So ein verrückter Kater - Luskas Bücher

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So ein verrückter Kater

Buch 4
Tatsächlich war Emsy ein Streuner. Das erzählte man sich schon seit Jahren im ganzen Dorf. Und das erzählte er auch Simba, dem neugewonnen Freund. Er schilderte seine wilden Jahre, erzählte ihm von seinen ersten Ausflügen ins Gartenzenter und in die Industrie.

Er hatte in seinen noch jungen Katerjahren derart viel erlebt und seinem Frauchen auch einige Sorgen bereitet. Sie war unentwegt auf der Suche nach ihm, denn er kam tagelang nicht nach Hause. Oftmals schmückte sein Foto sämtliche Pfähle und Wände der Region. Auch hörte man im Radio seinen Namen, wenn in der Tiersuchecke Emsy der Streuner als vermisst gemeldet wurde. Ja, er wurde gesucht, und das nicht nur ein Mal. Sein Name war in jedermanns Munde und man redete und schmunzelte über sein Treiben, wenn man ihn sah.
Er erzählte ihm von seinem ungewollten Aufenthalt im Tierheim. Das war damals wirklich Rettung in letzter Not, dass ihn Tina dort ein paar Tage später entdeckt hatte. Sonst hätte es passieren können, dass er als Findling in eine fremde Familie vermittelt worden wäre. Auch konnte er heute über die Geschichte lachen, als ihn diese Frau in den 10. Stock mitgenommen hatte, da sie ihn als ausgesetzten Kater betrachtet hatte.

Er machte allen Sorgen, doch keiner konnte dem kleinen Kater böse sein. Dieser hatte einen aussergewöhnlich liebevollen Charakter. Er berührte sie mit seinem nassen Stupsnäschen und schnurrte ihnen leise ins Ohr. Wenn er gut drauf war, legte er sich auf den Rücken und streckte ihnen seinen weissen Bauch entgegen. Spätestens dann war es um sie geschehen. Er hatte sie um die Pfote gewickelt und sie waren seinem Bann verfallen.

Er kümmerte sich sowieso nur wenig um das Getuschel und um die Sorgen seiner Katzenfamilie. Er sah nichts Schlechtes an seinem Lebensstil. Sein Interesse galt allen und allem und er war immer unterwegs, um neue Eindrücke zu gewinnen. Er war eben ein Zigeuner auf vier Pfoten. Bei seinen Abenteuern entwickelte er keine Angst. Manchmal führte ihn sein Weg mitten durch die Maschinenfabrik, doch der Lärm störte ihn keineswegs. Beim Eingang der benachbarten Chemie, schlüpfte er regelmässig durch die Drehtüre und legte sich am Eingang auf die Polstergruppe. Wenn der Portier ihn entdeckte, stellte er ihn raus, doch Emsy kannte ja den Weg hinein. Er wartete geduldig vor der Türe, bis der nächste Mitarbeiter seinen Dienst antrat. Dann marschierte er neben ihm durch die Drehtüre wieder hinein und das Ganze begann von vorne. Und dieses Spiel liebte Emsy besonders, denn in diesem Trakt arbeiteten Hunderte von Menschen. Wenn sie ihn sahen, lächelten sie und viele streichelten ihn, wenn er sich vor ihnen auf den Boden legte.
So war es auch nicht erstaunlich, dass Tina ihn (wie fast jeden Abend) suchte und mitten im Getümmel der Mitarbeiter fand. Diese feierten unter den Bäumen ein kleines Betriebsfest und hatten zahlreiche Pavillons aufgestellt. Es gab Sekt und Lachsbrötchen, genau das, was Emsy liebte. Er quetschte sich unter den vielen Beinen hindurch und stellte sich miauend mitten in die Menschenmenge. Nicht nur einmal fiel "versehentlich" ein Stückchen Lachs zu Emsy runter. Herrlich, dieses Katzenleben, und lecker dieser Fisch! Die Angestellten der Catering-Firma lachten nur, als Tina kam. Sie waren gerade dabei, die letzten Resten wegzuräumen und erzählten Tina, wie Emsy sich den Bauch voll Lachs erschnurrt hatte.

Auch die Lastwagen, die auf den Areal daneben in Reih und Glied abgestellt waren, fand Emsy sehr anziehend. Wo andere Kater voller Panik davonlaufen, legte sich Emsy der Länge nach hin. Seine Unbeschwertheit hatte ihn allerdings fast das Leben gekostet.Dann wurde Emsys Stimme leise. In seinem sonst so lausbubenhaften Gesicht entdeckte Simba
ein paar Kummerfalten. Emsy erzählte ihm von seinen grauenhaften Unfall, der sich hier ganz in der Nähe ereignet hatte. Er erinnerte sich noch ganz genau daran, wie er von einem Auto überfahren wurde und sich nicht mehr bewegen konnte. Damals wäre es schön gewesen, wenn ihn jemand gesucht hätte. Der Suchtrupp fand Emsy nicht. Sein Revier war zu gross und zu unübersichtlich. Was normalerweise ein wildes naturbelassenes Katzenparadies war, wurde Emsy fast zur tödlichen Falle. Stattdessen musste er drei Tage lang fürchterliche Schmerzen aushalten. Mit letzter Kraft schleppte er sich am nächsten Morgen halb gelähmt nach Hause. Dies war sein dritter und schlimmster Unfall, nur dieses Mal hatte es ihn fast das Leben gekostet. Nur ungern erinnerte er sich daran, wie viele Wochen es dauerte, bis aus dem schwerverletzten Emsy wieder der alte Streuner geworden war. Er hatte eine ganze Schar von Schutzengeln gehabt, doch seine Abenteuer­lust war ungebrochen. Der Drang nach Freiheit war grenzenlos und Emsy erlebte mehr Abenteuer als tausend andere Katzen zusammen.
Auf einem seiner Ausflüge hatte er diesen Teil der Industrie entdeckt. Hier hatte er auch seine Freundinnen kennen gelernt, mit denen er seine Tage verlebte. Sie arbeiteten hier in einem grossen Büro des Paketdienstes. Bei ihnen verbrachte er die Wochentage, mitten im Büro. Er kletterte über die Schreibtische und legte sich quer über die Rechnungen. Am liebsten lag er dort, wo seine Frauen eigentlich arbeiten sollten. Viele Fakturen wiesen kleine Emsy-Spuren auf, denn seine dicken Füsse, mit denen er immer mitten durch den Blätterwald lief, waren zeitweise grau bis schwarz gefärbt. Dennoch erntete er selten Schelte. Zu sehr liebten sie ihn. Er durfte wirklich alles. Im Winter lag er in seinem Korb auf der Heizung und schaute den Schneeflocken draussen zu. Im Sommer war er meistens im Revier unterwegs und schlenderte von einem Gebäude zum anderen. Er kannte den hintersten und letzten Winkel dieser Lagerhallen und der hinterste und jede Mitarbeiterin, jeder Mitarbeiter in diesem Industriegebiet kannte Emsy, den Streuner.

Tina kam ihn im Winter jeden Abend abholen, damit er nachts nicht so kalt hatte. Ja, er hatte ein echtes Katzentaxi. Kein anderer Kater auf dieser Welt wurde wie er jeden Tag nach der Arbeit mit einem Sportwagen nach Hause gefahren. Er war eben etwas ganz Besonderes, das wusste der kleine Kerl genau. Ganz aussergewöhnlich war auch sein Zeitgefühl. Er liess sich zwar am Abend nach Hause holen, doch punkt fünf Uhr in der Früh war für ihn Tagwache. Dann stand er auf, streckte sich, nahm gemächlich sein Frühstück ein und machte sich wieder auf den Weg Richtung Industrie. Er wollte punkt sechs Uhr dort sein, wenn seine Frauen die Arbeit aufnahmen. Meistens sass er dann schon vor der Türe, wenn die erste der Frauen ihr Auto parkierte. Er hatte seinen Morgenspaziergang bereits hinter sich, denn zwischen Tinas Wohnung und dem Büro des Paketdienstes lagen etwa zwei Kilometer. Diese Distanz war Emsys Weg zur Arbeit. Er nahm diesen langen Weg gerne unter die Pfoten, denn er liebte es, bei seinen Frauen zu liegen und dort Pascha zu sein.
Und vor dem Büro des Paketdienstes stand auch sein Katzenhaus. Es war sein Haus, nicht zu übersehen, denn über der Eingangstüre hing sein Foto und es trug seinen Namen "Villa Emsy". Wenn er hineinkletterte, konnte er sich in sein flauschiges Kissen legen, das mit einem dicken Lammfell überzogen war. Es gab zwei Glasfenster oder besser Türen, durch die er das Treiben draussen beobachten konnte, ohne dass man ihn entdeckte. Er hatte schon einmal ein ähnliches Haus gehabt, doch jenes hatte nur einen Plastik als Katzentüre gehabt. Durch diese Plastiktüre hatte sich vor ein paar Monaten ein Marder verirrt. Dieser hatte Emsy angegriffen und am Hals schwer verletzt. Seither hatte der Kater Angst vor dem Katzenhaus, da dieses nur den einen Eingang und keinen Fluchtweg hatte. Er kletterte nicht mehr rein, auch dann nicht, als es im Winter beissend kalt war. Stattdessen legte er sich zusammengerollt auf die Treppe und fröstelte. Auch kam Emsy nicht zur Einsicht, dass er viel besser nach Hause gehen sollte, statt sich in der Kälte aufzuhalten.

So blieb Tina nichts anderes übrig, als ihrem Streuner ein neues Haus zu bauen. Dieses bekam nun zwei Türen, einen richtigen und einen Notausgang. Jetzt gefiel es Emsy wieder. Er fühlte sich darin geborgen und war stolz darauf wie ein Pfau. Es war herrlich in seiner Villa, denn sie war für seine Grösse wie massgeschneidert. Die Türen und das Dach waren abgedichtet, der Fussboden mit dickem Styropor und mehrfachem Teppich überzogen, damit keine Kälte eindringen konnte. Die Villa war einfach perfekt, genau sein Ding.t.
Es war höchste Zeit geworden, dass Tina ihm endlich ein neues Haus geschreinert hatte, denn vor einigen Monaten gab es ein gewaltiges Gewitter. Emsy hatte keinen Unterschlupf, denn sein altes Katzenhaus mied er noch immer. Der Regen prasselte derart vom Himmel runter, dass sogar der Büro-Vorplatz nass wurde. Normalerweise konnte er sich auf den verglasten Vorplatz hocken und blieb trocken. In dieser Nacht tobte aber ein Sommergewitter, das sich gewaschen hatte. Igitt, Wasser. Das mochte Emsy nun aber gar nicht und er machte sich auf die Suche nach einem trockenen Ort. Da neben "seinem" Bürotrakt gerade eine neue Lagerhalle errichtet wurde und die Bauarbeiten noch in vollem Gang waren, wurde Emsy auch gleich fündig. Auf dem Nachbarsgelände standen überall Baumaschinen herum. Die einen waren vollkommen offen, andere hatten kleine Führerkabinen, in die man klettern konnte. Emsy entschied sich für einen grossen, starken Raupenbagger, der nicht weit entfernt stand. Er rannte in Windeseile zu dieser Maschine und wollte in den Führerstand klettern. Leider erwies sich sein Plan als Niete, denn die Führerkabine war verglast und fest verschlossen. Aber Emsy wollte nicht mehr zurück in den Regen und beschloss, die Nacht eben unter dem Führerhaus zu verbringen. Platz gab es dort genug. Er sprang auf die Ketten und legte sich dicht an die Drehplatte unter dem Führerhaus. Hier war es trocken und das Gewitter konnte weitertoben. Emsy schlief wunderbar und merkte gar nicht, wie das Gewitter abzog. Am Morgen, als er bei seinen Frauen erschien, gab es ein grosses Geschrei. Sie schauten ihn entsetzt an. Emsy war von oben bis unten mit Maschinenfett verklebt. Die Drehplatte, an der er sein Nachtlager errichtet hatte, war mit einer dicken Schicht Maschinenfett eingeschmiert gewesen. Und dieses Fett klebte ihm nun im Fell. Die eine Hälfte von Emsy war schwarz und klebrig, sein Schwanz war nur noch ein dünner, verklebter Wedel. Er hatte mit seinen Pfoten versucht, das klebrige Zeug aus dem Pelz zu entfernen mit dem Resultat, dass nun alles ölig und schmierig war. Die Frauen hatten grosse Mühe, Emsy vom Sprung aufs Pult abzuhalten. Sogar auf dem Teppich waren Emsys Oelspuren zu finden. Man hielt ihn fest und versuchte, das Oel mit einem Handtuch wegzuwischen. Es blieb beim Versuch, denn das Fett war dickflüssig, klebrig und hartnäckig. Je mehr man an Emsy herumputzte, desto trostloser wurde sein Anblick. Und je schrecklicher der kleine Kater aussah, umso mehr Gelächter entstand. Die Situation war einfach nur komisch. Emsy mit seinem klebrigen Fell sah aus, als habe er ein Honigbad genommen und überall roch es nach Fett. Er durfte sich nirgendwo hinlegen und auch nicht in sein Körbchen kriechen. Er fühlte sich in seiner Haut und vor allem in seinem Fell gar nicht wohl. Er mochte sich und seine ganze Welt nicht mehr. Da blieb den Frauen nur noch eines übrig: Emsy musste unter die Dusche. Wer war mutig genug, mit dem Kerl ein Katzenbad zu nehmen? Niemand? Dies war ja nur verständlich, denn Emsy hatte trotz total verklebtem Fell, immer noch messerscharfe Krallen, die er liebend gern einsetzte, wenn ihm etwas nicht passte. Da war guter Rat teuer und man wählte schliesslich den Weg zum Tierarzt. Dieser musste Emsy kurz ruhigstellen, um ihn zu baden. Trotz ausgiebigem Schrubben und Putzen konnten nicht alle Fettspuren entfernt werden. Als Emsy eine Stunde später aus seinem Schlaf erwachte, glaubte er, er liege in der Hitze des Sommers mitten in einer Blumenwiese. Es duftete frisch und blumig. Dabei lag er unter einer wärmenden Infrarotlampe und duftete nach Katzenshampoo. Er war nicht nur sauber, er war sogar rein. Das Fett war weg, er hatte stattdessen wieder strahlendweisse Füsse und ein glänzendes Fell. Nur dieses Mal war es nicht das Maschinenöl das glänzte, sondern das Resultat einer Haarwäsche, die sonst nur Edelkatzen oder Schosshunde beim Hundefrisör bekommen. Nun musste er sich nicht mehr schämen und durfte fortan wieder auf dem Pult herumspringen. Allerdings musste er seinen Frauen versprechen, künftig die Baumaschinen auf dem Nachbarsgelände zu meiden. In Zukunft würde er sich bei weiteren Gewittern lieber im neuen Katzenhaus in Deckung bringen.

Es war nicht der erste und garantiert auch nicht der letzte Besuch beim Tierarzt. Emsy war dort Stammgast, denn er hatte die Begabung, all das zu erleben, was andere Kater nie erfahren würden. Bevor die Baumaschinen auf dem Nachbarsgelände auffuhren, stand dort eine alte Lagerhalle, in der man Kühlschränke und –truhen entsorgte. Jedes Kind weiss, dass die Kühlflüssigkeit giftig ist und man diese meiden sollte. Emsy wusste es nicht. Er kletterte über die alten Eisschränke, die dort in hohen Türmen aufgestapelt waren. Diese Klettertour machte ihm Spass. Eigentlich war er vorsichtig und schaute, wohin er trat, denn manchmal lagen Glasscherben herum. Auch musste er aufpassen, dass sich nicht eine der offen stehenden Schranktüren hinter ihm schloss, sonst wäre er eingesperrt worden. Der grosse Eisschrank-Berg war ein Paradies, denn er sah jeden Tag anders aus. Die Autos brachten immer wieder neue Schränke vorbei, die man zu neuen Spielbergen stapelte. Manchmal nahm man einen Teil der Schränke mit einem Kran weg und verlud die Truhen auf die Bahn. Wie stolz war der Streuner, als er auf schwindelnder Höhe ganz oben auf dem Stapel lag und seinen Blick über sein Revier streifen liess. Wenn er Tina sah, die ihn holen wollte, lachte er sie aus. Sie konnte ihn da oben weder entdecken noch runterholen. Oft musste sie ohne Emsy den Heimweg antreten, der sich auch mit Rufen und Locken nicht von seinem Thron herunterholen liess.

Die Freude war allerdings nur kurz, denn eines Morgens lag Emsy vor dem Eingang des Paketdienstes und weigerte sich strikte, unter dem Gebüsch hervorzukommen. Die Frauen riefen ihm, stellten ihm wohlriechendes Futter vor die Nase. Emsy blieb liegen, bewegte sich kaum. Er war wie weggetreten und Tina wurde gerufen. Als sie kam, entdeckte sie einen braunen statt schwarz-weissen Emsy, der sich sehr eigenartig benahm.

Es sah aus, als sei er in eine Lehmgrube gefallen. Das Fell war braun verklebt und bereits ganz eingetrocknet. Sie griff mutig nach ihm und holte ihn unter dem Gebüsch hervor. Igitt, was war denn das? Eine undefinierbare Brühe überzog den ganzen Kater. Er machte auch keinerlei Anstalten, als wolle er sich reinigen. Sie versuchte es mit einer Bürste. Vielleicht konnte man so die eingetrocknete Flüssigkeit aus dem Fell bürsten. Das gefiel Emsy auch nicht und er knurrte bedrohlich. Da entdeckte Tina grosse Schnitte am Kopf und Beinen, aus denen Blut rann. Ab zum Tierarzt!

Bis heute ist nicht klar, worum es sich bei dieser Brühe gehandelt hatte. Vermutlich war er in eine Wanne gefallen, die als Auffangbecken für die giftige Kühlflüssigkeit diente. Im Fallen musste er sich an irgendwelchen Scherben geschnitten haben. Der Tierarzt säuberte und versorgte die Schnitte. Dennoch blieben Spuren zurück und Emsy hatte noch monate-, nein jahrelang, an diesem Abenteuer zu kämpfen. Das Gift war bereits in seinen Körper eingedrungen und hatte sein Immunsystem geschwächt. Der Reihe nach bekam er eine Krankheit nach der anderen. Aus seinen Augen tropfte Eiter, die Bindehaut war stark angegriffen. Kaum hatte er dies im Griff, begann sein Hals zu schmerzen. Er konnte kaum mehr atmen und hatte grosse Halsschmerzen. Wiederum bekam er Medikamente. Manchmal lag er in seinem Körbchen und machte keine Anstalten, als wolle er durchs Revier schlendern. Man sah ihm an, dass es ihm nicht gut ging. Das Gift war in ihm drin und Emsy brauchte viel Zeit und Kraft, um es allmählich abzubauen und auszuscheiden. Es juckte ihn am ganzen Körper und er riss sich büschelweise Haare aus. Manchmal sah er erbärmlich aus mit seinen noch geschorenen Pfoten und den kahlen Stellen am Rückenende. Es war auch nicht immer klar, ob es ihm tatsächlich so schlecht ging oder ob dies einfach seine Masche war, um im Mittelpunkt zu stehen. Auch nach vielen Monaten waren die Spuren des Giftes noch immer zu sehen. Nach wie vor riss er sich Haare aus und manchmal sah er aus wie ein Affe mit kahlem Hintern. Je länger es dauerte, desto besser ging es ihm. Er hatte das meiste Gift ausgeschieden und fühlte sich schon wesentlich besser. Bald schon war er wieder der Alte, bereit für neue Abenteuer.

Etwas hatte der kleine Kerl allerdings noch nicht im Griff. Er konnte die Wochentage nicht von den Wochenenden unterscheiden und Feiertage brachten sein ganzes Weltbild durcheinander. Da stand er wie jeden Tag punkt sechs Uhr vor der Türe und niemand erschien. Was war denn los hier? Wo waren nur seine Frauen? Statt einfach nach Hause zu gehen, verbrachte Emsy den ganzen Tag am Rumstreunen. Tina ging übers Wochenende mehrmals täglich hin, um ihren Kater nach Hause zu holen, doch oft war Emsy nicht auffindbar. Sie stellte ihm das Fressen hin und kehrte unverrichteter Dinge wieder nach Hause zurück. Wenn Emsy seinen Spaziergang beendet und das leckere Gudigudi verschlungen hatte, kletterte er in sein Gemach und träumte von neuen Abenteuern.

Aus einem dieser Träume wurde er nun wachgerüttelt, als er Simbas Pfoten am Tor vorne hörte. Simba war nicht der erste Gast, den Emsy bei sich aufnahm. Er war ein sehr gastfreundlicher Kater und liebte jeglichen Besuch.

Simba lag noch immer bei Emsy und hörte gespannt seinen Erzählungen zu. Dieser Kater hatte wirklich viel erlebt und manche Niederlage eingesteckt. Dennoch war sein Lebensmut ungebrochen und er war nicht so verbittert wie Simba. Seine Erfahrungen hatten ihn stark gemacht und Emsy war immer wieder auf die Füsse gekommen. Erstaunlich war auch die Gastfreundschaft, die Emsy an den Tag legte. Jedermann war bei ihm herzlich willkommen. Da hatte Simba schon ganz andere Erfahrungen gemacht. Er wurde angegriffen und vertrieben, wenn er irgendwo bei Seinesgleichen um etwas Futter bettelte. Doch bei Emsy herrschte Frieden. Er teilte sein Mahl gerne, Hauptsache man leistete ihm Gesellschaf
Emsy erzählte seinem neuen Freund auch, dass er vor wenigen Monaten sehr berühmt geworden war. Sein Frauchen schreibt Katzenbücher, muss die vielen Geschichten um ihre Katzenfamilie aufs Papier bringen. Die wilden Stories sind zudem auf Tinas Homepage zu finden. Durch einen Zufall wurde eine deutsche Journalistin auf diese Internetseite aufmerksam. Die Geschichten um Emsy fand sie derart amüsant, dass sie eine Zusammenfassung in der grössten Tierzeitschrift Europas veröffentlichte. Nebst den lustigen Erzählungen waren drei Bilder von Emsy abgebildet. Am Gedanken daran, wuchs der Zigeuner Emsy mindestens einen Zentimeter. Tausende Tierliebhaber kannten ihn nun. Sein Bild war an jedem Kiosk erhältlich, sein Name in jedermanns Munde. Tina erhielt zahlreiche Rückmeldungen und Bücherbestellungen. Nun hatten die Tierfreunde nicht nur die kurze Zusammenfassung, jetzt kannten sie schon seine ausgiebigen Geschichten und Abenteuer. Jedes Mal, wenn Emsy jemandem von dieser Tierzeitschrift erzählte, platzte er fast vor Stolz. Er kannte keine andere Katze, deren Name um die Welt ging. Manchmal stolzierte er mit Absicht besonders langsam über den Parkplatz als wolle er sagen "Schaut her, ich bin Emsy, der weltberühmte und verrückte Kater".
Auch Simba war beeindruckt von Emsys Berühmtheit. Irgendwie musste er lächeln beim Gedanken, dass nun so viele Leute die Schandtaten des kleinen Katers kannten. Manchmal schien er schon ein richtiger Tollpatsch zu sein. Er zog das Unglück förmlich an und lernte dabei anscheinend gar nichts. Es verging keine einzige Woche, in der Emsy nicht wieder was angestellt hatte. Wäre dies alles Simba passiert, hätte der sich vor lauter Scham unter den letzten Baum verkrochen. Emsy war das egal. Er war ein Zigeuner und Lausbube zugleich. Tatsächlich war Simba seit seiner Flucht von daheim schon weit herumgekommen, doch einen Kater wie Emsy hatte er noch nicht getroffen. Das ungleiche Duo blieb ein paar Tage zusammen. Dann eröffnete ihm Simba, er mache sich jetzt wieder auf den Weg. Er spürte genau, dass er hier überzählig war. Es gab nicht genug Platz im Büro für zwei Kater. Zudem hatte er sein Ziel noch nicht erreicht. Er suchte noch immer einen Platz, an dem er endgültig bleiben und glücklich sein konnte.

Als er sich auf den Weg machte, winkte er Emsy noch ein letztes Mal mit seiner grossen Pfote zu und setzte seine Reise fort. Wie hätte er auch ahnen können, dass sich ihre Wege schon bald wieder kreuzen würden.
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