Im Zauberwald - Luskas Bücher

Direkt zum Seiteninhalt

Im Zauberwald

Buch 8
Shumba im Zauberwald
Es war vor langer Zeit, als es noch überall Hexen, Feen und Zauberer gab. Während die einen sanft und freundlich waren, hatten die anderen ein herrschsüchtiges und böses Wesen. Die Menschen hatten grosse Angst vor diesen Bösewichten und hielten sich wenn immer möglich fern von ihnen. Einer dieser bösen Zauberer wohnte im Wald hinter dem idyllischen Dorf Jewa. Niemand wagte sich in seine Nähe. Die Kinder des Dorfes wussten genau, dass sie nur bis zur Wegkreuzung gehen durften, denn dort begann das Reich des Zauberers Mago. Er war der Herrscher des Zauberwaldes und hielt dort viele Tiere gefangen. Sie mussten den ganzen Tag für ihn arbeiten, damit er ein sorgloses Leben in Saus und Braus führen konnte. Die Tiere hatten keine Möglichkeit, sich ihm zu widersetzen.
Wenn sie ihre Arbeit verweigerten oder flüchten wollten, wurden sie von ihm mit einem Zauber bestraft. Für die Tiere blieb nur wenig übrig. Sie wussten oft nicht, womit sie ihre Kinder ernähren sollten. Fast alle Nahrungsmittel mussten sie an Mago abliefern, der sie in seinen Schlosskammern hortete. Er war durch und durch böse, genoss es, wenn die Tiere ihn anbettelten, um etwas Futter für ihren Nachwuchs zu bekommen. Er gab ihnen nichts, stattdessen freute er sich darüber, wenn die Tiere traurig und mit leeren Taschen den Heimweg antraten.

Und genau in diesem Zauberwald war Shumba gelandet. Eigentlich wusste er, dass er den Wald nicht betreten durfte. Doch an diesem Tag war seine Neugier grösser gewesen. Er hatte die Wegkreuzung überquert und war dem Pfad entlang gefolgt. Nun stand er mitten im Wald und sah nur noch Bäume um sich herum. Einer sah aus wie der andere. Alles war sehr dicht bewachsen und dunkel. Die Sonnenstrahlen konnten nur an wenigen Stellen den Boden berühren. Er hörte überall Geräusche, die ihm fremd waren und ihm Angst einflössten. Waren das Tiere, die jammerten? Oder war es nur der Wind, der durch die Wipfel fegte? Es war ihm unheimlich. Seine riesengrossen Augen beobachteten jede Bewegung. Trotz der Geräusche sah er nichts und niemanden. Doch er wusste genau, dass der Wald bewohnt war und es hier Tiere gab.
Jetzt bekam er es mit der Angst zu tun. Er musste hier weg, raus aus dem Wald. Sein rotes samtweiches Fell sträubte sich. Seinen Schwanz, der so dicht und lang war wie der eines Fuchses, klemmte er zwischen die Beine. Er legte sich flach auf den Boden, damit man ihn nicht sehen konnte. Seine Ohren, die unter dem Gras hervorschauten, drehten sich von hinten nach vorne und von rechts nach links. Was waren das für Geräusche? Die Pupillen öffneten sich noch mehr, damit ihm nichts entging. Wo war sein Mut geblieben? Er war doch kein Angsthase! Auch wenn er erst acht Monate alt war, machte er mit seinen sechs Kilos, dem Langhaarfell und seiner Grösse Eindruck. Seine Mutter war eine Rassekatze, eine Main-Coon. Das hatte ihn immer mit Stolz erfüllt, denn diese Katzenrasse gehörte zu den grössten der Welt. Er trug um den Kopf eine lange Mähne und wurde deswegen Shumba genannt, was auf Afrikanisch "Löwe" heisst. Zuhause bewunderten ihn die anderen Katzen wegen seiner imposanten Erscheinung. Er genoss es, wenn sie ihn anhimmelten und neidisch zu ihm hochschauten. Er machte einen überlegenen, frechen Eindruck, und man hätte meinen können, dass ihn nichts aus der Fassung bringen konnte. Dabei wohnten zwei Seelen in seiner Brust. Es gab da die optische Erscheinung, aber auch sein kindliches Wesen. Das Aeussere täuschte über seinen sanften Charakter hinweg. Auch wenn er gross und kräftig war und seine Pfoten darauf hindeuteten, dass er eines Tages ein Riese würde, war er ein sanftmütiger Kerl, der wie jedes Katzenkind gerne spielte und kuschelte. Wenn er schlief, legte er sich dicht an seine Katzenfamilie, die ihm Wärme und Geborgenheit gab. Wie gerne wäre er jetzt daheim gewesen.

Doch er war selber schuld. Er hatte sich über alle Warnungen hinweg gesetzt. Seine Abenteuerlust war ihm zum Verhängnis geworden. Er musste hier raus, suchte mit seinen grossen Augen den Weg, der ihn aus diesem Wald führen würde. Doch der Waldweg war verschwunden. An seiner Stelle waren innert Minuten Sträucher und Bäume gewachsen. Mago hatte ihn schon lange entdeckt und den Waldweg verschwinden lassen. Er wollte dieses prachtvolle Tier für sich haben und amüsierte sich über die Angst des grossen Katers.

Als es Abend wurde, lag Shumba noch immer an der gleichen Stelle. Er war wie gelähmt vor Angst. Dann entdeckte er eine Höhle, in der er sich verstecken konnte. Doch die Höhle war bewohnt, wie er feststellen musste. Eine Füchsin mit ihrem Welpen hatte es dich dort bequem gemacht. Sie waren sehr freundlich zu Shumba und boten ihm einen Liegeplatz an. Er durfte sich sogar dicht an sie drücken. Es war fast wie daheim. Er roch das Fell der Füchse und genoss die Wärme, die sie ausstrahlten. Dann fielen ihm die Augen zu und er schlief tief und fest.
Kleiner Piep Matz
Als er am Morgen aufwachte, stand die Füchsin vor ihm. Sie hielt eine Maus in der Schnauze; das Frühstück für Shumba und den kleinen Fuchs. Shumba bedankte sich und frass gierig. Währenddessen erzählte sie ihm die Geschichte von Mago und dem Zauberwald. Er war der Herrscher über den Zauberwald und die Tiere, hielt sie gefangen. Niemand konnte ihm entrinnen. Das war schon seit vielen Jahren so, und die Tiere konnten sich nicht wehren. Niemand war so kräftig und mutig, dass sie Mago ausschalten konnten. Es gab nur einen einzigen Weg, sich von Mago und seinen Zaubereien zu befreien. Jemand musste drei gute Taten machen. Nur so würden Magos Kräfte geschwächt. Seine Zauberkraft ginge dann verloren. Doch keines der Waldtiere hatte den Mut und die Kraft dazu, denn sie kannten Magos Zorn, der sie bestrafen würde.
Als Shumba gesättigt war, nahm ihn die Füchsin mit. Er folgte ihr bis an eine Waldlichtung, wo die anderen Tiere auf sie warteten. Es hatte sich bereits herum gesprochen, dass ein neues Tier zu ihnen gestossen war. Alle waren versammelt; Vögel, Eichhörnchen, Igel, Rehe, Wildschweine. Sie waren friedlich vereint, denn sie hatten alle das gleiche Ziel. Sie wollten sich von Mago befreien. Dann sahen sie Shumba, gross, jung und wunderschön. Bestimmt könnte er ihnen helfen. Er machte einen unerschrockenen Eindruck. Während sie dort sassen und sich berieten, zog ein sanfter Luftzug auf. Die Bäume bewegten sich im Wind und senkten ihre Wipfel zum Boden. Mago hatte den Sturm bestellt. Er musste solche Versammlungen verhindern. Aus den leichten Böen entwickelte sich schnell ein starker Wind. Und aus dem Wind entstand ein Orkan. Die Tiere machten sich schleunigst auf den Weg in ihren Unterschlupf. Nur Shumba sass noch dort. Der kühle Wind fegte durch sein Fell und liess ihn erschaudern. Voller Angst schaute er zu den dunklen Wolken am Himmel. Blätter flogen kreuz und quer durch den Wald und bedeckten den Boden mit einem Blätterteppich. Tannzapfen knallten auf den Boden. Der Regen peitschte ihm ins Gesicht. Die Bäume gaben ein singendes, quietschendes Geräusch von sich und bogen ihre Wipfel hin und her und tief nach unten. Der Orkan fegte in seiner ganzen Kraft über ihn hinweg.

Dann passierte es! Er hörte einen leisen Knall, einen kurzen Schrei und sah einen Vogel, der voller Panik um seinen Kopf flog. Zuerst wusste er gar nicht, was dieser von ihm wollte. Doch der Vogel gab nicht auf. Immer und immer wieder flog er über ihn hinweg. Er musste sich ducken, um nicht von den flatternden Flügeln getroffen zu werden. Der Vogel kreischte und rief etwas, was er allerdings nicht verstand. Dann sah er es, das kleine Wesen, das hilflos am Boden unter dem Baum lag. Ein Kücken, wenige Tage alt, war aus dem Nest gefallen. Der Sturm hatte so lange an den Blättern, Aesten und dem Nest gerüttelt bis das Unglück geschehen war. Shumba sah auf das kleine Vögelchen. Fliegen konnte das Kleine noch nicht. Er wusste auch, dass Vögel ihre verlorenen Kinder nicht so einfach retten konnten. Sie hätten das Küken so lange auf dem Boden füttern müssen bis es so weit war, dass es fliegen konnte. Doch die Gefahr da unten war zu gross. Shumba schaute den kleinen Piep Matz an. Es gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder würde er das Kleine verspeisen oder retten. Er entschied sich für die zweite Möglichkeit, denn das Muttertier, das noch immer über ihm Bahnen zog, tat ihm leid. Und die Natur hatte ihm schliesslich Pfoten und Krallen geschenkt, die er nun einsetzen konnte. Er nahm das Kleine zwischen die Zähne, so wie Katzen ihre Kitten tragen. Dann machte er einen grossen Sprung zur ersten Astgabel. Noch immer fegte der Wind über seinen Kopf. Das beeindruckte ihn nicht mehr. Er musste das Kleine retten. Er hangelte sich hoch, von Ast zu Ast. Seine Krallen hakte er in die Baumrinde ein. So konnte er sich festhalten. Er durfte nur nicht nach unten schauen. Sein Ziel war weit oben, dort wo nun das Muttertier auf ihn und ihr Kleines wartete. Shumba musste seine letzten Kräfte einsetzen. Endlich hatte er das Nest erreicht. Er liess das Küken sanft ins Nest fallen und sah, wie das Muttertier sich sofort darauf legte, um dem Kleinen Wärme zu spenden. Sie piepste voller Freude und Dankbarkeit.

Nun musste Shumba den Weg nach unten antreten. Das war viel schwieriger als der Aufstieg. Die Krallen der Katzen sind für das Hochklettern und nicht für den Abstieg gemacht. Runterspringen durfte er nicht, die Baumkrone war viel zu hoch. Aber Shumba wusste, wie man sich geschickt nach unten hangeln konnte. Das hatte er daheim an den Vorhängen geübt und dafür Schelte geerntet. Doch jetzt konnte er die Hangeltechnik anwenden. Er kletterte den Baumstamm hinunter, einen Ast nach dem anderen bis er kurz über dem Boden war. Mit einem gekonnten Sprung erreichte er den Waldboden, landete mitten im Laub.

Nun war es plötzlich windstill. Der Regen und Orkan hatten von einer zur anderen Sekunde aufgehört. Ein grässlicher Schrei durchbrach die plötzliche Stille im Wald. Mago spürte einen fürchterlichen Stich im Herzen und er hatte plötzlich keine Gewalt mehr über den Wind und Orkan. Seine Kräfte hatten nachgelassen. Shumba hatte, ohne dass er sich dessen bewusst war, sein erstes gutes Werk vollzogen. Am Abend gab es bei den Tieren ein grosses Fest. Sie sangen und tanzten bis in die Morgenstunden. Für einen Moment waren sie glücklich.

Am Morgen schlich sich Shumba zurück in die Fuchshöhle. Er war müde und trotzdem glücklich. Er legte sich zur Fuchsfamilie und schlief ein paar Stunden.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Shumba die Augen öffnete. Im ersten Moment wusste er gar nicht, wo er war. Dann erinnerte er sich an den vorigen Tag und das kleine Vögelchen, das aus dem Nest gefallen war. Nun überkam ihn Heimweh. Zwar hatte man ihn gestern als Helden gefeiert, doch machte ihn das nur halbwegs glücklich. Er sehnte sich nach seiner Familie, dem warmen Ofen und der Kuschelhöhle. Wie gerne wäre er nun dort gewesen.
Der Staudamm
Am Nachmittag holten ihn seine neuen Freunde ab. Sie wollten ihm einen anderen Teil des Waldes zeigen. Er folgte ihnen. Ihr Weg führte sie vorbei an den Tieren, die für Mago arbeiten mussten. Es war wie ein Arbeitslager. Er sah Eichhörnchen, die fleissig Nüsse sammelten und diese in die bereitgestellten Säcke fallen liessen. Sie hätten gerne die eine oder andere Nuss für sich und ihre Kinder genommen. Doch das war streng verboten. Mago schaute ihnen auf die Finger. Er sah alles, auch wenn er nicht vor Ort war. Manchmal hatten sie derart Hunger, dass sie im Versteckten eine Nuss fallen liessen und blitzschnell mit den Pfoten eingruben. Vielleicht würde es Mago nicht sehen. Dann könnten sie am Abend vom Baum runterhüpfen und nach der verbuddelten Nuss suchen. Eine Nuss für eine Grossfamilie war zwar nicht viel, aber besser als nichts.
Weiter vorne trafen sie eine Gruppe Waschbären. Ueber ihren Köpfen flogen Raben, grosse schwarze Vögel. Diese trugen Kirschen und Trauben in ihrem Schnabel. Die Waschbären sassen am Flussufer und wuschen die Früchte, die ihnen die Vögel brachten. Die Kirschen mussten sauber sein, bevor sie diese in die Körbe legen durften, die für Mago bestimmt waren. Aus diesen Früchten würde Mago dann Wein und Schnaps herstellen für die Feste mit seinen Zauberfreunden. Wie gerne hätten die Tiere die eine oder andere Frucht in ihren Mund gesteckt. Doch es blieb beim Wunsch, denn das war strengstens verboten. Der Wald gehörte Mago. Er liess sich nichts, aber auch gar nichts, klauen. Aber die Waschbären waren gescheit. Manchmal liessen sie beim Waschen eine Kirsche oder Traube in den Fluss fallen. Der rauschende Bach trug sie mit seiner Strömung ins Tal. Am Fluss weiter unten warteten ihre Verwandten. Sie fischten sich die dunklen Früchte aus dem Wasser und brachten sie in ihre Höhle zu den Hungermäulern.

Als Mago das entdeckte, tobte er. So wütend war er schon lange nicht mehr. Man hatte ihn hinterlistig beklaut. Das liess er sich nicht gefallen. Diese Tiere sollten für ihn arbeiten und ihn nicht bestehlen! Er musste sie bestrafen und dafür sorgen, dass das nicht noch einmal passieren würde. Er schaute im Zauberbuch nach, was die beste Strafe für seine Sklaven war.

Nur wenige Minuten später hörten die Bären ein tosendes Geräusch. Der Berg bebte, die Erde schwankte. Vom Hügel rollte eine Steinlawine zum Fluss hinunter. Die Steine, die sie mitführte, blieben mitten im Wasser liegen. Sie bildeten einen grossen Steinhaufen, eine Art Staudamm. Das Wasser konnte nicht mehr an den Steinen vorbei. Das wenige Nass, das sich noch am Staudamm vorbei drängen konnte, floss seitlich daran vorbei, als kleines Rinnsal. Nur wenige Meter entfernt versickerte im Erdreich. So konnten auch die Trauben nicht mehr ins Tal schwimmen. Mago lachte schrill und laut: "Hahahaa, aus und vorbei mit dem Diebstahl."

Das Wasser staute sich jetzt aber oberhalb des Dammes zu einem kleinen See. Unter dem Steinhügel war der Fluss fast stillgelegt. Die Fische, die bis vor wenigen Minuten noch darin schwammen und tanzten, spürten den Rückgang des Wassers. Bald würden sie auf dem Flussboden aufliegen, denn ohne Wasser konnten sie nicht mehr schwimmen. Das wäre ihr Ende.

Shumba erkannte die Gefahr für die schwimmenden Fische. Er rannte zum Fluss und versuchte, die Fische mit seiner Schnauze zu fangen. Er wollte sie oberhalb des Staudammes wieder ins Wasser lassen. Doch die Fische waren schlüpfrig. Er konnte sie nicht richtig fassen, weder am Körper noch an den Flossen. Er versuchte es immer wieder, ohne Erfolg. Er musste mitansehen, wie sie sich im Halbnass hin und her wälzten, damit ihr Körper nass blieb. Die letzten Pfützen waren übersäht von Fischen, die um ihr Leben rangen. Ohne Waser waren sie verloren. Shumba musste ihnen helfen. Er rief nach den Waschbären, die weiter oben noch immer Kirschen wuschen. "Hey Leute, kommt sofort hierher. Wir müssen den Fischen helfen." Die Bären rannten zu ihm hinunter. Sie staunten nicht schlecht, als sie den Staudamm entdeckten, der vor ein paar Minuten noch nicht dort war. Nun konnten sie ja gar keine Kirschen mehr ins Tal treiben lassen, denn spätestens beim Staudamm wäre die Reise zu Ende. Shumba forderte die Bären auf, mit ihm zusammen zu graben. Sie hatten wie er grosse und starke Pfoten. Gemeinsam würden sie es schon schaffen, die Steine des Staudammes abzutragen, damit die Fische wieder Wasser unter die Flossen bekamen. Sie mussten sich aber beeilen, denn viel Zeit blieb ihnen nicht. Zu viert scharrten und gruben sie in den Steinen und schoben die losgelösten Brocken ans Flussufer. Dabei liessen sie die zappelnden Fische nicht aus den Augen. Obwohl Shumba Wasser hasste, sass er mitten im Fluss und arbeitete sich in den Staudamm hinein. Daheim scharrte er ja auch im Katzenklo rum. Nun konnte er diese Technik für Sinnvolleres einsetzen.

Die ersten Steine waren sehr schwierig zu lösen, denn sie waren ineinander verkeilt. Sie waren auch schwer und konnten nur mit viel Kraft ans Flussufer geschoben werden. Shumbas Pfoten bluteten bereits. Sie waren nicht für solche Schwerstarbeit gemacht. Doch er spürte das nicht, denn das kühle Wasser liess den Schmerz verschwinden. Viel zu sehr war er in seine Arbeit vertieft. Es war ein Rennen mit der Zeit. Wenn er es nicht schaffte, den Staudamm abzutragen, wären die Fische verloren. Dann allmählich lösten sich die Steine voneinander, und dazwischen floss bereits wieder etwas Wasser hindurch. Sofort krochen die Fische zu den kleinen Wasserläufen und legten sich hinein. Wenig später war es geschafft. Der Staudamm war abgetragen und beseitigt. Das Wasser konnte wieder in der gewohnten Bahn ins Tal fliessen. Die Fische richteten sich auf und nahmen ein ausgiebiges Bad im kühlen Nass. Dies war Rettung in der letzten Sekunde!

Kaum hatten sich die Retter etwas von den Strapazen erholt, hörten sie einen lauten Schrei, der schrill den Wald durchzog. Mago spürte erneut ein starkes Stechen in seiner Brust. Er hatte in seiner Zauberkugel die Tiergruppe gesehen, die seinen Staudamm vernichten wollte und hatte versucht das zu verhindern. Aber es war ihm nicht gelungen. Seine Zauberkräfte hatten nachgelassen. Die Steine gehorchten ihm nicht mehr. Er taumelte und musste wutentbrannt zusehen, wie Shumba und seine Freunde den Fischen das Leben retteten.

Am Abend versammelten sich die Tiere zu einem Nachtessen. Sie brachten ihre letzten Vorräte mit, teilten sie untereinander auf und feierten die zweite gute Tat von Shumba und den Waschbären. Niemand sollte wegen Mago leiden, schon gar nicht sterben. Sie waren glücklich, dass ihnen das Schicksal den starken Shumba geschickt hatte.
Es fiept im Gras
Es waren ein paar Tage vergangen. Shumbas Pfoten waren geheilt, sodass er wieder ausgiebige Spaziergänge machen konnte. In der Zwischenzeit hatten ihn die Füchse versorgt. Sie brachten ihm jeden Tag Futter – ihrem Helden.

Bei einem solchen Spaziergang hörte er ein leises Wimmern. Es kam von einer der wenigen Waldlichtungen, wo die Sonnenstrahlen bis zum Boden hinunter reichten. Dort wuchs hohes Gras, eher selten im Zauberwald. Er stellte seine Ohren, drehte sie in alle Richtungen. Dann konnte er langsam erkennen, woher das Jammern kam. Er ging dem Geräusch nach. Noch sah er nichts, doch wurde das Klagen intensiver, je weiter er in die Wiese hinein ging. Dann entdeckte er das Kleine, ein ganz junges Rehkitz, das sich mitten im hohen Gras zusammengerollt hatte. Als es Shumba sah, verstummte es sofort. Es wusste nicht, ob ihm dieser Kater wohlgesinnt war oder nicht. Seine Mutter hatte ihm beigebracht, bei Gefahr ganz ruhig und unbewegt zu sein, damit es vom Feind nicht entdeckt würde.
Shumba hatte noch nie ein Reh gesehen. Er fand es sehr hübsch mit seinen grossen Augen und dem nassen Stupsnäschen. Dann beschnupperte er die Kleine von oben bis unten. Sie blieb bocksteif liegen, stellte sich tot. Doch Shumba merkte schnell, dass das Tier lebte. Es schien noch recht jung zu sein. Doch was machte es da so allein im hohen Gras? Wo waren seine Eltern? Er schaute sich um, konnte aber nichts entdecken. Dann sprang er auf einen Felsen am Feldrand. Von dort hatte er mehr Ueberblick, konnte so über das hohe Gras schielen. Bestimmt wären sie in der Nähe, denn das Kleine war noch viel zu jung, um alleine zu überleben.

Jetzt jammerte die Kleine wieder. Sie leckte sich mit der grossen Zunge über die Lippen, die bereits sehr trocken waren. Shumba kannte das. Dies hiess Durst oder Hunger! Zwar sass das Kitz mitten im Gras und hätte problemlos fressen können, aber vermutlich war es noch zu klein und auf die Milch der Mutter angewiesen. Wo war sie denn? Er konnte nichts entdecken.

Mit einem mulmigen Gefühl verliess er das Kitten und hoffte, dass ihm nichts passieren würde. Er musste die Mutter schleunigst finden. Hinter der Wiese ging er wieder in den Wald hinein. Dieser war aber so dicht, dass er kaum etwas sehen konnte. Ueberall Gestrüpp und Stacheln und nirgends eine Rehmutter. Er musste gut aufpassen, dass sich sein langes Haar nicht in den Stacheln verhedderte. Dies war nicht nur schmerzhaft sondern könnte ihn am Weitergehen hindern. Er war schon lange unterwegs und bereits müde, als er ein Fiepen hörte. Es kam von weit weg, doch seine Sinne waren wach. Mit den grossen Ohren konnte er auch sehr leise Geräusche hören, so gut wie kein anderes Tier. Dank diesem Sinn konnte er auch die kleinen Scharrgeräusche der Mäuse unter der Erde hören und Beute finden.

Er stellte die Schnauzhaare und Ohren in die Richtung, aus der das Jammern kam. Seine Augen weiteten sich, damit er jede Bewegung sehen konnte. Er schlich vorsichtig auf dem Bauch dem Klang entgegen. Schliesslich wusste er nicht, was dort auf ihn wartete. Das Weinen wurde lauter, er war auf dem richtigen Weg. Dann sah er sie, das Muttertier, gefangen in einem Netz. Sie hatte versucht sich zu befreien und dabei das Netz noch fester um sich gezogen. Je mehr sie strampelte, desto enger zogen sich die Maschen um ihren Körper. Sie schnitten in ihr braunes Fell.

Shumba wusste sofort, dass dieses Netz von Mago ausgelegt war, um die Tiere in die Schranken zu weisen. Wenn er einen schlechten Tag hatte, dachte er sich Strafen und Boshaftigkeiten aus, an denen er sich dann erfreuen konnte. Welch bösesesen!

Nun hatte er die Rehmutter gefunden. Sie hing hilflos in den Maschen des Netzes. Alles schmerzte. Keiner wusste, wie lange sie schon in dieser Stellung ausharren musste. Dabei waren ihre Gedanken bei ihrem Kitz. Es musste dringend Milch haben, denn es waren schon Stunden vergangen, seit es das letzte Mal getrunken hatte. Doch ohne Hilfe konnte sie sich nicht befreien.

"Hallo Braunpelzchen. Keine Angst, ich helfe dir. Mach dir keine Sorgen. Deinem Baby geht es gut." Shumba versuchte mit seinen Krallen die Maschen zu weiten. Dann biss er ins Seil, kaute daran herum. Seine Zähne waren scharf wie kleine Messerchen. Eine Masche nach der anderen löste sich. Doch das alles dauerte viel zu lange. Er brauchte Hilfe. Der Bach war nicht weit weg, und Shumba wusste, dass er dort eine Biberfamilie gesehen hatte. Er rief der Rehmama zu, dass sie sich keine Sorgen machen müsse, er sei sofort zurück. Dann sah sie ihn davon eilen.

Kurze Zeit später kam er wieder, gefolgt von Mama und Papa Biber. Alle drei Tiere nagten nun am Netz herum. Shumba setzte seine scharfen Backenzähne ein, die Biber ihre grossen Nager. Zu dritt ging das wesentlich schneller. Nach einer Stunde hatten sie alle Knoten gelöst und das Reh konnte sich aus dem Netz befreien. Es streckte seine Beine, die schon halb lahm waren. Dann bedankte es sich bei Shumba und seinen Freunden und rannte blitzschnell davon. Das Rehkitz hörte bereits das vertraute Fiepen seiner Mutter, die zu ihm unterwegs war.
Die Rache
Die Tiere hörten ein rollendes Geräusch am Himmel, als ob da oben eine Kegelrunde stattfände. Es donnerte, und Blitze erhellten den Himmel. Dunkle Wolken zogen auf, der Himmel war fast schwarz. Es war gespenstisch im Wald. Ein Blitz folgte dem nächsten und erhellte die Umgebung für einen kurzen Augenblick. In diesen kurzen Lichtmomenten sah man am Himmel eine dunkelgraue Wolkenwand, die sich auf den Zauberwald zu bewegte. Ein Wirbelsturm war im Anzug. Der Wind schwoll an und wurde von Sekunde zu Sekunde heftiger. Aus der Wolkenwand griff plötzlich ein senkrechter Wolkenfinger zum Boden. Er bewegte sich in alle Richtungen und hinterliess eine Strasse der Zerstörung. Es sah aus, als suche dieser Finger etwas. Vom Winde gedreht, bewegte er sich von einer zur anderen Seite. Dann blieb er abrupt stehen. Es wurde totenstill. Der Sturmfinger hatte sein Ziel entdeckt. Im Waldschloss griff er zu. Er krallte sich tief in die Schlossmauern und holte etwas hervor, das sich heftig wehrte.
Die Tiere sahen, wie Mago in die Luft gehoben wurde. Er drehte sich um die eigene Achse, wirbelte umher, versuchte wieder Boden unter die Füsse zu bekommen oder sich irgendwo festzukrallen. Der Finger zog ihn aber in die Luft, hoch hinauf in den Himmel. Er wehrte sich mit aller Kraft, die ihm noch zur Verfügung stand. Doch diese reichte nicht mehr. Seine Zauberkraft war am Ende, der Spuk vorbei. Die Tiere hörten ihn schreien und fluchen und sahen, wie er immer höher und höher in den Himmel stieg. Als er die dunklen Wolken erreichte, hatte er nur noch die Grösse einer Fliege. Dann erlosch auch das Fluchen. Der Bösewicht war für immer verschwunden. Durch Shumbas dritte gute Tat war es vorbei mit Magos Macht. Er hatte seine Zauberkraft verloren. Der kleine Kater hatte ihn besiegt.

Zur gleichen Zeit zerfiel das Zauberschloss in sich selber. Uebrig blieben nur ein Steinhaufen und eine Türe, die in die Vorratskammern führte. Die Kammern waren unversehrt und prall gefüllt. Endlich konnten die Tiere die gesammelten Früchte, Beeren und Nüsse zu sich holen und teilen. Jetzt konnten sie ihren eigenen Vorrat anlegen, den sie für den Winter brauchten.

Der Wald öffnete sich und liess das Licht hinein. Sonnenschein drang durch die Bäume hindurch. Man konnte den blauen Himmel sehen und Vögel, die in Freiheit ihre Bahnen zogen. Die stachligen Pflanzen und Winden, die als Zaun gedient hatten, vertrockneten und versanken im Boden. An ihrer Stelle schossen farbige Blumen, Gräser und Gebüsche aus dem Boden. Sie bildeten einen weichen, prachtvollen Teppich, der nach Rosen und Jasmin duftete. Bienen flogen von einer Blüte zur nächsten und ernteten den Blütenstaub. Sie flatterten mit ihren durchsichtigen Flügeln als Zeichen ihres Glücks. Nun kamen alle Tiere aus ihren Verstecken hervor. Es waren einige mehr als Shumba erwartet hatte. Nebst den Igeln, Füchsen, Rehen und Waschbären, die er schon kannte, entdeckte er noch viele andere Tiere. Mäuse streckten ihre Nase aus der Höhle im Waldboden, um zu schauen, ob die Luft endlich rein war. Eine Käferfamilie bezog ihr neues Heim hoch oben im Baum. Der Specht klopfte mit seinem Schnabel ein Loch in die Baumrinde. An einer Stelle unter einer grossen Tanne hob sich der Boden an und gab den Blick frei auf einen riesengrossen Ameisenhaufen, in dem fleissig gearbeitet wurde. Es herrschte reges Treiben im nunmehr hellen Wald. Die Tiere sangen und tanzten vor lauter Glück. Man konnte ihre Stimmen im nahe gelegenen Dorf hören.
Ab nach Hause
Shumba wusste gar nicht recht, was geschehen war. Alles ging so schnell. Er schaute den Tieren zu, die sich umarmten. Plötzlich sehnte er sich nach einer solchen Umarmung. Es war schon lange her, seit ihn seine Mutter liebkost hatte. Er sehnte sich nach Zärtlichkeit und den Menschen, nach seinem Katzensofa und dem leckeren Fressen. Er hatte Heimweh, konnte und wollte nicht mehr länger hier bleiben.

Seine Freunde feierten ihn als Helden. Er hatte ihnen die Freiheit geschenkt durch seine guten Taten. Trotzdem erkannten sie, dass die Zeit gekommen war, wo er sie verlassen würde. Sie konnten seinen Wunsch verstehen. Als Dank begleiteten sie ihn zum Waldrand bis hinunter zur Weggabelung. Sie reichten ihm zum Abschied die Pfote und winkten ihm nach, als er den Weg zum Dorf hinunter schritt. Je näher er seinem Haus kam, desto schneller wurden seine Schritte. Die letzten Meter rannte er. Dann schlüpfte mit einem lauten Klick durch die Katzentüre. Er war daheim, welch herrliches Gefühl. Die Futternäpfe waren wie immer gefüllt. Er machte sich gleich darüber und stillte seinen Hunger.
Als ihn seine Mutter entdeckte, konnte sie es kaum glauben. Ihr Shumba war nach so langer Zeit zurückgekehrt, gesund und glücklich. Sie nahm ihn in die Arme und leckte ihm die Stirn. Dann drückte sie ihn an sich. Mit ihrer Pfote strich sie ihm das Haar aus dem Gesicht. Sie liess ihn nicht mehr aus den Augen. War er erwachsener geworden? Was war passiert? Wo war Shumba in den letzten Tagen gewesen? Viele offene Fragen. Irgendwann würde er ihr bestimmt erzählen, was geschehen war. Doch vorerst liess sie ihn in Ruhe.

Noch in der gleichen Nacht, als sie zusammen auf dem Sofa lagen, erzählte ihr Shumba von seinen Abenteuern, von den neuen Freunden, dem Zauberwald und vom bösen Zauberer, der seine Macht verloren hatte. Sie runzelte nur die Stirn, denn sie wusste, dass dies alles nur passiert war, da er unfolgsam gewesen war. Doch sie wollte nicht mit ihm schimpfen. Er hatte genug erlebt und bestimmt viel Angst gehabt. Und nun war er ja wieder da. Er drückte sich dicht an sie, sog ihren Geruch ein und genoss die Wärme die sie verbreitete. Nun war er überglücklich. Er hob seine Pfote, schaute tief in ihre wunderschönen grünen Augen und schwor ihr hoch und heilig, dass er künftig gehorchen würde. Sie sah nicht, dass er hinter seinem Rücken zwei Finger kreuzte.
Zurück zum Seiteninhalt