Mimis Familie - Luskas Bücher

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Mimis Familie

Buch 2
Sie war braun getigert, jung und verspielt, eine Katze wie es Tausende gibt. Mit zwei Katzen und ihren Menschen lebte sie am Rande der Stadt. Obwohl sie vom Bauernhof kam und die Natur liebte, durfte sie nicht nach draussen. Vor dem Balkon hing ein Netz, das sie vom Runterspringen abhalten sollte. Die Fenster waren stets gut verschlossen. Minusch und Minka machte das überhaupt nichts aus. Sie kannten das Leben draussen nicht. Wenn Mimi ihnen vom Gras, den Schmetterlingen und Feldmäusen erzählte, schauten sie ihre Schwester nur verwundert an. Sie konnten sich darunter nicht viel vorstellen. Sie hörten ihr zu, wenn sie von ihren Streifzügen durch den Stall erzählte, vom Geruch des Strohs und von den grossen Pferden, bei denen es immer so warm war. Manchmal war Mimi sehr traurig, denn sie vermisste die Freiheit, aus der man sie in geschlossene Räume verbannt hatte.
 
Der Winter war kalt und lang und Mimi war froh, dass sie ein warmes und trockenes Plätzchen hatte. Minusch und Kora waren lieb zu ihrer kleinen Schwester, doch sie konnten ihre Sehnsucht nicht verstehen. Hier gab es doch alles, was sich ein Katzenherz wünschte - Futter, Streicheleinheiten und an kalten Tagen einen Platz auf der Heizung.
 
Im Frühsommer legten sich die drei Katzen auf den Balkontisch, streckten die Nase in die Luft und liessen die ersten warmen Sonnenstrahlen tief in ihr Fell eindringen. Bald würde es heiss werden, der Sommer war nahe. Blütenduft drang durch das halbgeschlossene Fenster und machte Mimi halb wahnsinnig. Die Tigerkatze wusste, dass es noch mehr gab auf dieser Welt. Sie war in Freiheit geboren und wollte dorthin zurück. Oft beobachtete sie ihre Menschen, wenn sie kamen oder gingen und versuchte mehrmals, durch ihre Beine hindurch in die Freiheit zu gelangen. Wie oft hatte man sie schon am Kragen gepackt und wieder vom Flur in die Wohnung zurückbefördert. Man glaubte, dies sei lediglich das Spiel einer jungen Katze und machte sich keine Gedanken darüber, ob das Kätzchen zufrieden oder traurig war.
 
Wenn es Nacht wurde, legten sich ihre Menschen schlafen. Dann setzte sich Mimi ans Fenster und schaute hinaus. Sie sah am Himmel unzählig viele Sterne, ab und zu mal die Lichter eines Flugzeuges. Wenn der Mond hoch oben am Himmel stand, wurde die Umgebung von einer trüben Helligkeit umgeben. Jetzt konnte sie die anderen Häuser erkennen und die dahinterliegenden Felder. Ob es in den Häusern da noch andere eingesperrte Katzen gab? Wenn sie alleine war, träumte sie oft von saftigen Wiesen und weinte leise vor sich hin. Sie wollte nicht undankbar sein, war ihren Menschen für das gute Plätzchen ja dankbar. Doch in ihrem Herzen wuchs die Unruhe, sie wollte zurück in die Natur.
 
Je älter sie wurde, desto schlimmer wurde dieses Gefühl. In ihr wuchs ein unbeschreiblicher Drang nach draussen. Sie streckte ihre Nase in den Fensterspalt des Kippfensters und zog den Windzug tief in sich ein. Ihre Lunge füllte sich mit den langersehnten Düften der Natur, die Nasenflügel zitterten sanft, als sie das frischgeschnittene Gras roch. Eines Tages verweigerte sie das Futter. Stattdessen schrie sie aus Leibeskräften. Ihre Menschen wussten nicht, was mit der kleinen Katze los war. Sie hatten keine Erklärung für das eigenartige Benehmen. Als sie auch am darauf folgenden und am dritten Tag das Essen verweigerte, machte man sich Sorgen. Man wollte sie zum Arzt bringen. Vielleicht wusste er Rat.
 
Mimi wusste, dass dies ihre einzige Chance war. Sie kannte den Transportkorb, in den sie bei solchen Gelegenheiten gesetzt wurde. Sie wusste, dass der Riegel nie richtig geschlossen war und schmiedete einen teuflischen Plan. Sie würde niemandem verraten, was sie vorhatte, verabschiedete sich aber in Gedanken von ihrem Heim und ihren Geschwistern. Dann wartete sie ab, bis ihr Mensch sie in den Korb setzte und nach draussen trug.
 
Ueber sich sah sie den blauen Himmel und die grelle Sonne, die warm auf den Korb schien. Durch die zahlreichen Oeffnungen sah sie ihr Ziel - die Felder. Als ihr Mensch sie kurz abstellte, um die Autotüre aufzuschliessen, stemmte sie sich mit aller Wucht gegen die Türe der Transportkiste. Der Riegel war wie immer nur leicht geschlossen und sprang bei der kleinsten Belastung auf. So geschah es auch heute und Mimi sah sich innert Sekunden in Freiheit. Sie rannte davon, schaute nicht nach links und rechts. Sie wollte weg, weit weg von ihrem Menschen, zurück in die Freiheit. Ihr Mensch stand wie gelähmt da und sah nur noch Mimis Schwanz, als sie in gestrecktem Lauf um die Ecke wetzte. Alles Rufen und Bitten nützte nichts, Mimi rannte um ihr Leben, der Freiheit entgegen. Sie versteckte sich im nahe gelegenen Gartenhaus und wartete die Nacht ab. Sie hörte noch stundenlang das Rufen ihres Herrchens, doch ihr Instinkt war stärker. Der Ruf nach Freiheit war grösser.
 
Als der Mond am Himmel stand, machte sie sich auf den Weg. Sie kannte sich hier aus, denn sie hatte nächtelang die Umgebung beobachtet. Sie wusste, dass es unweit Ställe gab, in denen man sich verstecken konnte. In den nächsten Tagen lebte sie von Feldmäusen, die es in Hülle und Fülle gab. Ihre Mutter hatte ihr damals gezeigt, wie man sich auf die Lauer legte und seine Beute selber erlegte. Jetzt war sie auf sich selbst gestellt, ihr Plan hatte funktioniert. Sie war frei.
 
Es dauerte keine zwei Tage und ein grosser roter Kater gesellte sich zu ihr. Erst schaute er sie verwundert an, beschnupperte die Neue und nahm sie sofort auf. Sie wurden sehr gute Freunde und Mimi verspürte ein neues Gefühl. Sie verliebte sich in diesen stämmigen und etwas ungehobelten Kerl. Das Leben zu zweit war wunderschön. Sie streiften zusammen durch die Felder, legten sich an nassen Tagen auf die Strohballen, die im Stall aufgetürmt waren. Sie liebten sich sehr und Mimi leckte ihm oft das Gesicht und die Ohren bis er klatsch nass war. Mit dieser Gesichtswäsche zeigte sie ihm ihre Zuneigung, ihre junge Liebe.
 
Der Kater lebte schon lange in diesem Stall und bekam vom Bauern oft Essensreste oder Käseabschnitte. Es gab genug zu fressen, um beide Mäuler zu stopfen. Zudem war die Jagd zu zweit viel unterhaltsamer und erfolgreicher.
 
Obwohl Mimi in Freiheit lebte, war sie noch immer sehr unruhig. Sie konnte sich dieses Gefühl nicht erklären, denn sie wusste ja nicht, was Rolligkeit war. Nach drei Wochen liess die Unruhe nach und stattdessen zog ein friedliches Gefühl in ihr hoch. Sie lebte mit ihrem Roten in trauter Gemeinsamkeit. Als der Sommer kam, veränderte sich Mimi erneut. Aus der kleinen Tigerkatze wurde eine runde gefrässige Katze. Ihr Appetit war unersättlich, ihr Bauch wurde dick und rund. Es war nicht mehr einfach, mit dem Roten auf die Jagd zu gehen. Ihre Beine waren schwer geworden, sie hatte unheimlich an Gewicht zugelegt. Wenn sie tagsüber auf den Strohballen im Schatten lag, spürte sie sanfte Bewegungen in ihrem Bauch. Kleine Füsse trampelten in ihr herum. Nun wusste sie es, sie würde Mutter werden.
 
Sie freute sich ungemein und wollte ihre Menschen, die es doch eigentlich gut mit ihr gemeint hatten, an ihrem Glück teilhaben lassen. So machte sie sich eines Tages auf den Heimweg. Als sie vor ihrem Heim ankam, setzte sie sich in den Garten und wartete auf die abendliche Heimkehr ihrer Menschen. Als sie Schritte hörte, lief sie zu ihrem Frauchen hin und miaute ihr voller Freude zu. Statt einer freudigen Begrüssung, kam ein schrilles „oh mein Gott“ zurück. Ihr Frauchen hatte ihren kugelrunden Bauch entdeckt und wusste, was das zu bedeuten hatte. Sie wollte von Mimi nach all den Geschehnissen und der aktuellen Lage nichts mehr wissen und stiess sie mit den Füssen weg.
 
Mimi schlich sich durch die Vorgärten und suchte Unterschlupf, denn ein warmer Sommerregen kündigte sich an. In einem benachbarten Bürogebäude gab es einen gedeckten Vorplatz, wo man sich hinlegen konnte. Sie war traurig und hatte grossen Hunger. Sie rollte sich ein, hörte den ersten Regentropfen zu und schlief allmählich ein. Eine Passantin entdeckte Mimi, die dort lag und leise schluchzte. Sie war eine grosse Tierfreundin und hatte Mitleid mit dem kleinen Wesen, das einen sehr struppigen und ungepflegten Eindruck machte. Mimi sah nicht so aus, als habe sie ein schönes Zuhause. Sie entschloss sich kurzerhand, Mimi zu sich nach Hause mitzunehmen.
 
Mimi war müde und liess alles mit sich geschehen, Hauptsache, sie bekam was zu futtern und konnte sich in Ruhe ausschlafen. Natürlich konnte sie nicht ahnen, dass es dort noch andere Katzen gab, die mit der Ankunft von Mimi überhaupt nicht einverstanden waren. Mit dem gefüllten Futternapf hatte sie keinerlei Probleme, diesen leerte sie in Windeseile. Doch mit den zwei anderen Katzen gab es Streit. Sie wollten sich mit Mimi nicht anfreunden, waren eifersüchtig auf sie. Die Tierfreundin erlebte eine schlimme Nacht, in der sich die Katzen anfauchten, anknurrten und attackierten. Sie musste einsehen, dass dies keine Lösung war und entschloss sich schweren Herzens, Mimi wieder auszusetzen.
 
Sie setzte sie wieder dorthin, wo sie sie am Vorabend mitgenommen hatte und wollte davongehen. Doch ihr Gewissen liess das nicht zu. Sie schaute auf Mimi, die ruhig dort sass und sie mit ihren schönen grossen Augen ansah. Sie erkannte das Flehen in diesem Blick. Nein, sie konnte doch dieses Tier nicht einfach im Stich lassen. Ihre Vernunft kam in Konflikt mit ihrer Katzenseele. Sie musste einen Ausweg finden. Deshalb trug sie Mimi ins Büro und setzte sie in Tinas Büro, die noch nicht anwesend war.
 
Als Tina die Treppe hoch kam, wurde sie gleich informiert, dass man eine zugelaufene Katze aufgenommen habe und diese in ihrem Büro sässe. Dies war noch kein Unglück für Tina, denn sie war eine erfahrene Katzenhalterin. Sicher würde man den Besitzer finden oder mindestens eine Bleibe für Mimi.
 
Zaghaft öffnete sie ihre Bürotüre, um die Katze nicht zu erschrecken. Erst sah sie niemanden, doch dann entdeckte sie Mimi, die unter der Heizung hockte. Sie rief der Tigerkatze, wollte sie von Nahem betrachten. Mimi erkannte in Tinas Stimme, dass diese Frau es gut mit ihr meinte. Sie erhob sich schwerfällig und ging auf Tina zu, die fast einen Schock bekam, als sie Mimis dicken Bauch sah. Was sollte sie denn mit einer hochträchtigen Katze anfangen? Es gab sicher niemanden, der diese Katze bei sich aufnehmen würde! Nun war auch Tina ratlos. Sie setzte Mimi auf den breiten Fenstersims, damit sie aus dem Fenster schauen konnte und versuchte ihr Glück, für Mimi eine Bleibe zu finden.
 
Sie informierte sämtliche Aemter, Tierheime, Tierärzte und Tierfundstellen, dass hier eine Tigerkatze auf ihren Besitzer wartete. Erwartungsgemäss gab es nirgendwo eine Vermisstmeldung, Mimi wurde anscheinend von niemandem gesucht. Es begann ein Rennen mit der Zeit. Tina konnte Mimi nicht zu sich nach Hause nehmen. Sie hatte keinen Platz mehr für einen Neuankömmling, schon gar nicht für eine Katze, die bald Junge bekäme. Ihre anderen Katzen würden Amok laufen, das wusste sie genau. Sie rief sämtliche Bekannten und Freunde an und gab ihren Notruf weiter, leider ohne Erfolg. Niemand wollte Mimi, es war sehr traurig. Im Büro konnte sie die werdende Mutter auch nicht lassen, also musste sie bis Feierabend eine Lösung finden.
 
In Tinas Team arbeitete auch Sandra. Sie war vor wenigen Wochen in eine neue Wohnung gezogen. Sandra hatte ein Herz für Tiere, war selber begeisterte Reiterin und stolze Besitzerin eines eigenen Pferdes, das auf dem Hof ihrer Eltern lebte. Als Sandra die runde Kätzin betrachtete und von den Misserfolgen hörte beim Auffinden von Mimis Menschen, hörte sie auf ihr Herz. Sie bot Mimi eine Bleibe an, mindestens so lange, wie sie auf Sandras Hilfe angewiesen war.
 
Am gleichen Abend wurde Mimi in Sandras Wohnung gebracht. Tina brachte ein Katzenklo, ein Katzenkörbchen und eine grosse Menge Futter dorthin, damit es Mimi schön habe. Mimi war vollkommen erschöpft und legte sich dankbar auf das weiche Kissen. Hoffentlich durfte sie hier bleiben, dachte sie. Jetzt war ihr egal, dass sie nicht nach draussen durfte. Sie wollte hier bleiben bei Sandra, denn sie spürte, dass sie gut zu ihr war. Sie wusste, dass der Tag der Geburt nahte.
 
So verbrachte sie eine schöne Zeit mit Sandra und ihrem Freund. Beide mochten die kleine Tigerkatze, die jeden Tag an Gewicht zulegte. Ihr Bauch wurde noch dicker und praller, doch Sandra wusste ja nicht, wie lange es noch dauern sollte, bis Mimi ihren Nachwuchs bekam. Sie kannte sich mit trächtigen Katzen aus, hatte selber schon mal eine umsorgt. Sie stellte eine Wurfkiste hin, in der Mimi ihre Jungen zur Welt bringen konnte. Sie hoffte sehr, dass sie dieses Angebot annahm und nicht wie andere Hauskatzen ihre Babies im Fuss des Kleiderschrankes oder auf dem Bett des Frauchens zur Welt bringen würde. Sie beobachtete Mimis Verhalten genau und wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde.
 
Auch Sandras Freunde hatten Spass an Mimi, die ihnen stolz ihren dicken Bauch zeigte. Manchmal legte sie sich auf den Rücken und liess sich von Sandra kraulen. Sandra spürte an Mimis Pfoten, dass sie nicht lange draussen gelebt hatte. Ihre Fussballen waren zart wie Samt, ein Zeichen dafür, dass es sich hier um eine Wohnungskatze handelte. Sie vermutete richtig, dass die Besitzer die Katze nicht sterilisieren hatten und sie dann aussetzten, als sie trächtig nach Hause kam. Auch bei Sandra gab es einen Balkon im Hochparterre, von dem aus man leicht hätte runter springen können. Kein Problem für eine ausgewachsene Katze. Doch Mimi genoss es, bei Sandra zu sein. Sie wollte nicht weg. Sie blieb auf dem Balkon sitzen und schaute in die Gärten. Der Duft von frischgeschnittenem Gras drang ihr erneut in die Nase, doch Mimis Drang nach Freiheit war gering. Sie spürte nur noch Frieden in sich und die sanften Bewegungen in ihrem Bauch.
 
Eines Tages wurde Sandra unsanft aus dem Schlaf gerüttelt. Mimi verhielt sich unruhig und miaute eigenartig. Sie wollte unbedingt zu Sandra ins Bett. „Oh nein, nicht in meinem Bett“ gab ihr Sandra zu verstehen und setzte sie sofort in die Wurfkiste. Die ganze Nacht hindurch wurde Sandra immer wieder geweckt durch das leise Miauen ihrer Katze. Als Sandra am Morgen nach Mimi sah, lag diese schlafend in ihrem Korb. Es schien falscher Alarm gewesen zu sei, also machte sie sich auf den Weg zur Arbeit.
 
Wie erstaunt war Sandra allerdings, als sie gegen Mittag nach Hause kam und von Mimi sehr eigenartig begrüsst wurde. Sie gab noch nie gehörte Laute von sich. Mimi legte sich in die Wurfkiste und rief nach Sandra, die noch immer im Flur stand. Als Sandra ihr folgte und sich neben die Katze auf den Fussboden setzte, ging es los. Mimi presste ein Kätzchen nach dem anderen aus ihrem Körper. Obwohl ihr niemand gezeigt hatte, wie man Kinder auf die Welt setzt, machte Mimi ihre Sache vorbildlich. Wenn ein Kätzchen da war, durchbiss sie die Nabelschnur und leckte das Kleine trocken. Und schon kam das nächste zur Welt. Innerhalb von 90 Minuten waren es sechs, alle gesund und wohlauf. Mimi war stolz und erschöpft. Sie zeigte Sandra ihre Jungen und leckte ihr die Hand als wollte sie sagen:„Danke für alles, was du für mich und meine Kinder gemacht hast“. Sandra rief sofort ihre Arbeitskolleginnen an und teilte ihnen mit, dass Mimi nun Mutter von sechs Kätzchen war.
 
Tina kam ein paar Tage später, um Mimi zu gratulieren und die Kleinen zu sehen. Sie hatte noch nie zuvor so junge Katzenbabies gesehen. Mimi liess es sogar zu, dass Tina sie auf die Hand nahm, was nicht selbstverständlich ist.
 
Mimi und ihre Katzenfamilie verbrachten viele Wochen bei Sandra. Sie lernten von ihrer Mutter alles, was sie für ihr Leben brauchten, auch wenn sie nicht nach draussen konnten.
 Manchmal ging es toll her in Sandras Wohnung. Diese war nicht allzugross und die jungen Katzen tobten wie verrückt durch die Zimmer. Tina hatte ihnen einen Katzenbaum gebracht, auf den sie hochklettern konnten. Sie wetzten ihre Krallen, schleppten eine Unmenge von Fellmäusen durch die Wohnung. Mimi war eine sehr gute Mutter und liebte ihre Kinder wahnsinnig. Sie erinnerten sie an den Roten, mit dem sie eine Zeitlang zusammengelebt hatte. Sie glichen ihm sehr, waren genau gleich getigert wie ihr Vater.
 
Sandra liess die Familie viele Wochen zusammen, so lange, bis Mimi ihre Rasselbande abstiess. Das ist nötig bei jungen Katzen, damit sie ihren eigenen Weg gehen, ohne ständig am Schwanzzipfel der Mutter zu hängen. Als die Babies 12 Wochen alt waren, kamen Freunde von Sandra und suchten sich ein Kätzchen aus. Bis auf zwei Babies kamen alle an ein schönes Plätzchen. Mimi durfte zwei ihrer Babies behalten und aus der grossen Katzenfamilie wurde eine dreiköpfige.
Was die ehemaligen Besitzer von Mimi unterlassen hatten, holte Sandra nun nach. Sie liess Mimi sterilisieren, damit sie nicht gleich wieder Junge bekam. Noch längere Zeit blieb die Katzenfamilie zusammen. Die Katzenmutter war Sandra dankbar für alles, doch konnte sie ihre Sehnsucht nach saftig grünen Feldern vor Sandra nicht verbergen. Sie sah Mimi zu, wenn sie auf dem Balkontisch sass und ihren Blick durch die Gärten schweifen liess. Manchmal schaute Mimi zu ihr hoch mit einem sehnsüchtigen Blick. Sandra entschloss sich schweren Herzens, für Mimi ein neues Plätzchen zu suchen. Sie sollte dort leben, wo es ihr gefiel, wo sie hingehörte - in die Natur.
 
Sandras Eltern führten an einer abgelegenen Stelle, mitten in der freien Natur, eine Gaststätte. Dem Restaurant angeschlossen lagen die Pferdeställe, in dem auch Sandras Pferd untergebracht war. Dorthin fuhr Sandra eines Tages mit Mimi. Sie brachte die Katzenmutter zu ihren Eltern, da sie dort Freigang hatte und ein Leben führen konnte, wie sie es sich erträumt hatte. Sandras Eltern waren sehr lieb zu dieser Tigerkatze. Sie durfte bei ihnen ein- und ausgehen. An schönen Sommertagen verbrachte sie die meiste Zeit in den Feldern, an lauen Herbstabenden im Stall bei Sandras Pferd. Wie sie den Duft von Stroh und Pferden liebte! Dies war das Leben, von dem sie geträumt hatte.
 
An Regentagen war sie unheimlich faul und blieb am liebsten daheim. Dann legte sie sich auf die Holzbank im Restaurant und schlummerte vor sich hin. Es ging nicht lange und sie war bei den Stammgästen bekannt. Sie genoss es, wenn man ihr ein Häppchen hinhielt und sie streichelte. Sie wusste genau, dass sie nicht auf den Tisch klettern durfte, doch auf der Bank legte man ihr ein Kissen hin, auf dem sie sich ausruhen konnte. Mimi führte das Leben einer Prinzessin, wurde von allen geliebt, umsorgt und war dennoch frei. Sie hatte ihre Freiheit gesucht und sie bei Sandra und ihren Eltern gefunden.
 
In vielen Bergrestaurants oder abgelegenen Gaststätten gibt es Katzen wie Mimi, die im Hinterhof mit Küchenabfällen gefüttert werden. Doch eine Katze wie Mimi gibt es nur einmal, sie hat immer gewusst was sie wollte und für ihre Freiheit hartes Lehrgeld bezahlt. Heute ist sie glücklich, lebt wie die Prinzessin auf der Erbse. Wenn Sie bei einer Wanderung in einem Restaurant Halt machen, schauen Sie sich genau um. Vielleicht entdecken Sie Mimi, die auf der Ofenbank liegt und ihr Leben geniesst.
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