Zurück am Unfallort - Luskas Bücher

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Zurück am Unfallort

Buch 6
Ina war wieder zu Hause. Seit dem Unfall waren vier Monate vergangen. Die körperlichen Wunden waren gut verheilt. Sie hinkte zwar noch ein wenig, aber damit konnte sie leben. Zurückgeblieben waren noch immer die seelischen Wunden. Die Aerzte waren überzeugt, dass es für Ina besser sei, nach Hause zu gehen. Sie konnten ihr nicht mehr helfen. Vielleicht würde sie sich in ihrer gewohnten Umgebung schneller erholen.

Thomas war glücklich, dass Ina wieder nach Hause entlassen wurde. Sie war noch nicht ganz gesund und musste regelmässig Bewegungstherapien besuchen. Er wollte sie bei allem unterstützen und ihr helfen, über die Geschehnisse hinweg zu kommen. Sie freute sich auf die gewohnte Umgebung, doch hatte sie grosse Angst, ihre Tiere wieder zu treffen. Wie würde sie es verkraften, dass viele von ihnen fehlten? Würden die Katzen sie überhaupt wieder erkennen? Ihre Sorgen waren unbegründet. Als sie an einem schönen Sommermorgen vor der Haustüre stand, wurde sie voller Freude begrüsst. Die Daheimgebliebenen waren ausser sich, dass ihre Mama wieder da war. Sie wussten ja gar nicht, was alles passiert war, hatten lediglich realisiert, dass ihr Frauchen lange nicht mehr daheim gewesen war.
Sie sass mitten in der Katzenschar und streichelte deren Samtpfoten ununterbrochen. Ihre Katzen kannten sie noch sehr gut und waren ihr auch keineswegs böse, dass sie so lange weg gewesen war. Wie schön es doch war, mit den Händen durch den flauschigen Pelz zu streicheln. Für einen Moment konnte sie vergessen, was vor langer Zeit geschehen war. Sie war überglücklich. Trotzdem rannen ihr die Tränen über die Wangen, denn tief in ihrem Herzen lagen noch die Trümmer der Vergangenheit. Die Bilder des Grauens waren allgegenwärtig. Ihr Herz war gebrochen. Jedes Tier, das gestorben war, hatte eine Narbe in ihrem Herzen hinterlassen.

Eine Ueberraschung hatte Thomas noch für sie. Er erzählte ihr, dass er regelmässig mit Frank und seiner Familie Kontakt habe. Mausi ging es ausgezeichnet. Sie war vollkommen genesen. Am nächsten Wochenende würden sie zu ihnen fahren und Mausi abholen. Ina war glücklich, das war eine gute Nachricht. Irgendwie hatte sie nun plötzlich das Gefühl, dass alles wieder gut werde.
Gesagt, getan. Am folgenden Samstag setzten sie sich ins Auto und fuhren Richtung St. Gallen, den gleichen Weg, den sie schon vor vier Monaten genommen hatten. Sie verdrängten die unguten Erinnerungen, denn ihre Vorfreude sollte überwiegen. Endlich, nach Stunden, erreichten sie ihr Ziel. Sie mussten den Weg etwas suchen, da Frank und seine Familie ja mitten im Wald wohnten. Es war eine wunderschöne Gegend, ein Paradies für Tiere. Dann standen sie vor dem Blockhaus, in dem die Familie wohnte. Wie schön es hier war und wie ruhig! Das Haus war in einer kleinen Lichtung gebaut, umgeben von hohen Fichten und Tannen. Nur ein kleiner Weg führte in die nahe gelegene Ortschaft. Man sah dem Haus schon von aussen an, dass es gepflegt wurde. An allen Fenstern hingen Blumenkisten, die das Haus dekorierten. Im Garten davor waren verschiedene Gemüsesorten und Blumen in allen Farben gepflanzt. Die Beete waren frei von Unkraut. Ina wusste, wie viel Arbeit hinter einem solchen Garten steckt. Sie stiegen die kleine Treppe hoch und drückten auf die Hausklingel. Von innen hörten sie eilige Schritte.
Sie wurden von Frank und Julia freudig begrüsst. Die Kinder hielten sich etwas im Hintergrund. Sie waren sehr traurig und wussten, dass sie nun von ihrer geliebten Katze Abschied nehmen mussten. Mausi würde nach Hause gehen, dagegen konnten sie nichts unternehmen. "Wer eine Katze findet, muss sie melden", hatte ihnen der Vater erklärt." Und wenn der Besitzer Anspruch auf sein Tier geltend macht, muss man die Katze zurückgeben." Ihr Vater hatte es ihnen mehrfach erklärt. Klar, sie wussten es, doch das machte sie nicht weniger traurig. Dabei hatten sie sich doch so über den Neuzugang gefreut. Mausi war aber auch ein sehr liebes Tier und der neuen Familie äusserst dankbar, dass sie ihr geholfen hatte.
Als Thomas und Ina in der Türe standen, erkannte die Tigerkatze ihre ehemaligen Besitzer sofort wieder. Sie lief auf sie zu und sprang ihnen direkt in die Arme. Die beiden waren äusserst erstaunt über den Gesundheitszustand der alten Dame. Sie hatten eigentlich erwartet, dass man ihr noch etwas ansehen müsste nach dem schrecklichen Unfall. Doch Mausis Bein war ausgeheilt. Ihr Fell glänzte, was auf eine tadellose Haltung schliessen liess. Im kleinen Försterhaus gab es überall Liegekörbe und einen riesengrossen Katzenbaum. Thomas und Ina fühlten sich hier gleich wohl.

Frank und Julia luden sie zum Mittagessen sein. Sie sassen im Wohnzimmer wie eine grosse Familie. Zwischen ihnen war eine enge Freundschaft entstanden, obwohl sie sich bis vor wenigen Stunden noch nie gesehen hatten. Sie plauderten über sich und die Geschehnisse der letzten Monate. Thomas und Ina erzählten von ihrer Katzenfamilie und von den Ausstellungen, die sie besuchten. Frank und seine Frau redeten von dem Tag, an dem ihnen Mausi das erste Mal begegnet war. Die Zeit verging wie im Flug. Es war, als kenne man sich schon seit langer Zeit. Auch Dania und Martin mussten zugeben, dass Thomas und Ina sehr nett waren. Zwar hatten sie insgeheim gehofft, dass dieser Moment nie kommen werde, doch nun war es halt so und sie mussten sich damit abfinden.
Das Ehepaar aus Basel verbrachte das ganze Wochenende mit Frank, Julia und den Kindern. Es war, als ob man hier in den Ferien sei. Frank nahm die neuen Freunde mit in den Wald und zeigte ihnen den Hochsitz, auf dem er Mausi gefunden hatte. Unglaublich, dass sich die Katze so hoch hinauf geschleppt hatte. Sie kletterten die Stufen hoch und blickten über die Felder. Wie schön es hier war, einfach unglaublich. Und hier hatte Mausi darauf gewartet, dass man sie finden würde. Das Schicksal hatte es gut gemeint mit der alten Katzendame. Ja, manchmal gibt es noch Wunder auf dieser Welt.

Auch der Tierarzt kam kurz vorbei. Er berichtete über die Verletzungen von Mausi und dass alles gut verheilt sei. Auch er war mit dem Gesundheitszustand der alten Dame mehr als zufrieden. Natürlich waren daran auch Frank und seine Familie schuld, denn sie hatten sich immer vorbildlich um Mausi gekümmert und die Ratschläge des Arztes befolgt.

Dann kam die Stunde der Wahrheit. Am Sonntagabend hiess es Abschied nehmen. Jetzt kam der Moment, vor dem man sich seit Mausis Auftauchen gefürchtet hatte. Jetzt würden Thomas und Ina eine Familie auseinander reissen. Die Kinder schauten ihre Katze noch ein letztes Mal an. Sie streichelten und küssten sie innig. Ihre Hände umschlossen den Körper die Tigerdame. Sie drückten sie ganz fest an sich. Tränen kullerten über ihre Wangen. Dann verliessen sie wortlos das Zimmer. Auch durch die geschlossene Türe konnte man hören, dass die Kinder im Schlafzimmer weinten. Sie konnten sich nicht von ihrem Büsi trennen, das tat so weh. Thomas und Ina hatten grosses Verständnis für die Situation und machten keinen Hehl daraus, dass es ihnen auch so ergehen würde und sie den Kindern nicht böse sind, dass sie sich nicht von ihnen verabschieden wollten. Sie drückten Frank und Julia ganz fest an sich und bedankten sich nochmals dafür, dass sie Mausi das Leben gerettet hatten. Dann fuhren sie davon, heimwärts.

Als Dania und Martin eine Viertelstunde später mit rotgeschwollenen Augen aus dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer zurückkamen, fanden sie ihre Eltern auf dem Sofa vor. Sie grinsten und ihre Augen strahlten. Auf ihrem Schoss lag Mausi und schlief friedlich. Was war nur geschehen? Thomas und Ina hatten kurz entschlossen entschieden, Mausi hier zu lassen. Hier hatte es die alte Tigerkatze schön, hier kümmerte man sich um sie. Zudem wollten sie keine Familie auseinander reissen. Die Kinder hatten das Tier liebevoll umsorgt und bekamen nun als Dank ein Geschenk - ihre Mausi.
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