Triene - Luskas Bücher

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Triene

Buch 6
Seit Monaten waren sie nun unterwegs. Die Seen hatten sie schon lange hinter sich gelassen. Der Weg war steinig und unangenehm. Ihre Fussballen waren vom vielen Laufen wund geworden. Der Glanz in ihrem Fell war verschwunden, dafür hatten sich Flöhe bei ihnen eingenistet. Es juckte am ganzen Körper, einfach ekelhaft. Trotzdem wollten sie nicht aufgeben. Irgendwann würden sie etwas entdecken, was sie an Zuhause erinnerte. Sie würden es schaffen, davon waren sie überzeugt.

In der Zwischenzeit war es Winter geworden, ihr erster Winter draussen. Sie mussten sich für die Nacht ein warmes Lager suchen. Dies war leider nicht immer möglich. Manchmal blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich unter einer Hecke dicht aneinander zu schmiegen, um die Kälte der Nacht zu ertragen. Von Zeit zu Zeit wechselten sie die Liegeposition. Wer aussen schlief, hatte kalt.
Durch das Umbetten traf es alle einmal. Als der erste Schnee fiel, blieben auch die Mäuse aus. Sie hatten sich in tief gelegene Höhlen zurückgezogen. Nun mussten sie oft hungern. Sie schlenderten von Haus zu Haus und untersuchten die Mülleimer und Müllbeutel, die vor den Türen zum Abtransport bereit standen. Manchmal fanden sie ein halbes Sandwich oder Brot. Dies war immerhin besser als ein leerer Magen.
Auf den Strassen war niemand zu sehen. Der Schnee fiel still vom Himmel hinunter und legte sich sanft auf die Erde. Die Häuser sahen aus, als habe man sie mit Traubenzucker übergossen. Es war seltsam ruhig. Die Leute blieben in ihren Häusern, wo es warm und kuschelig war. Hinaus ging nur, wer musste. Noch immer fiel Schnee und eine kalte Biese blies. Eine kleine, leise Gruppe schritt durch den Neuschnee und die Nacht. Ihre pelzigen Tatzen hinterliessen feine Spuren im Schnee.
Still und traurig gingen sie ihres Weges. Manchmal waren sie sich nicht mehr sicher, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, den Heimweg anzutreten. Wenn sie dort geblieben wären, hätte man sie vielleicht entdeckt und mit nach Hause genommen. Andererseits wussten sie ja nicht, ob Thomas und Ina noch lebten. Das letzte Mal, als sie sie gesehen hatten, hingen sie halbtot in den Autogurten des Wracks. Es sah aus, als ob sie schliefen. Doch die Katzen wussten genau, dass es schlimmer war. Sie hörten in ihrem Kopf immer wieder den Krach des Aufpralls und die Schreie der Katzen. Sie versuchten, diese Gedanken zu vertreiben, doch die Geräusche meldeten sich immer wieder. Während den nächtlichen Wanderungen beschlichen sie viele trübe Gedanken, die sich aber bei Sonnenaufgang wieder verflüchtigten. Es würde schon gut gehen und bald wären sie ja daheim.
Die Katzen hatten keine Ahnung, dass sie gar nicht mehr so weit von ihrem Ziel entfernt waren. Als die zwei grossen Seen zu Ende waren, gingen sie wieder südwärts. Dort waren sie an einen grossen Fluss gekommen. Die erste grosse Brücke hatten sie überquert. Nun standen sie wieder am südlichen Flussufer des Rheines. Sie wussten nicht, dass sie genau richtig waren. Wer diesem grossen Fluss folgt, muss unwillkürlich einmal in Basel eintreffen. Doch dies war der Katzengruppe nicht bewusst. Sie verliess sich auf ihren Instinkt, der sie westwärts führte.

Sie suchten oft Unterschlupf in Gartenlauben oder Garagen. Dort war es trocken und man konnte die Kälte besser ertragen. Meist blieben sie unentdeckt, denn auch die Menschen blieben bei diesen frostigen Temperaturen lieber daheim.

Es war wieder einmal ein besonders kalter Tag, und die Katzen suchten in einer leeren Scheune eine Uebernachtungsmöglichkeit. Sie kletterten ins Stroh, das im ersten Stock lagerte und schauten hinunter. Hier würde man sie bestimmt nicht entdecken. "Klack, klack, klack!", welch komisches Geräusch. Sie spähten hinunter, wollten herausfinden, wer hier noch wohnte.

Dann entdeckten sie die Tigerkatze, die langsam und etwas holprig durch die Scheune schlenderte. Sie sahen sie sofort und wussten nun, woher das eigenartige Geräusch kam. Trienchen, so hiess das Tier, war behindert. Sie stand auf drei Beinen unter ihnen und hielt die Nase in die Luft. Ihr konnte man nichts vormachen. Sie hatte die Katzen bereits gerochen - Eindringlinge, Fremde. Doch als dreibeinige Katze hatte sie keine Möglichkeit, ihr Revier zu verteidigen. Sie war ihnen absolut friedlich gesinnt, lediglich neugierig. Sie schaute zu ihnen hoch und rief ihnen zu "Hey, kommt mal runter, damit ich euch beschnuppern kann". Die Katzen erkannten schon an ihrer sanften Stimme, dass hier keine Gefahr drohte. Sie kletterten zu ihr hinunter und begrüssten sie.

"Was ist denn mit dir passiert?" fragte der ungehobelte Silver. "Halt die Klappe, Silver, so was fragt man doch nicht", belehrte ihn Shumba. Doch Trienchen war es gewohnt, dass man ihr diese Frage stellte. Sie hatte sich mit ihrem Schicksal schon lange abgefunden und war gerne bereit, den neuen Freunden ihre Geschichte zu erzählen.

Trienchen wurde vor 11 Jahren auf einem Reiterhof geboren. Ihre Mutter versteckte ihre Kleinen gut bei den Pferden im Stall. Sie war eine fürsorgliche Katzenmutter und war sehr umsorgt um ihre Babies. Doch sie unterschätzte die Kraft der Pferde. Sie hörte Trienchen eines Tages bitter weinen und sah, dass ihr Bein zerschmettert war. Eines der Pferde hatte das kleine Kätzchen versehentlich getreten.

Die Mutter nahm ihre Babies von dort weg und brachte sie in ein anderes Versteck. Auch Trienchen wurde an einen anderen, sicheren Ort gebracht. Was die Mutter gut meinte, war für Trienchen ein Desaster. Jutta fand die kleine Katze erst eine Wochen später, als das Bein bereits nicht mehr durchblutet und am Verfaulen war. Das kleine Katzenbaby hatte höllische Schmerzen. Sie brachte das kleine Wesen sofort zum Tierarzt. Trienchen sah, wie der Tierarzt die Stirn runzelte und etwas in seinen Bart brummte. Es war unschwer zu erkennen, dass er mit dem, was er da sah, gar nicht zufrieden war. Er nahm das Katzenbaby und brachte es in seine Klinik. Es sollte eine letzte Chance bekommen.
Die Operation dauerte Stunden, doch Trienchen bekam davon nichts mit. Sie schlief den tiefsten Schlaf ihres erst jungen Lebens. Als sie aufwachte, war das verletzte Bein verschwunden. Der Tierarzt hatte es amputiert und damit dem Kätzchen das Leben gerettet. Sie verbrachte noch viele Tage in der Tierklinik. Doch eines Tages brachte man sie zurück zu ihrer Mutter und ihren Geschwistern. Niemand wusste, ob die Katzenmutter das Baby überhaupt noch annehmen würde. Doch das Wunder geschah. Die Katzenmutter schaute auf ihr Kätzchen, das nun auf drei Beinen vor ihr stand. Sie leckte ihm die Stirn und zeigte ihm den Weg zu den Zitzen. Trienchen war überglücklich. Die Schmerzen waren vorbei und sie war wieder mit ihrer Mutter vereint.
Jutta kam jeden Tag, um nach der Katzenfamilie zu schauen. Natürlich würde Trienchen bei ihr bleiben dürfen. Doch ihre Babyzeit durfte sie noch in ihrer Katzenfamilie verbringen. Klein-Trienchen durfte am längsten bei ihrer Mutter bleiben. Ihre Brüder und Schwestern waren bereits abgeholt worden und in ihr neues Zuhause umgezogen. Sie musste vieles nachholen, was sie während ihres Spitalaufenthalts verpasst hatte. Die Mutter wollte ihrem behinderten Kind das Jagen beibringen, musste aber schon bald einsehen, dass Triene es nicht schaffen würde, allein eine Maus zu fangen. Sie konnte mit ihren drei Beinen zwar schon recht gut gehen, doch springen funktionierte noch nicht. Und es brauchte viel Geschick, um eine Maus zu fangen. Allmählich wurde ihr klar, dass Triene immer auf die Hilfe des Menschen angewiesen wäre. Als das Katzenmädchen vier Monate alt war, nahmen Mama und Tochter Abschied. Triene durfte zu Jutta umziehen. Dort sollte sie auch mit drei Beinen ein gutes Leben haben und von Jutta umsorgt werden.
Tatsächlich mangelte es Triene an nichts. Bei Jutta wartete ein schwarzer Kater auf sie. Mit ihm freundete sie sich sofort an. Er war ein ganz lieber Kerl. Sie mochten sich sofort. Erst viel später hatte sie erfahren, dass auch er handicapiert war. Er hatte von Zeit zu Zeit epileptische Anfälle. Diese waren Trienchen gar nicht geheuer. Sie hatte immer furchtbare Angst, wenn er zuckte und umfiel. Sie wollte ihren neu gewonnenen Freund nicht verlieren.

Es war eine schöne Zeit, die das Trio zusammen verlebte. Trienchen hatte gelernt, dass das Leben auch auf drei Beinen lebenswert war. Jutta kümmerte sich fürsorglich um das behinderte Kätzchen. Es durfte in gepolsterten Kissen liegen und musste sich um nichts kümmern. Das Fressen wurde ihm serviert. Am Abend musste es sich nur an die Füsse ihrer Retterin stellen und miauen. Dann nahm Jutta sie hoch, legte sie neben sich auf das Sofa und streichelte sie. Triene war im siebten Himmel. Wie schön war es doch, hier zu sein.

Zwei Jahre später zog Uwe ein. Jutta und Uwe hatten vor wenigen Tagen geheiratet. Mit Uwe kamen auch die Kinder. Es dauerte kaum ein Jahr, als das erste Baby auf die Welt kam. Zwei Jahre später folgte die Schwester. Nun herrschte Hektik im Haus. Die Kinder wollten ständig mit Triene spielen und griffen nach ihr. Besonders schlimm wurde es, als aus den Babies Kleinkindern wurden. Sie begannen zu laufen und erkundeten das ganze Haus. Sie liefen auch ständig der dreibeinigen Katze nach. Sie waren noch zu klein, um einzusehen, dass diese Rennen für die Katze weder gesund noch lustig waren. Manchmal zogen sie sie auch am Schwanz. Für die Kinder war das Spiel, für Triene Stress pur. Sie versteckte sich so oft sie konnte unter dem Sofa oder hinter der Wohnwand. Sie fand es hier nicht mehr schön, und Schuld war Uwe. Bevor er hier war, war die Welt noch in Ordnung.

Sie zeigte Uwe in regelmässigen Abständen, dass sie mit ihm gar nicht glücklich war. Einmal pinkelte sie in seine Schuhe, die im Korridor abgestellt waren. Da wurde er extrem wütend. Sie hörte ihn, wie er durchs Haus schrie; "Wenn ich dich erwische, mache ich dich zu Brei". Triene verkroch sich, zeigte sich nur noch, wenn es nicht anders ging. Sie wurde jeden Tag etwas trauriger. Das spürte auch Jutta. Es war ja nicht so, dass sie einfach darüber hinweg sah, doch sie konnte nichts ändern. Sie liebte ihre Kinder genau gleich wie ihre Tiere. Doch ihre Kinder waren nun mal klein und wild. Das würde sich eines Tages schon legen, dachte sie.

Triene verweigerte immer öfter das Futter. Sie wurde dünner und dünner. Die Katze kam mit der Hektik in diesem Haus nicht mehr klar. Man bekam sie kaum mehr zu Gesicht. Auch die epileptischen Anfälle des Bruders hatten zugenommen. Sie wusste nicht mehr ein und aus. Ihr Leben war auf den Kopf gestellt. Jutta musste eine Lösung finden. Sie brachte Triene zu ihrer Mutter. Vielleicht würde ihr die Ruhe gut tun und und sie konnte sich etwas erholen?

Leider war Juttas Mutter schon recht alt und vergesslich. Triene bekam nicht jeden Tag Futter. Auch vergass sie regelmässig, das Katzenklo zu putzen. Jutta musste erkennen, dass dies auch keine Lösung war. Sie nahm die Katze wieder nach Hause und richtete ihr ein eigenes Zimmer ein. Jetzt sollte sie ihre Ruhe haben. Sie bekam ein kleines Spielzimmer im ersten Stock. Die Kinder durften nicht in diesen Raum, er war für sie tabu und sie akzeptierten das. Trienchen sass stundenlang am Fenster und schaute hinaus. Sie war nur halb glücklich. Zwar hatte sie nun ihre Ruhe vor den Kindern und Uwe, doch nun war sie unheimlich allein. Der Schwarze kam sie nur selten besuchen. Er blieb lieber bei den Kindern.

Es war eine akzeptable Lösung für alle, doch Jutta wusste, dass Trienchen ein besseres Leben verdient hatte als abgeschoben in der Abstellkammer. Sie war hin und her gerissen, konnte sich lange nicht zu einer besseren Lösung durchringen. So verbrachte Triene fast ein Jahr ihres jungen Lebens verlassen und allein in ihrem Spielzimmer. Schweren Herzens wandte sie sich Jutta dann an den Tierschutzverein und bat um Hilfe. Ihr war absolut klar, dass sie die Katze nicht in ein Tierheim abgeben würde. Doch vielleicht gab es ja einen Menschen auf dieser Erde, der diesem behinderten Tier nochmals eine Chance geben würde.

Im Tierschutzverein waren auch Betty und ihr Mann Mitglied. Sie lebten etwas abseits des Dorfes in einem renovierten Bauernhaus. Sie betrieben keine Landwirtschaft, genossen es aber, viel Umschwung um ihr Haus zu haben. Sie liessen die alte Scheune stehen, die nur wenige Meter von Ihrem Wohnhaus entfernt war. Vielleicht würden sie sich eines Tages ein Pferd kaufen, dann hätten sie bereits eine Einstellmöglichkeit. Mit ihnen zusammen lebte eine blinde, alte Katzendame. Sie waren herzensgute Menschen und gaben regelmässig grosszügige Geldspenden an den Tierschutzverein der Region. Sie informierten sich immer über die Aktivitäten dieser Institution und verfolgten das Geschehen über das Internet.

Eines Tages wurde die alte, blinde Katze von ihren Altersbeschwerden erlöst. Sie hatte viele Jahre bei Betty und ihrem Mann verbracht, doch nun war ihre Uhr abgelaufen. Sie hatte keinen Lebensmut mehr. Die Zeit war gekommen, diese Erde zu verlassen.

Betty war sehr, sehr traurig. Sie wusste zwar genau, dass sie diesem Tier viele, schöne Jahre geschenkt hatte. Trotzdem fiel es ihr nicht leicht, Abschied zu nehmen. Nach einer langen Trauerzeit, entschloss sie sich, einem anderen Tier ein Zuhause anzubieten. Sie wusste schon von Anfang an, dass sie nur eine Katze aufnehmen würde, die entweder behindert oder schwer vermittelbar war. Dies war ihre Art des Tierschutzes. Sie konnte nicht aktiv mithelfen, Tiere einzufangen oder auswärts zu betreuen. Dafür waren Betty und ihr Mann die Anlaufstelle Nummer Eins für handicapierte Wesen.
Es war purer Zufall, dass genau zu diesem Zeitpunkt das Inserat von Jutta auf der Homepage des Tierschutzes aufgeschaltet war. Betty und Manfred waren sich sofort einig. Sie wollten Trienchen bei sich aufnehmen. An einem schönen Herbstmorgen standen sich Jutta und Betty das erste Mal gegenüber. Jutta wollte die Menschen zuerst kennen lernen, die ihr Trienchen aufnehmen würden. Sie war hell begeistert von diesem Ehepaar und der Wohnmöglichkeit für ihre Triene. Hier würde sie es schön haben, welch Glück. Wenige Tage später zog Trienchen um. Sie bekam sogar ihren Kratzbaum und die Futternäpfe mit in ihr neues Zuhause.
Betty war eine aufmerksame Katzenhalterin. Sie sah sofort, wie verängstigt und traurig die dreibeinige Triene war. Es würde Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis Trienchen wieder fröhlich sein würde. Triene war das alles nicht geheuer. Erst hatte man sie eingefangen und in einen Transportkorb gesetzt, und nun stand sie bei wildfremden Menschen und es roch überall nach Fremde. Sie flüchtete sich hinters Bett, genau in die Arme des Ehemannes. Dieser war durch einen Bandscheibenoperation stundenlang ans Bett gebunden und verbrachte fast den ganzen Tag im Bett. So fand das Duo zueinander. Triene sass tagsüber hinter dem Bett, der Mann lag darin. Sie kam nur nachts hervor zum Fressen und Klogang. Manfred liess seine Hand vom Bett hinunter baumeln, sodass Triene an seinen Fingern riechen konnte. Betty und Manfred liessen die Neue gewähren. Sie würden sie nicht bedrängen. Wenn es an der Zeit
war, würde Triene schon hervor kommen. Sie redeten oft mit dem verängstigten Tier und der Mann bot ihr regelmässig die Hand zum Gruss an. Er spürte genau, dass Triene ganz dicht bei seiner Hand sass und an ihr schnupperte. Es konnte ihren Atem spüren. Trotzdem dauerte es Wochen, bis Triene ihre Angst überwunden hatte. Erst hielt sie grossen Abstand von der baumelnden Hand, doch mit der Zeit kam sie ihm immer näher. Eines Tages, es waren wirklich schon viele Tage vergangen, nahm sie einen grossen Satz und sprang zu ihm hinauf aufs Bett. Ohne grosses Schnurren hockte sie sich neben ihn und schaute ihm in seine braunen, gutmütigen Augen. Sie spürte, dass auch er eine Behinderung hatte, sie waren Leidensgenossen. Sie legte sich in seine Arme und genoss den Duft seiner warmen Haut. Der Bann war gebrochen und Triene wurde eine kuschelige und anhängliche Katze.

Trienchen liebte fortan ihr neues Zuhause. Sie mochte Betty, doch Manfred liebte sie heiss und innig. Als Manfred genesen war und das Bett verlassen konnte, verliess auch Triene ihr "Kuschelzimmer". Sie folgte Manfred auf Schritt und Tritt, wollte ihm ständig nahe sein. Wenn er sich aufs Sofa setzte, hockte sie sich hin und bettelte darum, hoch genommen zu werden. Trienchen durfte zwischen Betty und Manfred auf der Couch sitzen.
Auch zwischen Jutta, Betty und Manfred entstand eine tierische Freundschaft. Sie hielten den Kontakt aufrecht und Betty berichtete regelmässig, wie es Trienchen ging. Gerade jetzt war sie dabei, einen langen Brief an Jutta zu schreiben. Sie sah zum Fenster hinaus und sah Triene, wie sie im leeren Stall verschwand. Betty wusste, dass ihr hier nichts passieren konnte. Es gab keine anderen Tiere, keine Strasse oder keine gefährlichen Gegenstände. Für eine Dreibeinige war dies wirklich ein Paradies. Es gibt selten behinderte Tiere, die ein artgerechtes Leben mit Freigang geniessen dürfen. Wie glücklich waren sie doch alle.

Betty ahnte nicht, dass es hier auch andere Tiere gab. Ihr fiel lediglich auf, dass Triene eine Unart angenommen hatte. Sie trug regelmässig Futter hinüber zum Stall. Ob es ihr dort wohl besser mundete als Zuhause? Katzenbabies waren ja ausgeschlossen, denn Trienchen, die nach offiziellem Impfausweis übrigens Naja heisst, war schon vor einiger Zeit sterilisiert worden. Betty wusste nichts von den Katzen, die in ihrem Stall vorübergehend eine Bleibe gefunden hatten. Trienchen überliess ihnen einen grossen Teil ihres Futters. Sie schleppte die Brocken hinüber und legte sie vor ihre neu gewonnenen Freunde. Sie war ihrem Frauchen und Herrchen für die gute Tat sehr dankbar und dafür, dass sie hier leben und wohnen dufte. Nun würde sie auch etwas Gutes tun und den Katzen, die auf dem Heinweg waren, etwas Futter überlassen.

Die Katzengruppe blieb noch einige Tage bei Trienchen. Es wurde schon wieder wärmer und der letzte Schnee war geschmolzen. Nun wollten sie weiterziehen. Sie verabschiedeten sich von der schönen dreibeinigen Tigerkatze und gaben ihr zum Abschied einen Nasenstüber. "Danke, liebe Triene, Du bist ein gutes Mädchen".
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