Neil (alias Greco) - Luskas Bücher

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Neil (alias Greco)

Buch 6
Greco war mit seiner Schwester, einer wunderschönen Tigerdame, zu Tina gekommen. Sie gehörten zur Kategorie Freigänger und konnten deshalb nicht bei Nati bleiben. Da sie beide vollkommen gesund, anhänglich und geimpft waren, würden sie schon bald ein neues Zuhause finden. Allerdings wollten man die beiden Geschwister nicht trennen. Sie waren schon einmal vermittelt gewesen, doch die Besitzerin hatte sich anders besonnen. Sie brachte das Duo zu Nati. Diese sollte ihr helfen, für die Katzengeschwister eine Bleibe zu finden.

Auf diese Weise kamen die beiden zu Tina. Sie waren wirklich zwei ganz liebe Geschöpfe und vollkommen gesund. Mit ihnen hatte sie keinerlei Probleme. Doch zwei Katzen an einen Haushalt zu vermitteln, war gar nicht so einfach. Zudem waren sie sich ja Freigang gewohnt, mussten also einen Platz finden, wo sie raus konnten.
Nati und Tina inserierten im Internet. Es gab zwar Bewerbungen für das eine oder andere Tier, doch beide zusammen wollte niemand. Je länger diese Tiere bei Tina waren, desto klarer stellte sich heraus, dass Greco gar nicht so wahnsinnig an seiner Schwester interessiert war. Er genoss es zwar, dass andere Katzen mit ihm spielten, doch musste es nicht unbedingt seine Chita sein. Ihm gefiel die lustige Schnupfi genau so gut. Sie war aber auch ein aufgewecktes Ding. Mit ihr konnte er die Umgebung unsicher machen und nachts kreuz und quer durch den Garten huschen. Sie hatte all den Unsinn im Kopf, den seine Schwester Chita nicht hatte.

Als zwei Wochen später eine Frau bei Tina stand, die unbedingt Chita mitnehmen wollte, entschloss sich Tina, das Geschwisterpaar zu trennen. Für Greco würde bestimmt auch bald jemand kommen, der ihn mitnehmen würde.

Und so war es auch. Es dauerte nicht lange, bis Grecos Zeit kam. Eine junge Familie hatte sich in ihn verliebt. Sie lebten auf dem Lande in einem Einfamilienhaus. Es sollte ihm an nichts fehlen. Allerdings gab es in dieser Familie bereits einen Vierbeiner. Sam hatte man vor drei Jahren aus den Ferien mitgebracht. Er lebte in Spanien mit den anderen wilden Hunden zusammen im Rudel. Jeden Abend zogen sie um die Häuser und suchten nach Nahrung.
Die Familie fand Sam bei einem der ersten Abendspaziergänge in den Ferien. Er lag halb tot neben der Strasse und flehte sie mit seinen grossen Augen an, sie sollen ihm doch helfen. Erst wollten sie an ihm vorbeigehen, denn sie hatten gehört, dass Strassenhunde sehr gefährlich sein konnten. Zudem waren sie schwer zu bändigen. Doch so liegenlassen konnten sie das junge Hündchen auch nicht. Wenn er sich auf seinen schwachen Beinen weiterschleppen würde, könnte er von einem vorbeifahrenden Auto erfasst werden. Noch immer schaute er die Familie mit seinen traurigen Augen an. "Bitte helft mir!" Es war nicht ganz einfach, den kleinen Hund einzupacken. Er knurrte und fletschte die Zähne, als sie sich ihm näherten. Papa zog seine Jacke aus und packte das knurrende Bündel kurzerhand hinein.

Sie brachten ihn zum Tierarzt. Dieser stellte fest, dass Sam eigentlich gesund war. Ausser Flöhen und Zecken in seinem Fell gab es keine Anzeichen einer Krankheit. Er war aber äusserst schwach und bis auf die Knochen abgemagert. Man schätze ihn auf fünf Monate.

Wagners hielten Familienrat ab. Sollte man ihn mitnehmen oder ins Tierheim bringen? Sie hatten im Fernsehen schon Berichte gesehen über die südländischen Tierheime. Ob er es dort wohl gut haben würde? Eigentlich waren sie nicht so überzeugt davon, dass man sich dort gut um ihn kümmern würde. Die Tierheime in Spanien waren total überfüllt. Es gab zu wenig Geld, um allen Tieren gerecht zu werden. Wer nicht innert weniger Wochen vermittelbar war, musste sterben. Schon der Gedanke daran, liess sie erschaudern. Dieser kleine Kerl hatte noch nicht viel Schönes in seinem kurzen Leben gehabt. Bei ihnen könnte er es schön haben. Doch wollten sie diese Aufgabe wirklich übernehmen? War das ein Wink des Schicksals, dass dieser Welpe genau jetzt bei ihnen aufgetaucht war? Für die Kinder war das keine Frage. Nun hatte man ihn zum Tierarzt gebracht, dann sollte er sie auch nach Hause begleiten. Es war ja noch genug Zeit vorhanden, um ihn kennen zu lernen. Der Urlaub hatte ja erst begonnen. Und wenn es nicht klappen sollte, könnte man ihn vor der Heimreise ja noch im Tierheim abgeben.

Der Familienrat tagte. Sam durfte mit in den Bungalow am Meer. Von nun an bekam er genug Futter. Aus einer Wolldecke formte man ihm ein Bett. Die erste Zeit lag er meistens nur da und schaute dem Treiben zu. Er verliess das Haus am Meer fast nie. Dieser Bungalow und diese Familie boten ihm Schutz. Er fühlte sich sehr wohl. Das Knurren hatte aufgehört, seine traurigen Augen verwandelten sich in einen dankbaren Blick. Innert zwei Wochen sah man keine Rippen mehr, die hervorstanden. Er nahm merklich zu. Dann kam der Tag der Abreise und der Tag der Entscheidung. Erneut tagte der Familienrat.

Sam bekam ein ärztliches Attest und eine Transportboxe. Er durfte mit Familie Wagner die lange Reise in den Norden antreten. Dies war vor eineinhalb Jahren gewesen. Sam hatte sich gut eingelebt, genoss es, mit den Kindern zu spielen und das Haus unsicher zu machen. Er war ein aufgeweckter, lebhafter Hund geworden, der die ganze Familie auf Trab hielt.
Doch eines der Kinder hatte seit Jahren einen sehnlichsten Wunsch. Es wollte unbedingt eine Katze. Zwar hatte es grosse Freude an Sam, doch ein Hund war eben keine Katze. Das Haus war ja gross genug. Und wenn die Katze keine Angst vor ihrem Sam haben würde, wieso nicht? Im Internet fanden Sie ein Inserat, dass ein schwarz-weisser Kater einen Platz suchte. Sie wollten ihn kennen lernen. Alle durften mitkommen, Mama, Oma und die Kinder. Man fuhr zu Tina und sah ihn. Er war mehrheitlich weiss. Ueber den Rücken hatte er Tigerflecken. Sein Markenzeichen war ein getigertes Dreieck auf seiner Nase. Er hockte ganz oben auf einem Kratzbaum und schielte zu ihnen hinunter. Dann sprang er runter und drückte seinen Körper an die Beine der Kinder. Es war Liebe auf den ersten Blick. Und Greco empfand genau so. Er liess sich streicheln und schnurrte innigst. Kinder waren für ihn gar kein Problem. Er liebte die kleinen Hände, die sich in seinem Fell festkrallten. Als sie ihm kleine Bällchen zuwarfen, sprang er hinterher und brachte sie zurück. Zwei Stunden verbrachte man bei Tina. Dann war es definitiv. Greco durfte umziehen. Fortan würde er bei Wagners leben. Tina hatte keinerlei Bedenken, da Greco schon früher mit einem Hund zusammengelebt hatte.
Nach zwei Wochen bekam Tina die erste negative Rückmeldung. Greco hatte Durchfall und verkroch sich im obersten Stock. Wagners wussten nicht, ob es am schlechten Gesundheitszustand der Katze lag oder an Sam. Dieser wollte andauernd mit Greco spielen. Sie fuhr hin und fand einen verängstigten Kater vor. Tatsächlich hatte er sich in einem der Kinderzimmer im obersten Stock verschanzt. Sie gab ihm Mittel gegen den Durchfall und Schonkost. Dann fuhr sie wieder nach Hause.

Greco bekam auch in den nächsten Tagen diese bitteren Pillen, doch der Durchfall verschwand nur vorübergehend. Hörte man mit den Medikamenten auf, kam er sofort wieder. Familie Wagner wusste keinen Rat mehr. Auch der Tierarzt konnte nicht feststellen, woran es effektiv lag. Greco hatte mittlerweile zwar sein Zimmer ganz oben verlassen und genoss stundenweise die Sonne im Garten hinter dem Haus. Die Ruhe hier war wunderschön. Doch kaum hatte ihn Sam entdeckt, war es damit vorbei. Meistens floh er dann auf die grosse Tanne und schaute auf Sam hinunter, der wild zu ihm hinauf bellte. Nur hier hatte er seine Ruhe, denn hier kam Sam nicht hinauf.

Familie Wagner versuchte alles, das Duo aneinander zu gewöhnen. Sie stellten die Fressnäpfe zusammen, dann wieder auseinander. Die Tiere wurden getrennt, dann wieder vereint. Man lockte sie mit Leckereien, wenn sie lieb zueinander waren, schimpfte, wenn es wieder Streit gab. Sechs Wochen nach Einzug von Greco musste man sich eingestehen, dass das Projekt "Katze" gescheitert war. Sam akzeptierte keinen Nebenbuhler und Greco stand ständig unter Stress. Er konnte nirgends ruhig sitzen, musste ständig Ausschau nach dem lebhaften Rüden halten, um rechtzeitig von ihm in Deckung zu gehen. Zudem war er durch den chronischen Durchfall recht geschwächt. Schweren Herzens informierte man Tina, die den kleinen Kater noch am gleichen Tag abholte. Sie musste selber feststellen, dass Grecos Fell stumpf geworden war. Seine Augen hatten den Glanz verloren und waren traurig geworden.
Manchmal gibt es solche Falschplatzierungen. Man muss das akzeptieren und im Zweifelsfall für das Tier entscheiden. Also kam Greco zurück zu Tina, zurück in einen hundefreien Haushalt. Noch am gleichen Abend staunte Tina nicht schlecht, als Greco ein tadelloses Häufchen ins Katzenklo setzte. Von Durchfall war nichts mehr zu erkennen. Der Stress war vorbei, Greco wurde jeden Tag etwas fröhlicher. Trotzdem wurde er der Tierärztin des Dorfes vorgestellt. Tina wollte sicher sein, dass der Durchfall definitiv vorbei war. Zudem musste er ja noch geimpft werden. Die Tierärztin schaute sich Greco genau an. Sie empfahl in der ersten Zeit noch Schonkost, damit sich der Darm etwas erholen konnte. Ansonsten war der Kater mit der markanten Flamme über der Nase, kerngesund.

Er blieb ein paar Wochen bei Tina und ihren Katzen. Sein Gesundheitszustand verbesserte sich von Tag zu Tag. Einen Monat später war er wieder der Alte. Er spielte mit den anderen, rannte durch den Garten und genoss die Sonnenstrahlen, die sein Fell aufheizten. Allerdings stand von Anfang an fest, dass er dort nicht bleiben konnte. Tina hatte genug eigene Tiere und musste für Greco eine neue Familie finden.
Eines Tages kam ein junges Paar vorbei auf der Suche nach einer Katze. Sie hatte noch gar keine Erfahrung mit Samtpfoten, er hingegen war von klein auf mit Haustieren, auch mit Katzen, aufgewachsen. Eigentlich wollten sie ein ganz junges, dreifarbiges Kätzchen aussuchen, doch dann fiel ihr Blick auf Greco. Welch lustige Flamme sass da auf seiner Nase! Und Greco wusste genau, wie man die Menschen um die Pfote wickeln konnte. Er drückte sich ganz fest an die junge Frau und liess alles mit sich geschehen. Ihre ersten Streicheleinheiten waren etwas vorsichtig. Sie wusste ja nicht, ob er nicht gleich beissen oder kratzen würde. Als sie merkte, dass er es genoss, war der Bann gebrochen. Das Paar vergass sofort, dass man eigentlich wegen einer kleinen Dreifarbigen gekommen war. Sie hatten sich für Greco entschieden. Es gab da nur noch ein kleines Problem. Sie hätten ihn so gerne sofort aufgenommen, doch hatten sie bereits einen Kurzurlaub geplant. Ob er wohl noch so lange bei Tina bleiben dürfe? Man einigte sich, dass Greco sofort umziehen sollte, aber über die Ferienzeit wieder zu Tina kommen dürfte.

Greco verabschiedete sich noch am gleichen Tag von seiner Freundin Schnupfi und freute sich darauf, nun seine eigene Katzenmami zu haben. Er hatte einen neuen Namen bekommen und hiess nun Nell.
Als die Ferienzeit kam, brachte man Nell dorthin zurück, wo er eine glückliche Jugendzeit verbracht hatte. Er durfte wieder zehn Tage im Kreise seiner ehemaligen Freunde verbringen. Er hatte viel zu erzählen über sein neues Zuhause. Es gefiel im dort ausgezeichnet. Hinter dem Haus begann die Landwirtschaftszone. Er konnte stundenlang durch die Felder streifen und den Kühen einen Gruss zuwerfen, wenn er an ihnen vorbei schlich. Nell lernte jagen und brachte zum Schrecken seiner Menschen fast täglich eine quietschende Maus nach Hause. Schnupfi war überglücklich, dass Nell seine Ferien bei ihnen verbrachte.
Sie lag stundenlang bei ihm und hörte seinen Schilderungen zu. Ein wenig neidisch war sie schon, doch sie mochte es Nell wirklich gönnen. Er hatte zuvor eine Schreckenszeit mit Sam gehabt, nun hatte er seinen Frieden gefunden. Das Wiedersehen mit seinen neuen Menscheneltern war gross. Sie hatten vor lauter Sehnsucht nach ihm die Ferien abgekürzt. Schon nach acht Tagen durfte er wieder in sein Zuhause zurück.

Die nächsten Monate vergingen wie im Fluge und aus dem kleinen Nell wurde ein stattlicher Kater. Jetzt war er kein Katzenbaby mehr. Er war flügge geworden und ein stolzer, mittlerweile kastrierter Kater. Vor drei Monaten war auch ein zweiter Kater bei ihnen eingezogen. Dieser war rabenschwarz und etwas kleiner als Nell. Sie waren dicke Freunde geworden. Wenn die Menschen bei der Arbeit waren, konnten sie miteinander spielen und rumtoben. Es fehlte ihnen an gar nichts.
Als die nächsten Ferien angesagt waren, brachte man ihn und seinen Bruder wieder zu Tina. Dort würden sie es gut haben. Nell hatte ja lange genug dort gelebt und würde sich dort auskennen. Die Umgebung kannte er sofort wieder. Er schlüpfte noch am gleichen Tag durch die Katzentüre, hinaus in den Garten. Bei seinen jetzigen Besitzern, die 60 km entfernt wohnte, durfte er zwar hinaus in die Freiheit, aber nur stundenweise. Hier war die Katzentüre Tag und Nacht offen. Gerade deswegen genoss er die Ferienzeit bei Tina doppelt. Er steckte seine Nase in jede Blume und sog den herbstlichen Duft auf.

Der erste Tag war kein Problem. Bald hatte er sich wieder bei Tina und ihren Tieren eingelebt. Schnupfi war noch immer hier, und Nell spürte die gleiche Zuneigung zu ihr wie im Sommer. Sie hatte die Aenderung an Nell entdeckt. Er war erwachsen geworden, ein wunderschöner, verschmuster Kater. Sie freute sich sehr, ihren Freund wieder zu sehen und kuschelte sich eng an ihn.

Am zweiten Tag kam Nell nicht nach Hause. Tina machte sich grosse Sorgen. Es konnte doch nicht sein, dass er sich verirrt hatte. Er hatte ja lange genug hier gelebt und den Heimweg am ersten Abend auch gefunden. Als es Mittag wurde und Nell noch immer nicht da war, ging sie in den Garten und rief ihm. Lange passierte nichts, doch dann entdeckte sie ihn, wie er langsam aus einer Kuschelhöhle hervor kam. Super, da war er ja! Sie ging in die Wohnung zurück und war froh, ihn entdeckt zu haben.

Wie erstaunt war sie aber, als wenige Minuten später ein humpelnder Kater zur Katzentüre rein kam. Das Vorderbein hatte er hochgezogen, hinten links hinkte er stark. Nell hatte den Kopf gesenkt und machte den Eindruck eines alten, gebrechlichen Katers. Ihr war sofort klar, dass Nell Hilfe brauchte. Sie nahm ihn hoch und tastete ihn ab. Dabei spürte sie eine Wunde am linken Schulterblatt. Wahrscheinlich hatte er in der Nacht einen Kampf gehabt. Diesen hatte er aber verloren, das stand fest. Er war ein Fremder in diesem Revier, ein Rivale für alle hier lebenden Kater. Armer Nell, bestimmt wollte er nur spielen und hatte stattdessen Schläge und Bisse geerntet.

Es war Wochenende und der Tierarzt hatte seine Praxis geschlossen. Doch sie musste ihm helfen, bevor die Bisswunde sich entzündete. Da sie ja in den letzten Monaten viele Katzenkinder gepflegt hatte, war ihr Medikamentenschrank noch voll. Sie fand ein Mittel, das Nell helfen konnte. Wenn alles klappte, war er bis zur Rückkehr seiner Besitzer wieder der alte Nell. Nells Frauchen hatte keine Ahnung, was mit ihrem Nell passiert war. Sie staunte, als sie nach ihren Ferien von Tina erfuhr, dass Nell gekämpft und verloren hatte.

Im Spätsommer kamen Nell und sein Bruder erneut zu Tina. Es war wieder mal Ferienzeit. Tina war sicher, dass sich Nell schnell wieder einleben würde. Es war noch nicht so lange her seit seinem letzten Ferienaufenthalt hier. Sie wunderte sich auch nicht, als Nell und sein Bruder am nächsten Tag nicht da waren. Als sie zwei Tage später noch immer verschwunden blieben, wurde es Tina unbehaglich. Sie suchte sie überall, doch das Duo blieb verschwunden.

Als die Besitzer zehn Tage später vom Urlaub zurückkamen, musste Tina ihnen beichten, dass ihre Katzen verschwunden waren. Zusammen suchten sie sämtliche möglichen Unterschlüpfe durch. In der Zwischenzeit hatte Tina auch überall Zettel aufgehängt und die beiden Katzen im Internet als vermisst gemeldet.

Am dritten Tag der aktiven Suche fand man Nells Bruder. Der Schwarze hockte zusammengekauert unter einem Busch und sah den Leuten zu, die nach ihm riefen. Dann sprang er seinem Frauchen in die Arme. Er zog ihren Duft in sich auf und schnurrte ihr ins Ohr. Sie war vollkommen erleichtert, dass sie mindestens einen ihrer Flegel wieder hatte. Die Suchaktion dauerte noch Tage und Wochen, doch Nell blieb verschwunden. Nach zwei Monaten gab man die Hoffnung auf. Das Paar musste einsehen, dass man Nell verloren hatte. Ihre täglichen Besuche bei Tina wurden immer weniger. Bei einem ihrer letzten Kontakte suchten sie sich einen neuen Spielkameraden anstelle von Nell aus, einen kleinen, rot-weissen Kater.

Der Winter kam und überzog das ganze Gebiet mit einer weissen Schicht. Tina machte sich grosse Vorwürfe. Bei jeder Schneeflocke, die vom Himmel glitt, dachte sie an Nell. Wo war er nur? Hatte er kalt? Sie hatte noch nicht aufgegeben, hatte ein gutes Gespür für Katzen. Sie war vollkommen sicher, dass Nell noch lebte. Irgendwann würde er auftauchen.

Die Monate gingen vorbei und bald drückten die ersten Frühlingsboten ihren Kopf aus der noch kalten Erde hervor. Nell blieb noch immer verschwunden. Als sie eines Tages eine ihrer Katzen dem Tierarzt vorstellte, erfuhr sie, dass Nell gefunden wurde. Er hatte sich im Industrieareal, das am Ende des Dorfes lag, in einer Spedition aufgehalten. Dort war etwas los. LKWs kamen und gingen. Man arbeitete im Schichtbetrieb. Man hatte Nell eines Tages entdeckt, als er sich unter der Laderampe versteckt hatte.
Der Chef, selber ein Katzenhalter, liess Nell durch einen Mitarbeiter zum Tierarzt bringen und auf Chip testen. Jose tat, was man ihn hiess, und brachte Nell mit einem Kopfschütteln zurück. "Kein Chip", sagte er nur.

Als der Winter kam und die Nächte beissend kalt wurden, musste man für den Kater eine Lösung finden. Man richtete ihm in einem leerstehenden Container eine Behausung ein. Er hatte nun eine eigene Wohnung, die mit Decken und einem Liegekorb ausgestattet war. Für die Wochenenden, wenn der Betrieb geschlossen war, gab es einen Fütterungsplan. Jeder Mitarbeiter hatte die Pflicht, ein Wochenende pro Monat die Betreuung des Firmenkaters zu übernehmen.
Eigentlich ging es Nell recht gut. Er wurde gut gehalten und hielt das Lager von Mäusen frei. Der Aufwand war aber recht gross für die Angestellten. Nebst ihrer täglichen Arbeit hatten sie nun die Pflicht, sich um Nell zu kümmern. Aber er war ihnen ans Herz gewachsen. Oft sass er auf einem Stapel Kartons auf der Laderampe und schaute dem bunten Treiben zu. Es wurden Unmengen von Kartons auf- und abgeladen. Die Stapler schnurrten ununerbrochen. Ihre Ladegabeln gingen hoch und runter. Die Staplerfahrer waren sehr flink und präzis. Die Autos kamen Tag und Nacht. Wenn die Fahrer auf ihre Ladung warten mussten, gingen sie oft zu ihm und streichelten ihn. Der Kontakt zu diesem Firmenkater tat ihnen gut, denn unterwegs waren sie meist allein. Viele sprachen mit ihm und erzählten ihm von ihren langen Reisen durch die Schweiz. Er kuschelte sich in ihren Schoss und genoss das Leben.

Normalerweise stand Nell am Büroeingang, wenn der Chef kam. Doch an einem schönen Montagmorgen blieb er aus. Sie riefen nach ihm, doch keiner meldete sich. Dann ging man in Nells Container nachschauen. Dort hockte er und miaute leise vor sich hin. Er wollte rausspringen, doch das ging nicht. Das vordere Bein war verletzt. Er konnte nicht mehr richtig drauf stehen. Es war wie gelähmt. Wenn er sich darauf stützte, kippte seine Pfote nach innen um. Er konnte sie nicht mehr bewegen. Unter Schmerzen humpelte er zum Eingang.
Der Chef packte ihn und fuhr sofort zum Tierarzt. Was war wohl geschehen übers Wochenende? Gab es für Nells Bein noch eine Rettung? Die Tierärztin schaute sich das Bein gut an, dann wieder zum Gesicht des schönen Katers, auf dem die Tigerflamme zu sehen war. Irgendwie kam ihr das Gesicht bekannt vor. Doch sie konnte ihn nicht zuordnen In Ihrem Computer war unter dem Namen "Nell" keine Katze gespeichert. Als sie dann erfuhr, dass Nell ein Findeltier war, holte sie das Chiplesegerät hervor und hielt es dem Pelzigen an den Hals. "Pieps" und eine lange Zahl erschien auf dem Display.
Nun konnte man den Besitzer herausfinden. Sie staunte, als sie von der Zentralen Meldestelle eine Adresse erhielt, die 60 km entfernt war. Wie konnte das nur sein? Sie rief sofort dort an. Eine Stunde später standen die Besitzer da und konnten es nicht glauben, dass Nell noch am Leben war. Sie erzählten von Nells Ferien bei Tina und seinem Verschwinden. Das war nun mehr als ein halbes Jahr her. Jetzt wusste die Tierärztin, wieso ihr Nell so bekannt vorkam. Sie hatte ihn damals untersucht, als er Durchfall hatte.

Sie bedankten sich beim Chef und seiner Crew für die aufopfernde Pflege von Nell. Sie wollten in Kontakt bleiben und den Mitarbeitern berichten, wie es Nell ging. Trotzdem blieb eine Frage offen. Wieso hatte man den Chip nicht schon beim ersten Tierarztbesuch entdeckt? Jose, der den Auftrag erhalten hatte, beim Tierarzt eine Chipkontrolle zu machen, hatte den Auftrag nicht ausgeführt. Statt Nell zum Arzt zu bringen, hatte er sich an das Rheinbord gehockt und eine Pause eingelegt. Er hatte gelogen, war gar nie beim Tierarzt gewesen.
Sie nahmen den kleinen verletzten Kerl nach Hause. Nells Pfote bereitete ihnen aber Sorgen. Noch war nicht klar, ob sich das Bein erholen würde, oder ob man schlimmstenfalls die Pfote amputieren musste. Sicher war nur, dass er mit dieser gelähmten Pfote auf Dauer nicht leben konnte. Er schleppte sie nach und belastete sie in keinster Weise. Sonst würde das früher oder später zu offenen Stellen und Schmerzen führen.

Doch sie gaben nicht auf, brachten ihn zum eigenen Tierarzt und dann zur Akupunktur. Nach vierzehn Tagen sprang Nell schon wieder durch den Garten, als sei nichts gewesen. Einen Monat später kletterte er mit seinen beiden Brüdern schon wieder die Bäume hoch. Er war wieder daheim, welch schönes Gefühl.
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