Homage - Luskas Bücher

Direkt zum Seiteninhalt

Homage

Buch 4
Wir nehmen Abschied

Nur einen Tag nach dem ersten Probedruck des Buches 4 habe ich erfahren, dass Emsy krank ist. Seine Nieren wollten nicht mehr richtig arbeiten. Wir mussten umgehend die Ernährung auf Schonkost umstellen. Trotzdem waren wir voller Hoffnung, dass alles ein gutes Ende nehmen würde. Seine Schutzengel standen aber dieses Mal nicht hinter ihm. Sie riefen ihn zu sich.

Emsy wurde sehr krank. Er konnte nicht mehr fressen und trinken. Wir mussten machtlos zusehen, wie er schwach und schwächer wurde. Auch die Tierärztin konnte nichts mehr tun ausser ihm die Schmerzen nehmen. Sein Leben hing nur noch an einem seidenen Faden. Aus Emsy war der Lebenswille gewichen.
Nur zehn Tage später mussten wir unseren Freund Emsy auf seinem letzten Weg begleiten. Wir alle standen unter Schock, denn alles ging so schnell. Seine Krankheit kam unerwartet. Das Ende nahte viel zu früh. Mit ihm verloren wir nicht nur einen ganz besonderen Kater, sondern einen Teil unseres Alltags und unseres Lebensinhaltes. Für einen Moment stand die Welt still.

Bei der DPD haben wir eine Ruhestätte für unseren Freund eingerichtet. Wenn es draussen noch dunkel ist, nur die kleine Laterne an seinem Grab leuchtet, stehen wir einen Moment still. Wir lauschen in die Nacht und hören ganz leise ein sanftes Schnurren. Jetzt wissen wir, dass es ihm gut geht und dass er
im Geiste immer bei uns sein wird. Wir tragen ihn im Herzen und lieben ihn weiter, als sei er noch bei uns.
 


Auf Emsys Fensterbank liegt nun eine
eine 45 cm grosse Porzellankatze,
bemalt von Andrea Flamm nach einer Fotovorlage.
 
 
Zu seinen Ehren habe ich die "Homage an einen ganz besonderen Kater" geschrieben. Er wird uns immer in Erinnerung bleiben und in uns weiterleben.
 
                                                                  Christine Degen
 

Homage an einen ganz besonderen Kater

Vor etwas mehr als sieben Jahren sass er unter meinem Tisch, ein kleiner schwarz-weisser Kater mit riesengrossen Augen, die erwartungsvoll zu mir hochblickten. Noch währenddem ich mich fragte, woher er denn komme und was er bei mir suchte, eroberte er mein Herz in Windeseile. Aus dieser ersten Begegnung entstand eine langjährige, innige Liebe. Ich konnte ihm nicht widerstehen, war ihm schlicht und einfach ausgeliefert.

Auch wenn ich ihm regelmässig zeigte, wo sein Herrchen Michel wohnte, stand er am nächsten Tag wieder vor meiner Tür. Sein Dickkopf hatte auf Dauer gesiegt, und er durfte bei mir bleiben. Aus dem kleinen Kerlchen wurde ein grosser, starker und unternehmungslustiger Kater. Nichts war ihm heilig, alles wollte er entdecken. Sein Revier änderte sich von Tag zu Tag, seine Entdeckungsreisen nahmen Ausmasse an, die nicht mehr überschaubar waren. Er war ständig unterwegs auf der Suche nach neuen Abenteuern.

Die ersten Ausflüge führten ihn in das Möbelhaus, das Gartenzenter und den Lebensmittelladen gleich um die Ecke. Dort legte er sich einfach hin, als gehöre ihm die Welt. Weitere Entdeckungsreisen brachten ihn zur Firma Roche, mitten in die wunderschönen, naturbelassenen Gärten. Seine weiteste Reise endete in der Industriezone, weitab vom Rosenweg, wo er eigentlich zu Hause war.

So wie er damals bei mir daheim auftauchte, stand er eines Tages vor der Türe der DPD. Auf seiner Stirne klaffte eine Wunde, vermutlich die Folge eines Verkehrsunfalls. Er hatte sich die richtige Türe ausgesucht, denn in der DPD arbeiteten nette Frauen, die ihn aufnahmen und versorgten. Es sollte ihnen nicht besser gehen als mir. Auch sie verfielen in kürzester Zeit seinem Charme. Als es sich nach wenigen Tagen herausstellte, dass Emsy an den Rosenweg gehörte, brachten sie ihn zurück. Sie übergaben mir den noch leicht lädierten Kater mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Es war uns allen klar, dass ein Kater nichts in der Industrie verloren hatte. Was wir damals noch nicht wussten - dies war nur uns klar. Emsy hatte eine ganz andere Meinung dazu. Er hatte nicht vor, seine Tage daheim zu verbringen. Das war nicht sein Leben, das war ihm viel zu langweilig. Kaum waren seine Wunden geheilt, machte er sich erneut auf den Weg in das Industriegebiet Rinau.
Bald schon gehörte er zum Team der DPD. Er stand jeden Morgen bei Sonnenaufgang vor der Türe mit einem Heisshunger im Magen. Wo früher Schachteln mit Lieferscheinen lagerten, standen schon bald Tüten voller Katzenfutter. Auf dem Pult erwartete ihn ein kuscheliges Liegebett. Er bekam einen knallroten Fressnapf und nur das beste Futter aus der Tierhandlung. Das triste Büro der DPD wandelte sich innert kürzester Zeit in ein Wohnbüro mit kätzischen Touch. Wo einst Notizzettel hingen, fand man bald ein Foto des kleinen Katers vor. Wenig später bekam er ein eigenes Schrankteil, das mit Gudi-Gudi gefüllt wurde. Wollte er davon etwas haben, musste er sich nur hinstellen und leise miauen. Dann sprangen seine Freundinnen blitzschnell auf und reichten ihm die Leckerei. Er bedankte sich stets mit einem tiefen und ausgiebigen Schnurren, denn schliesslich hatte er gelernt, dass man höflich sein muss.

Bald änderte sich manches in der Chefetage der DPD. Die Anweisungen kamen nicht mehr vom Boss aus Dübendorf. Diese Funktion hatte unser Freund Emsy übernommen. Er gab hier den Ton an und hielt seine Frauen in Schach. Und erstaunlicherweise klappte das, keiner weiss warum. Sie gehorchten ihm aufs Schnurren und lasen ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Es war ein paradiesisches Plätzchen, das er da gefunden hatte. 
Leider schloss die DPD am Abend ihre Tore und Emsy wurde vor die Türe gesetzt. Zu Beginn war das etwas unangenehm, denn draussen war es oft kalt und nass. Doch auch dafür hatten seine Freunde schon bald eine Lösung gefunden. Im überdachten Eingang stellte man ihm Futter und Wasser hin. Nur zwei Meter entfernt errichtete man ihm eine eigene Villa, in die er sich bei schlechtem Wetter zurückziehen konnte. Zwischen 18 und 19 Uhr ging ich ihn dann abholen. Dann durfte er Sportwagen fahren. Ich brachte ihn zu mir nach Hause, wo es warm und trocken war. Ich kenne keinen anderen Kater, der ein eigenes Taxi hatte. Und Emsy war sehr stolz darauf. Im Auto setzte er sich ganz aufrecht hin, damit ihn die anderen Katzen auch sahen. Wie neidisch diese doch waren. Er war ein König und wurde jeden Tag vom Privatchauffeur nach Hause gebracht.

Sein Leben war abwechslungsreich und interessant. Egal, wo er hinkam, er wickelte alle um die Pfoten. Mit seiner Taktik, sich gleich auf den Rücken zu legen und den Bauch zum Streicheln anzubieten, bekam er von allen die Aufmerksamkeit, die er suchte. Seine Streifzüge führten ihn in jede Ecke der hintersten Lagerhalle. Bald kannten ihn alle im Industriegebiet. Er besuchte seine Freunde auch regelmässig und schaute nach dem Rechten in seinem Revier.
Auch an Freundinnen auf vier Pfoten sollte es nicht fehlen. Ab und zu brachte er eine Katzendame mit zur DPD. Nicht jede blieb bei ihm, doch sie umwarben ihn und liebten ihn. Er genoss es, im Mittelpunkt zu stehen und war ein guter Gastgeber. Er teilte sein Mahl mit den Elstern, den Spatzen und Igel. Auch Katzen, die sich zu ihm gesellten, wurden verpflegt.

Wer so viel herumstreunt, ist auch grossen Gefahren ausgesetzt. Zwischen meiner Wohnung und der DPD liegen zwei Kilometer Distanz und eine vielbefahrene Schnellstrasse. Diese wurde Emsy zum Verhängnis. Er musste sie jeden Tag „auf dem Weg zur Arbeit“ überqueren. Zwar hätte es eine Unterführung gegeben, doch Emsy wollte den Weg quer über die Strasse nehmen. Zwei schwere Unfälle haben ihn fast das Leben gekostet. Es war jedes Mal Rettung in letzter Sekunde. Er musste mehrere Operationen über sich ergehen lassen und wochenlang das Bett hüten. Für einen Streuner wie Emsy war das ein elendes Dasein. Dennoch hat er nicht aufgegeben. Er hat den Kampf auf sich genommen, wollte unter allen Umständen wieder gesund werden, um wieder bei seinen Frauen zu sein. Wir haben ihn alle bewundert, mit welcher  Energie er dem Untergang getrotzt hat. Er war ein Kämpfer, ist dem Teufel mehrfach von der Schippe gesprungen.

Ich weiss nicht, woher er die Kraft genommen hat, um immer wieder auf die Beine zu kommen. Vermutlich war es die Liebe, die ihn gestärkt hat. Er musste viel Leid auf sich nehmen, war viele Tage eingesperrt und eingeschient. Er hoffte unter starken Medikamenten auf Besserung. Ich habe ihn bewundert, wie er das alles über sich hat ergehen lassen. Mancher Mensch wäre an seinem Schicksal zerbrochen, hätte aufgegeben. Doch Emsy war bereit, monatelang auf seine Streiftouren zu verzichten, um wieder gesund zu werden. Auch wenn es für ihn keine schöne Zeit war, in der er nur unter Schmerzen leben konnte, war er immer friedlich. Nie hat er gefaucht oder die Krallen gegen uns ausgestreckt. Auch in dieser Zeit hat er geschnurrt und uns jeden Tag gezeigt, dass er uns unendlich dankbar ist.

Manchmal habe ich mich gefragt, ob es richtig war, Emsy all diesen Operation und dem Stress zu unterziehen. Wenn ich ihn gesehen habe, wie er mit verbundenem Bein so dalag, habe ich mich gefragt, ob die Entscheidung richtig war. Manchmal schaute er mich mit traurigen Augen an als wolle er mich fragen, wieso die Heilung nicht schneller gehe. Im Frühling, als die ersten warmen Sonnenstrahlen den Boden erhitzten und Emsy wieder die ersten langen Streifzüge unter die Pfoten nahm, wusste ich, dass er es auch gewollt hatte. Er freute sich auf einen warmen Sommer und viele neue Eindrücke. Ich hätte ihm gewünscht, dass er noch manchen Sommer erleben darf.

Dank Emsy habe ich etwas in mir entdeckt, das bisher ungenutzt geschlummert hat, die Freude am Schreiben. Seine Erlebnisse haben mich dazu animiert, Bücher zu schreiben. Wenn ich an den kleinen Kerl gedacht habe, sind in meinem Kopf Geschichten entstanden, die ich aufs Papier bringen musste. Ich konnte es nicht verhindern, war fast besessen davon. Ich musste die Erlebnisse aufschreiben, sie auch anderen Katzenfreunden zugänglich machen. Es war nicht mal so, dass ich mir Geschichten ausdenken musste. Die meisten Dinge sind wirklich passiert. Ich musste sie nur noch aufschreiben. Ein Zufall wollte es, dass auch eine deutsche Journalistin auf Emsy gestossen ist. Sie hat in einer Tierzeitung „Ein Herz für Tiere“ Emsys Geschichten veröffentlicht. Nun war er berühmt, nicht nur in der Schweiz, nein, in ganz Europa. Die Leser haben ihn nie in Wirklichkeit gesehen, doch er hat sie dennoch in seinen Bann gezogen. Noch heute gehen bei mir Mails und Faxnachrichten ein. Fremde Personen erkundigen sich nach dem Wohl des verrückten Katers Emsy.

Seine Streunereien waren nicht immer lustig. Seit den Unfällen hatten wir Angst, wenn er mehr als 24 Stunden nicht mehr gesichtet worden war. Dann stieg ein Unbehagen in uns hoch und wir begaben uns auf die Suche nach ihm. Ich musste mich intensiv mit ihm befassen, bin seiner Fährte stundenlang gefolgt. Ich kann nicht zusammenzählen, wie viele Stunden ich bei der Suche nach ihm verbracht habe. Manchmal kam ich mir schon selber vor wie eine streunende Katze, die von einem Gebüsch zum nächsten geht. Ich habe mich vor den Passanten lächerlich gemacht, wenn ich dem Biotop vor der Roche entlang gelaufen bin und nach Emsy gerufen habe. Wenn ich voller Sorgen wieder mal beim Portal der Roche stand und mich nach ihm erkundigt hatte, habe ich die mitleidigen Blicke der Mitarbeiter gesehen, die auf dem Weg zu Arbeit waren. Viele von ihnen waren bestimmt froh, keinen Streuner wie Emsy daheim zu haben.

Uebers Wochenende ging ich ihn in der DPD füttern. Wenn er nicht da war, habe ich ihn gesucht, manchmal mit viel oder oft mit weniger Erfolg. Er wusste genau, wie er mich auf Trab halten konnte. Bei einem derart grossen Revier ist es nicht einfach einen Kater zu suchen, der nicht unbedingt gefunden werden will. Das Suchen nach Emsy war für mich zur Gewohnheit geworden. Es ist fast kein Tag vergangen, an dem ich nicht seiner Fährte gefolgt bin. Manchmal habe ich ihn verwunschen, besonders dann, wenn ich eine Stunde ohne Erfolg nach ihm gesucht habe und er in der Zwischenzeit still und heimlich nach Hause gelaufen ist und mich nach meiner Rückkehr mit einem frechen Lachen daheim erwartet hat. Auch wenn ich ihm manchmal etwas böse war, waren diese Gedanken in zwei Minuten wie weggeblasen. Wenn er seinen dicken Schädel an mich gedrückt hat und mir mit seiner tiefen Stimme ein Schnurren ins Ohr gebrummt hat, wurde mein Herz weich wie Butter. Ich hätte ihn fressen können, so gern hatte ich ihn. Ich liebte seine grossen Augen und seinen dicken Kopf, mit dem er um Streicheleinheiten gebettelt hat. Manche Nacht lag er auf meinem Bett, dicht an mich geschmiegt. Er hat meine Nähe geliebt und ich seine. Wir waren wie ein Liebespaar, das zusammen durch Dick und Dünn gegangen ist.

Jedes Wesen auf dieser Welt hat eine Bestimmung und seine Berechtigung. Unser Leben wird von Anfang an vom Schicksal bestimmt. Niemand ist einfach so auf dieser Welt. Oft habe ich mich gefragt, wieso ausgerechnet wir einem Kater wie Emsy begegnet sind. Je länger ich ihn kannte, desto klarer wurde mir, dass dieser verrückte Kerl einen Auftrag hatte.

Emsy hat mir gezeigt, dass das Leben tagtäglich lebenswert ist. War er am Boden zerstört, hat er sich wieder aufgerichtet und positiv in die Zukunft geschaut. Seine Haltung „Geniesse jeden Tag als sei es dein Letzter“ hat mir die Sinne geöffnet. Emsy war „nur“ ein Kater, doch hat er manchmal mehr gewusst als wir alle zusammen. Seine Haltung dem Leben gegenüber war vorbildlich.

Er ist den Menschen mit einem freundlichen Wesen begegnet ohne irgendwelche Vorurteile. Katzen sind nicht jedermanns Sache. Es gibt Leute, die haben Angst vor diesen Tieren oder ekeln sich davor. Emsy war das egal. Auch bei solchen Menschen hat er sich wohlgefühlt. Auch da hat er sich der Länge nach hingelegt und um Anerkennung geworben. Ich habe selber gesehen, wie aus Tierhassern innert kürzester Zeit Emsy-Freunde geworden sind. Noch heute frage ich mich, wie so etwas möglich ist. Wer vor zwei Wochen noch voller Ekel auf den Kerl mit den schmutzigen Füssen geschaut hat, hat jetzt schon die Hand nach ihm ausgestreckt, um ihn zu streicheln.

Bevor ich Emsy hatte, kannte ich kaum jemanden in Kaiseraugst. Dank seiner Hilfe habe ich Freunde gewonnen, die ich nicht mehr missen möchte. Zusammen haben wir mit Emsy gelacht, zusammen haben wir uns um ihn gesorgt. Ich war stets willkommen bei der DPD, auch dann, wenn man keine Zeit für mein Anliegen hatte. Auch wenn wir nicht immer gleicher Meinung waren, für Emsy haben wir am gleichen Strang gezogen. Sein Wohl stand an oberster Stelle. Ohne seine Hilfe hätte ich Tina, Carola und Tanja und all die anderen nie kennengelernt.

Leider durfte unser „Buebi“ nicht alt werden. Obwohl er sich nach seinen vielen, zum Teil schrecklichen Unfällen immer wieder aufgerichtet hat, musste er viel zu früh gehen. Seine Nieren arbeiteten nicht mehr richtig. Innert weniger Tage stand fest, dass es keine Hoffnung mehr für ihn gab.

Gestern mussten wir uns nun von unserem ach so geliebten Emsy trennen. Es waren schreckliche Momente, doch wir wollten ihn auf seinem letzten Weg begleiten. Er war immer für uns da und hat uns in hektischen Zeiten mit einem kleinen Schnurren zurück in die Wirklichkeit gebracht. Nun war es an uns, in seiner schwersten Stunde bei ihm zu sein.

Er hat es uns gedankt, indem er sich in seinen letzten Minuten ausgiebig von uns verabschiedet hat. Obwohl er bestimmt schreckliche Schmerzen hatte und wusste, dass die Zeit gekommen war, Abschied zu nehmen, hat er sein Köpfchen an uns gedrückt und ein Schnurrkonzert angestimmt.
 
Gehen lassen

Du warst bei mir bis zum Ende
und auch nachdem ich gegangen war,
hast Du mich gehalten,
und als meine Seele meinen Körper verließ,
blickte ich hinab und sah Dich weinen.

Ich würde Dir so sehr sagen wollen,
dass ich verstanden habe.
Du tatest dies für mich.
Ich versuchte Dir auf meine Art zu sagen,
dass es Zeit für mich war, zu gehen,
und ich danke Dir für Dein Verständnis.
Niemand wird meinen Platz einnehmen,
aber die ich hinter mir lasse
brauchen Deine Liebe und Zuneigung,
so, wie ich sie hatte.

Du denkst immer noch an mich
und da sind Momente, in denen Du versuchst,
Deine tränengefüllten Augen zu verbergen ,
aber bitte, sei glücklich und denke nicht an Trauer,
denke daran, wie ich Dich glücklich gemacht
und zum Lachen gebracht habe mit den lustigen Dingen, die ich tat.

Ich danke Dir dafür, dass Du mich geliebt hast,
für mich gesorgt hast,
und dass Du den Mut hattest,
mich mit Würde gehen zu lassen
 

Wir haben gehofft und erwartet, dass er blitzschnell erlöst werden sollte, doch Emsy hat seinen Dickschädel auch in seinen letzten Zügen durchgesetzt. Er wollte sich von uns allen noch in aller Form verabschieden. Auf dem Weg zum Katzenhimmel hat er vor der Regenbogenbrücke* innegehalten und auf uns niedergeschaut.

Er hat uns das stehen gesehen, mit Tränen in den Augen. Jetzt, wo die Schmerzen allmählich nachgelassen haben, hat er uns mit seiner noch immer schmutzigen Pfote sanft berührt und uns „Ade“ gesagt. Er hat in die Runde geschaut und sich einzeln von uns verabschiedet.

Weit weg in der Ostschweiz hat er Jasmin gesehen. Sie war eine seiner grossen Liebschaften, doch wohnt sie seit dem Weggang von der DPD in der Ostschweiz. Nur selten kam sie noch zu Besuch, doch diese Begegnungen waren ein Höhepunkt in seinem Leben. „Liebe Jasmin, danke für alles“.

Vor wenigen Wochen durfte Emsy noch ein Wochenende bei Vito verbringen. Es war schön im „Hotel Augarten“. Beim Abendspaziergang zeigte ihm Vito, wo und wie er wohnte. Vito hatte einen besonderen Draht zu seinem vierbeinigen Freund. Er liebte ihn abgöttisch und Emsy liebte ihn ebenso. Vito hatte ihm einen Zimmerspringbrunnen ins Büro gestellt, an dem sich Emsy die heisse Kehle kühlen konnte. Und durstig war er ja immer. Vito sorgte immer dafür, dass für Emsy genügend frisches Wasser vorhanden war. Vitos Liebe zu Duftkerzen war auch Emsys Liebe geworden. Er genoss den zarten Geruch von Lavendel, Zitrone oder anderen wohlriechenden Düften. „Lieber Vito, ich kann deinen Entscheid verstehen, mich nicht auf meinem letzten Weg zu begleiten. Du hast mir in den letzten Monaten gezeigt, dass du mein wahrer Freund bist und mich liebst. Ich empfinde das gleiche für dich und bin dir nicht böse, dass du mich als übermütigen, gesunden Kater in Erinnerung behalten möchtest“.

Für Emsys Fellpflege war Andreas zuständig. Er hat ihn regelmässig gebürstet und die verschmutzten Füsse gereinigt. Oft lag Emsy auf seinem Pult mit ausgestreckten Beinen und räkelte sich voller Freude. Er fand es amüsant, wie Andreas seine Lieferscheine einzeln unter Emsy hervorziehen musste. Es gab keine bösen Worte. Andreas nahm ihn so wie er war. Andreas ist kein Freund grosser Worte. Tief in ihm steckt aber ein ruhiger, weicher, feinfühliger Kern, der fähig ist, einen kleinen Kater wie Emsy über alles zu lieben. „Lieber Andreas, der Platz auf deinem Pult ist nun wieder frei. Denk jeden Tag daran, dass ich in Gedanken bei dir bin, auch wenn du deine Rechnungen und Lieferscheine nun wieder ausbreiten kannst wie du möchtest.“

Emsy mochte Carola, ob sie nun 500g mehr oder weniger auf den Rippen hatte. Manchmal ging ihm ihr „Kaloriengetue“ auf den Wecker. Doch eines wusste er immer, sie hatte stets ein Lächeln für ihn auf den Lippen. Auch wenn sie äusserlich einen coolen Eindruck macht, lebt in ihr ein Herz, das Emsy von Anfang an erobert hat. Sie gibt es natürlich nicht zu, doch Emsy steht an erster Stelle. Ihre eigenen Katzen müssen wohl oder übel die Ränge 2 und 3 einnehmen. „Liebe Carola, du hast selber erfahren, wie sehr ein Tier leiden muss, wenn man die Entscheidung nicht rechtzeitig trifft. Ich werde nun zu deinem Kater Garfield in den Katzenhimmel gehen und ihm erzählen, wie schön es bei dir war. Ich werde dich nie vergessen, ich hab dich sehr, sehr lieb.“
Suzanne hat ihr eigenes Büro und immer viel Papier auf dem Pult. Emsy hat immer einen Weg gefunden, sich kreuz und quer über die Stapel zu legen. Manchmal schimpfte Suzanne mit ihm, weil er mit seinen schwarzen Pfoten wieder mal Abdrücke auf den Lieferscheinen hinterlassen hatte. „Liebe Suzanne, ich hätte dir gerne noch ein letztes Mal die Pfote gedrückt, doch alles ging viel zu schnell. Ich bin froh, dich ein Stück begleitet zu haben. Du hast mich glücklich gemacht. Pass auf die anderen auf. Sie sollen nicht zu sehr um mich trauern.“
 
Tanja war meist die Erste am Morgen und diejenige, die ihm das Frühstück hingestellt hat. Sein Liegebett stand auf ihrem Pult. Oft kippte er beim Schlafen fast aus seinem Kissen und liess seine Beine quer über ihre Tastatur hängen. Er liebte ihre Küsse und sanften Finger, die über sein Fell strichen. Sie musste nicht viel mit ihm reden, ihr Herz sprach mit ihm ohne viele Worte. „Liebe Tanja, bald wird es mir gut gehen. Behalte mich einfach so in Erinnerung, wie ich war. Denk ab und zu an meine Oberlippe, die am fehlenden Eckzahn hängengeblieben ist. Auch wenn mein Liegekissen nicht mehr auf deinem Pult steht, bin ich bei dir. Ich denke an dich und danke dir für die Zeit, die ich mit dir verbringen durfte.“

„Liebe Miriam. Jetzt, wo mein Abschied da ist, verbringst du deine Ferien in Kroatien, typisch Miriam! Nie ist sie da, wenn man sie braucht! Du wirst erst nach deiner Rückkehr erfahren, dass ich den Weg in den Katzenhimmel angetreten habe. Vielleicht spürst du aber schon vorher, dass du von oben beobachtet wirst und jemand über dich wacht. Schau ab und zu mal zu mir rauf. Wenn ein Stern glitzert, ist das ein Zeichen. Dann habe ich dir zugezwinkert.“
 
Es ist sehr schwierig, für Tina die richtigen Worte zu finden. Tina hat Emsy versprochen, dass er auf seine alten Tage zu ihr ziehen darf. Sie hat ihm eine Seniorenresidenz angeboten mit täglichen Streicheleinheiten und bestem Futter. Leider hat das Schicksal ihr einen Strich durch die Rechung gemacht. Emsy weiss, dass sein Abschied für Tina besonders schlimm ist. Natürlich hat sie noch Johannes, doch muss er (auch wenn sie es nicht gerne zugibt) hinter Emsy an zweiter Stelle stehen. Emsy ist in Tinas Leben die alleinige Nummer eins. Sie hat den wolligen Kater nach ihrem Weggang von der DPD fast täglich besucht. Es existierte ein Band zwischen ihnen, das kaum in Worten zu beschreiben ist. Manchmal kam sie auch an Wochenenden vorbei, um sich an Emsys Schnurren „aufzutanken“. Wenn es ihr schlecht ging, hat Emsy sie getröstet. Dann sassen sie zusammen auf der DPD-Eingangstreppe, dicht umschlungen. Sein Schnurren hat ihr die Sorgen genommen und ihre aufgewühlten Gefühle beruhigt.

Als Emsy so viele Wochen am Rosenweg das Bett hüten musste, kam sie regelmässig vorbei. Er kannte ihre Schritte, streckte die Nase in die Luft als er sie hörte. Noch bevor sie vor ihm stand, war er schon ganz aufgeregt. Es war immer ein extrem freudiges Ereignis, wenn die beiden aufeinander trafen. Sie hatte manche Fitness-Stunde ausgelassen, um an Emsys Krankenbett zu stehen. Bei Tina gab es kein Wenn und Aber. Wenn Emsy Hilfe brauchte, stand sie da. „Liebe Tina, wie trostlos wäre doch das Leben gewesen, hätte ich dich nicht kennengelernt. Du hast mein kurzes Leben bereichert und mir so viel Liebe geschenkt. Nun musst du dich umorientieren und Johannes an die erste Stelle treten lassen. Ich verspreche dir hoch und heilig, dass du für mich die Nummer Eins bist und es immer bleiben wirst. Ich werde zwar deinen Parfüm-Geruch vermissen und deine Hände, die mich liebevoll umarmen. Doch in Gedanken werde ich immer bei dir sein. Schau ab und zu zum Himmel hoch, dort wo jetzt mein neues Zuhause ist. Wir werden künftig im Geist verbunden sein. Es ist lange nicht jedem Kater vergönnt, eine so schöne Liebe erleben zu dürfen. Also, liebste Tina, sei nicht traurig. Ich bin und bleibe dein dich liebender Kater Emsy.“

Es gibt noch zahlreiche Personen, die Emsy in Freud und Leid begleitet haben. Seine allerletzten Atemzüge galten ihnen. Er hat immer gewusst, wer es gut mit ihm gemeint hat.

Jetzt, wo sein Schnurren verstummt ist, danken wir dem Herrgott, dass wir Emsy für ein paar Jahre bei uns haben durften. Er hat unsere kleine Welt aufgerüttelt und verbessert. Wir werden ihn nie vergessen und immer an unseren Streuner denken. Er hatte ein kurzes, aber intensives Leben. Er hat gewusst, was es heisst, aus dem Vollen zu schöpfen. In unseren Herzen ist und bleibt er bei uns, auch wenn wir ihn nicht mehr streicheln und liebkosen dürfen. Er hat uns gezeigt, wie friedlich Kreaturen miteinander umgehen können, ohne Hass und Neid. Er hat uns geliebt, so wie wir sind. Ihm war es egal, ob jemand alt, jung, schön, dick oder dünn ist. Seine Liebe war an keine Bedingungen geknüpft. Vielleicht hat er gar nicht realisiert, was er auf dieser Welt alles bewegt hat. Er hat Menschen zusammengeführt und Freundschaften geschaffen. Auch wenn wir nun traurig sind, dass wir von diesem einzigartigen Tier Abschied nehmen müssen, hat er uns etwas gelehrt: Nimm das Leben wie es ist und hinterfrag nicht alles. Aergere dich nicht über Unwichtiges, sondern liebe das Leben und die Natur. Sei dem da oben dankbar, dass du in einer Welt leben darfst, die von Frieden und Reichtum geprägt ist. Damit wir solche Dinge erkennen, schickt uns der Himmel ab und zu kleine Engel, die uns diesen Weg weisen. Emsy war ein solcher Engel. Er hat etwas bewegt und vieles erreicht. Nun ist seine Zeit auf der Erde abgelaufen und er muss dorthin zurück, wo es ihm gut geht. Er darf im Paradies leben im Kreise seiner Freunde, die vor ihm den Weg dorthin gegangen sind.

Was wäre eine Welt ohne Kater wie Emsy? Sie wäre dunkel und trostlos.
  
Wir lieben dich sehr. In unseren Herzen wird immer ein Platz für dich sein.

Eines Tages werden wir dich wieder treffen, dann nämlich, wenn wir gemeinsam über die Regenbogenbrücke gehen. Und dann, mein liebster Emsy-Schatz, bleiben wir für immer zusammen.
 
                                             Christine Degen
                                             30. August 2006
 
 

                       *Die Regenbogenbrücke
 

Eine Brücke verbindet den Himmel und die Erde. Wegen der vielen Farben nennt man sie die „Brücke des Regenbogens“.
 
Wenn nun ein Lebewesen stirbt, das besonders eng mit jemandem hier verbunden ist, begibt sich dieser Schatz zur Regenbogenbrücke. Hier sind Wiesen und Hügel für alle unsere besonderen Freunde. Dort können sie springen und miteinander spielen. Da gibt es jede Menge Nahrung, Wasser und Sonnenschein und unsere Freunde fühlen sich wohl und geborgen.
 
Alle Tiere, die alt und krank waren, erhalten wieder ihre Gesundheit und Lebenskraft. Jene, die verwundet oder verstümmelt waren, werden wieder vollkommen und stark, gerade so wie wir uns in den Träumen von den vergangenen Tagen und Zeiten an sie erinnern. Die Tiere sind glücklich und zufrieden mit Ausnahme eines kleinen Punktes; sie alle vermissen jemand ganz besonderen, der hinter ihnen zurückbleiben musste.
Sie rennen und spielen zusammen, aber es kommt der Tag, an dem einer plötzlich still stehen bleibt und in die Ferne schaut. Seine klugen Augen schauen aufmerksam, sein gespannter Körper beginnt zu zittern. Plötzlich beginnt er von der Gruppe loszurennen, fliegt dahin über das grüne Gras. Seine Beine tragen ihn schneller und schneller.
Du bist entdeckt worden. Und wenn Du und Dein besonderer Freund endgültig zusammentrefft, klammert ihr Euch bei dem freudigen Wiedersehen ganz fest aneinander, um niemals wieder getrennt zu werden. Die glücklichen Küsse überschütten Dein Gesicht. Deine Hände liebkosen wieder den vertrauten Kopf, und Du schaust einmal mehr in die zutraulichen Augen Deines Schatzes, der so lange aus Deinem Leben verschwunden war, nie aber aus Deinem Herzen.
 
Und Ihr überschreitet gemeinsam die Regenbogenbrücke und werdet nie mehr getrennt sein.

 
Mein Erbe
 
Wenn Menschen sterben, machen sie ein Testament,
um ihr Heim und alles was sie haben,
denen zu hinterlassen, die sie lieben.
Ich würde auch solch’ ein Testament machen,
wenn ich schreiben könnte.
 
Einem armen, sehnsuchtsvollen, einsamen Streuner
würde ich mein glückliches Zuhause hinterlassen,
meinen Napf, mein kuscheliges Bett,
mein weiches Kissen, mein Spielzeug
und den so geliebten Schoss,
die sanftstreichelnde Hand,
die liebevolle Stimme,
den Platz, den ich in jemandens Herzen hatte,
die Liebe, die mir zu guter Letzt
zu einem friedlichen und schmerzfreien Ende geholfen hat,
gehalten im liebenden Arm.
 
Wenn ich sterbe, dann sag bitte nicht
„Nie werd ich wieder ein Tier haben,
der Verlust tut viel zu weh!“
 
Such dir eine einsame, ungeliebte Katze aus
Und gib ihr meinen Platz
 
Das ist mein Erbe
Die Liebe, die ich zurück lasse ist alles,
was ich geben kann.
 
 
 
Zurück zum Seiteninhalt