits das leckere Trockenfutter ab.

So brachte Tina ihre neue Freundin zum Tierarzt. Dort wurden ihr die verfaulten Zähne unter Narkose entfernt. Die restlichen Beisserchen wurden sauber geputzt. Bald würde sie keine Schmerzen mehr haben und wieder tüchtig fressen können. Als Micky aus der Narkose erwachte, schaute sie in die Augen des Tierarztkaters Lucky. Er hatte sich zu ihr gelegt und ihr zugeschaut, wie sie langsam aus ihren Träumen erwachte. Er war auf der Suche nach neuen Geschichten. Hier lag eine Katze, die wahrlich Abenteuerliches erlebt hatte. Er unterhielt sich lange mit der Tigerdame und schlenderte dann davon. Sie schaute ihm nach, wie er langsam durch die Wiese spazierte. Sein Schwanz war hochgestellt, sein Blick hellwach. Ob er wohl eine Maus entdeckt hatte?

Es dauerte keine zwei Wochen und Mickys Zahnschmerzen waren Vergangenheit. Endlich konnte sie wieder fressen, was sie wollte. Es war nicht zu übersehen, dass Micky innert kurzer Zeit zarte Rundungen bekam, wo früher nur Haut und Knochen zu sehen waren. Ihr Fell glänzte wieder. Zudem war sie viel aufgeschlossener und freundlicher geworden. Die Entscheidung von Tina war richtig. Micky sollte nicht mehr länger Zahnschmerzen haben. Und dafür war ihr Micky wirklich dankbar. Sie drückte ihr Köpfchen ganz fest an Tinas Beine und liess sich von ihr ausgiebig streicheln.

Sechs Monate, nachdem Micky bei Tina eingezogen war, war sie wie alle Katzen von Tina. Ihre Angst war vollkommen gewichen. Früher rannte sie weg, wenn ihr eine der anderen Katzen zu nahe kam. Sie war nicht gewohnt, dass sie unter Ihresgleichen war. Doch jetzt stand sie mitten in der Katzenschar und schaute Tina zu, wie sie das Nachtessen für ihre Vierbeiner vorbereitete. Es war schön hier, das reinste Paradies. Endlich konnte sie nach draussen. Früher sass sie bei Horst oder Patty auf dem Balkon und schaute voller Neid den Katzen zu, die im Garten herumschlenderten. Jetzt hatte sie Glück im Unglück. Ihr Traum war wahr geworden. Sie hatte ihren eigenen Garten mit Gras und Blumen. Dicht dahinter gab es einen Hügel mit einer Magerwiese. Im Sommer stand das Gras recht hoch. Darin konnte man sich so verstecken, dass man von niemandem gesehen wurde. Micky liebte diese Spaziergänge. Zwar blieb sie immer in der Nähe und sprungbe­reit, um bei Gefahr blitz­schnell nach Hause zu laufen. Doch mit jedem Tag vergrösserten sich ihr Mut und ihr Revier. Zu Beginn hatte sie sich kaum von der Wohnungsmauer entfernt. Jetzt unternahm sie bereits erste Ausflüge in die benachbarten Einfa­milienhäuser.
Die meiste Zeit verbrachte sie aber auf dem riesengrossen Katzenbaum auf dem gedeckten Sitzplatz, ob bei Regen oder Sonnenschein. Hier konnte sie sich in einen der Körbe legen und das Revier von oben überblicken. Wenn sie müde wurde, rollte sie sich zusammen und schlief. Niemand störte sie da oben. Ab und zu kam Shiva zu ihr hoch, doch das machte ihr schon lange keine Angst mehr. Zudem wusste sie, dass Shiva eine besonders liebe und friedfertige Katzendame war. Sie verbrachte auch die meisten Nächte auf "ihrem" Katzenbaum. Dann beobachtete sie die Sterne und den Mond.

In einer der ersten Nächte hatte sie eigenartige Tiere entdeckt, die durch den Garten schlichen. Sie hörte sie rascheln und schmatzen. Dann sah sie die kleinen Stachelhügel, die kreuz und quer durch den Garten liefen. "Komische Tiere", dachte sie. Sie musste halt noch vieles lernen. Bis jetzt hatte sie noch keine Bekanntschaft mit Igeln gemacht.

Micky hatte sich immer gewünscht, eine frei lebende Katze zu sein. Jetzt hatte sich ihr Traum erfüllt. Sie sog die Luft ein und streckte ihre Nase in den Wind. Das Leben war einfach schön.
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