Mausi - Luskas Bücher

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Mausi

Buch 6
Es waren bereits drei Wochen vergangen und noch immer wohnten die Drei hoch oben in den Baumwipfeln. An einem schönen Frühlingsmorgen rüttelte es kräftig an den Stämmen des Hochsitzes. Turnten die beiden Katzen wieder herum? Waren die nicht auf die Jagd gegangen? Mausi drehte sich langsam um und rollte sich erneut ein. Sie wollte noch nicht aufstehen, noch war es viel zu früh für eine alte Katzendame wie sie. Deshalb sah sie den Förster auch nicht, wie er die Sprossen hoch kletterte und plötzlich neben der Tigerkatze stand. Er war gross und grün gekleidet. Auf seinem Kopf trug er einen Filzhut. Um seine Schulter baumelte ein Gewehr.

Er schaute verwundert auf die Katze, die vor ihm lag und schlief. Mausi schreckte aus ihrem Halbschlaf auf, als sie ihn mit seinem Gewehr plötzlich neben sich sah und wollte blitzschnell aufstehen. Dabei musste sie ja wieder auf ihr verletztes Bein stehen. Vor lauter Schreck achtete sie nicht darauf und ein starker Stich durchfuhr sie. Sie schrie leise auf und kippte um. Der Förster stand noch immer da und staunte nicht schlecht. Da oben wohnte ein Tier, das er bisher noch nie gesehen hatte. Dem Kot nach zu schliessen, lebte sie schon länger hier. Natürlich hatte er in diesem Waldstück schon Katzen gesehen, doch diese hatten sich noch nie auf seinen Hochsitz verirrt. Was war denn hier los? Es war ihm keineswegs entgangen, dass die Katze verletzt war. Er hatte genau gesehen, wie sie nach dem kühnen Sprung wieder umgefallen war. Er setzte sich hin und sprach leise mit ihr. Sie hatte zwar Angst, doch eine Wildkatze hätte sich anders verhalten. Sie blieb sitzen und schaute ihn an. Ihre Ohren bewegten sich langsam in seine Richtung. Er sprach mit seiner sanften, tiefen Stimme. "Was ist denn, kleine Katze? Hast du dich verletzt?" Mausi drückte sich dicht an die Wand, machte sich so klein als möglich. Er näherte sich der Tigerkatze und hielt ihr seine Hand hin, damit sie an ihm schnuppern konnte. Er wusste nicht, wie sie reagieren würde. Verletzte Tiere darf man nicht unterschätzen. Er war auf alles gefasst, auch dass sie ihn vielleicht kratzen oder beissen würde. Nichts dergleichen passierte. Sie schnurrte ganz leise, wenn auch ihre Pupillen weit geöffnet waren und sie furchtbare Angst hatte. Er streichelte sie über den Kopf und nutzte die Gelegenheit, um mit seiner Hand die dünne Katze abzutasten. Sie liess alles mit sich geschehen. Erst als seine Finger ihren Hinterlauf berührten, fauchte sie. "Aha, hier ist die wunde Stelle", dachte der Förster.
Er würde dem Tier helfen, das war ja klar. Er hob Mausi auf und legte sie in seine Tasche, die er immer mit sich trug. Er würde sie mit nach Hause nehmen zu seiner Familie. Dort wollte er sich um das Tier kümmern. Mausi liess alles mit sich geschehen. Sie spürte, dass Frank ein guter Mensch war, der ihr helfen würde. Es war Wochen her, seitdem sie das letzte Mal von einem Menschen gestreichelt worden war. Sie genoss es. Wenig später lag sie in Franks Tasche und wurde getragen. Durch einen Schlitz konnte sie nach draussen schielen. Sie sah Beauty und Shumba, die am Feldrand sassen und auf Beute lauerten. Von weitem rief sie ihnen zu "Macht's gut, Freunde, und vielen Dank für Euren Einsatz. Bald wird es mir gut gehen, davon bin ich überzeugt." Shumba und Beauty waren etwas verwirrt, als sie die bekannte Stimme hörten, die nun aus der Tasche des Försters kam. Er hatte ihr Versteck entdeckt. Nun mussten auch sie sich eine neue Bleibe suchen. Sie folgten dem Förster auf Schritt und Tritt, liessen ihn nicht mehr aus den Augen. Wohin würde er Mausi bringen? Sie wollten wissen, was mit Mausi geschehen würde. Trotzdem mussten sie aufpassen, dass er sie nicht entdecken würde.
Sie folgten ihm fast eine Stunde lang, denn Frank wohnte einige Kilometer entfernt in einem kleinen Holzhaus am Waldrand. Hier lebte er mit seiner Frau und den Kindern. Dania, ein 10jähriges Mädchen, war strohblond. Ihre Locken ringelten sich um ihr wunderschönes Gesicht und verliehen ihr das Aussehen eines kleinen Engels. Der kleine Bruder, Martin, war sieben Jahre alt und ganz der Papa. Er hatte glattes, braunes Haar und die dunklen Augen seines Vaters. Franks Frau, Julia, war ebenso blond wie Dania. Sie trug ihr langes Haar meist geflochten. Auch heute hatte sie es zu einem Bauernzopf zusammen gebunden. Die Försterfamilie lebte schon seit vielen Jahren hier, etwas einsam, sagten manche. Doch ihnen gefiel das wilde und ruhige Leben in der schönen Natur. Wenn sie Lust auf Gesellschaft hatten, luden sie Freunde ein oder fuhren mit dem Auto in die nächste Ortschaft. Es fehlte ihnen an nichts. Sie waren eine glückliche, kleine Familie.

Etwas erstaunt waren sie aber schon, als Frank heute viel früher als erwartet nach Hause kam. Was war denn passiert? Sie sahen ihn schon von weitem, wie er langsam den Weg entlang ging. Er trug etwas auf den Armen. Dania und Martin rannten ihm entgegen. Frank hielt den Finger an den Mund. "Psst, schön ruhig." Die Kinder wussten, dass etwas nicht stimmte. Sie schauten auf die Tasche, die Frank in den Armen hielt. Darin war etwas, das sich bewegte. Sie waren sehr gespannt und begleiteten ihren Vater ins Haus.
Als Frank die Tasche öffnete, sahen sie Mausi. Sie lag zusammengerollt und staunte nicht schlecht, als gleich vier Augenpaare zu ihr runter schauten. "Ich habe sie im Wald gefunden, auf meinem Hochsitz", erklärte Frank seiner Familie. "Sie muss verletzt sein." Für die Kinder und Julia war es ganz klar, dass man einem verletzten Tier helfen musste. Julia holte eine warme Decke aus der Kammer und formte daraus ein Liegekörbchen. Sie legten Mausi hinein. Diese liess sich alles ohne Widerrede gefallen. Sie spürte genau, dass hier Menschen lebten, die ihr helfen würden. Dania ging in die Küche und holte eine Schale Milch. Sie verdünnte diese mit etwas Wasser und stellte es Mausi hin. Daneben platzierte sie ein Stückchen Wurst,
das sie noch im Eisschrank gefunden hatte. Mausi war dem kleinen blonden Mädchen dankbar für das Mahl. Sie setzte sich auf und streckte ihre Rosazunge in die kühle Milch. So lecker, so gut! Sie schlabberte alles auf, leckte das letzte Tröpfchen weg aus der kleinen Schale. Dann frass sie ganz gierig das Stückchen Wurst auf. Die ganze Familie sass am Tisch und schaute Mausi zu, wie sie alles verschlang. Was war wohl passiert? Mausi war bestimmt kein wildes Tier, das stand fest. Doch wie war sie auf den Hochsitz gekommen?

Noch am gleichen Tag brachte Frank die Katzendame zum Tierarzt. Sie hatte eine Verletzung am Hinterlauf, das hatte er schon bemerkt, doch dort liess sie sich nicht anfassen. Und helfen konnte er ihr nur, wenn man sie auch behandeln konnte. Der Tierarzt wunderte sich auch, als ihm Frank erzählte, wo er die Tigerdame gefunden hatte. Er stellte sie etwas ruhig, damit er das Bein genauer untersuchen konnte. Ja, es war gebrochen gewesen, das konnte er bestätigen. Allerdings war dies keine ganz neue Wunde, denn der Knochen war schon fast wieder zusammengewachsen. Die Bruchstelle war noch sehr empfindlich, doch machen musste man nichts mehr. Die Heilung war schon recht fortgeschritten. Das Bein würde mit der Zeit von alleine heilen. Man könnte der Katze nun mindestens Schmerzmittel geben, damit sie nicht noch mehr leiden musste. Bestimmt hatte sie in den letzten Wochen viel durchgemacht. Erstaunlich war zudem, dass sie noch recht gut genährt war. Wie war das möglich? Der Bruch war bestimmt drei bis vier Wochen alt. Auf dem Hochsitz gab es keinerlei Futter. Mit dem gebrochenen Bein konnte sie auch garantiert nicht runter geklettert sein. Wie konnte sie sich trotzdem so gut ernährt haben? Es gab einige Rätsel um die alte Tigerkatze.

Bevor der Tierarzt Frank die Katze wieder zurückgab, nahm er sie noch in die Patientenkartei auf. Man musste ihr einen Namen geben und das Alter schätzen. Sie war schon recht alt, das war auf Grund des Gebisses und der gebrechlichen Statur klar. Trotzdem war sie ein gepflegtes Tier, das ausser dem gebrochenen Bein keinerlei Blessuren oder Krankheiten aufwies. Wurde sie denn nirgendwo vermisst? Eigentlich kannte der Tierarzt alle Haustiere der Umgebung und hatte auch nichts davon gehört, dass irgendwo eine Tigerkatze vermisst wurde. Sicherheitshalber hielt er noch das Chip-Lesegerät an ihren Hals. Er staunte nicht schlecht, als das Gerät einen Piepston von sich gab und auf dem Display eine lange Nummer erschien. "Uppss, das hätte ich nicht erwartet". Das Tier trug einen Chip. Dank dieser Nummer konnte man nun den Besitzer ausfindig machen.Frank brachte die Katzendame zurück in sein Waldhaus, wo ihn die Familie schon sehnsüchtig erwartet hatte. In seinem Gepäck brachte er Medikamente und Futter mit. Mausi sollte es schon bald besser gehen. Sie bekam nun Schmerzmittel und Aufbaufutter. Die Kinder freuten sich sehr, dass Mausi nun bei ihnen wohnen durfte. Natürlich wusste Frank vom Chip, den der Tierarzt gefunden hatte. Bald würde man den Besitzer finden und die Katze zurückgeben müssen. Doch bis dahin durfte die Tigerin bei ihnen bleiben. Er wollte mit offenen Karten spielen und erzählte seiner Familie sofort, dass Mausi nur vorübergehend bei ihnen bleiben dürfe. Sobald die Zentrale die Anschrift des Besitzers übermittelt, würde er sich mit diesen Leuten in Verbindung setzen und Mausi zurückbringen.

Vor der Blockhütte sassen Beauty und Shumba. Durch das hell erleuchtete Fenster sahen sie den weich gepolsterten Liegekorb, in dem Mausi lag. Sie wurde von den Kindern gestreichelt und umsorgt. Sie schnurrten durch das geschlossene Fenster ihrer Freundin zu. Mausi hörte ihre Freunde und schnurrte zurück. Beauty und Shumba wussten, dass es ihrer Freundin nun gut ging und dass sie ein gutes Heim gefunden hatte, wo man sich um sie kümmerte. Sie hatten noch einen weiten Weg vor sich, den Weg nach Hause, HEIMWÄRTS. Sie schielten hinauf zum Mond, der ihnen die Richtung weisen würde, und schlenderten in Richtung Höhle davon. Sie wollten Aramis und seinen Katzen erzählen, was sie heute erlebt hatten.

Am nächsten Tag erhielt die Försterfamilie eine äusserst eigenartige Nachricht. Die Tiermeldezentrale hatte sich gemeldet. Die Chipnummer gehörte zu einer Katze, die in der Nähe von Basel wohnte. Basel lag westlich und war von hier etwa 250 km entfernt. Wie war so was möglich? Wie kam Mausi hierher? Sie hatten eine Telefon-Nummer erhalten, doch niemand meldete sich. Frank versuchte jeden Tag mehrfach, die Familie zu erreichen, hatte aber keinen Erfolg. Dann setzte er sich hin und schrieb einen Brief an die Besitzer der Katzendame. Es war seine Pflicht, die vermisste Katze zu melden und dem Halter mitzuteilen, dass es dem Tier wieder besser ging.
Der Brief erreichte wenige Tage später sein Ziel. Dort blieb er, mit vielen anderen Briefen, auf einem hohen Papierstapel liegen. Niemand öffnete die Post, denn die Angeschriebenen lagen noch immer im Spital. Sie hatten vor vier Wochen einen Autounfall gehabt und waren noch immer bettlägerig. Zwar hatten beide Verunglückten den Unfall überlebt, doch waren die Brüche und Wunden noch nicht ganz verheilt. Thomas konnte bereits an Krücken durchs Krankenhaus gehen, Ina hingegen war noch immer ans Bett gefesselt. Ihre vielen Brüche mussten in mehreren Operationen mit Schrauben zusammengeflickt werden. Sie erholte sich viel langsamer von der schrecklichsten Nacht ihres Lebens. Dazu kam ihr schlechter psychischer Zustand. Sie hatte den Unfall verursacht und fühlte sich schuldig. Ein paar ihrer Tiere mussten wegen ihr sterben. Sie weinte viel.
Sie dachte immer wieder an die Tiere, die in ihren Transportboxen keine Chance hatten. Beim Unfall waren sie einfach aus dem Kofferraum geschleudert worden. Ein Teil der Boxen war aufgesprungen und die Tiere waren entwichen. Andere Kisten blieben unversehrt, lediglich etwas verformt. Diese Katzen konnte man retten. Sie wurden in ein Tierheim gebracht, wo sie bis zur Genesung der Besitzer bleiben durften. Auch ihre treue Boder-Collie-Hündin war mit dem Schrecken davon gekommen, hatte man ihr erzählt. Sie durfte mit den anderen Tieren vorerst ins Tierheim. Dort fühlte sie sich aber überhaupt nicht wohl. Sie bellte den ganzen Tag und verweigerte das Futter. Lena, die sonst so sanftmütige Hündin, knurrte alle an, die ihr zu nahe kamen. Im Tierheim fühlte sie sich einsam und verlassen. Sie wollte weg von dort. Sie hasste die Gitterstäbe und das harte Bett. Auf den Spaziergängen musste man sie angeleint lassen, denn die Pfleger wussten genau, dass Lena sonst abhauen würde. Dann fand man eine Pflegefamilie für sie. Sie durfte endlich das Tierheim verlassen. Die Familie war ganz nett. Sie wollten sich um den Hund kümmern, bis die Besitzer aus dem Spital zurück waren. Sie hatten selbst zwei Labradorhunde und wollten Lena einen guten Dienst erweisen. Bei ihnen konnte die Hundedame den ganzen Tag im Garten liegen. Mehrmals täglich durfte sie mit ihren zwei neuen Freunden spazieren gehen. Seit sie hier lebte, hatte das Knurren aufgehört. Hier gefiel es ihr, im Kreise der lieben Pflegeeltern und der anderen Hunde. Und bald schon wäre sie wieder daheim bei Thomas und Ina.

Ina lag im Bett und weinte wieder einmal. Ihre Augen waren geschwollen, schon fast leer geweint. Beim Unfall waren auch zwei von ihren Zuchtkatzen gestorben. Und sie war schuld daran. Sie konnte es sich nicht verzeihen. Ausgerechnet sie hatte zwei Tiere getötet. Schon wieder kullerten ihr die Tränen runter.

Und dann fehlten noch einige Katzen. Sie waren ausgebüxt, nachdem sie sich aus ihren Boxen befreit hatten. Es gab zwar keine Meldungen, dass eine Katze überfahren worden war, also konnte sie davon ausgehen, dass sie das Areal verlassen konnten. Doch was sollte aus diesen Tieren werden? Sie waren ganz allein und weit weg von daheim. Ina war trauriger denn je. Sie konnte sich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass ihre Tiere nun hilflos waren und sie ihnen von hier aus nicht helfen konnte. Je länger sie hier im Spital war, desto schwieriger würde es werden, nach den Katzen zu suchen. Und dabei wusste sie genau, dass ihre schöne Lillifee schon bald werfen würde. Es war einfach schrecklich. Wieso hatte sie nicht aufgepasst? Hätte sie auf die Strasse geachtet, statt am Radioknopf rum hantiert, wäre das alles nicht passiert. Niemand wusste, wie es in ihrem Herzen aussah. Sie fühlte sich elend und schuldig. Immer wieder sah sie die Bilder vor sich, wie ihr Auto ins Schleudern geraten war. Nachts hörte sie immer wieder die Schreie der Tiere, als sie von der Laderampe geschleudert wurden. Sie würde nie mehr glücklich werden. Sie war schuld am Tode ihrer geliebten Vierbeiner.

Thomas wusste, was in seiner Frau vorging. Auch er litt unter der Vorstellung, dass die vermissten Katzen umher irrten. Ihre Tiere waren edle Katzen, denen es stets gut gegangen war. Sie hatten sich um nichts kümmern müssen. Ihnen wurde das leckere Futter mehrmals täglich vorgesetzt. Sie durften in seidenen Kissen liegen und das Leben einfach nur geniessen. Manchmal wurden sie an Ausstellungen gebracht, denn Thomas und Ina betrieben eine Katzenzucht. Um die Anerkennung als Züchter zu erhalten, mussten sie eine gewisse Anzahl Ausstellungen besuchen. Sie nahmen meist viele ihrer Tiere mit. Einige verkauften sie dann direkt vor Ort. Sie hatten grossen Erfolg mit ihren Samtpfoten, denn ihre Katzen waren nicht nur gesund, sondern auch besonders schön. Sie züchteten verschiedene Rassen, weshalb sie auch immer eine grosse Anzahl Tiere mitnahmen. Dieses Mal fand die Ausstellung in Oesterreich statt. Zwar war der Weg von Basel nach Feldkirch weit, doch Ina und Thomas wollten an dieser internationalen Ausstellung unbedingt teilnehmen. Sie war das Highlight für Katzenliebhaber. Eigentlich war alles super gelaufen. Sie hatten zwei Preise gewonnen und waren mit ihrem Erfolg sehr zufrieden. Sie wurden für ihre Tiere gelobt. Die Zuschauer und Richter wollten Katzen jeden Alters sehen, also nahmen sie nebst den ausgewachsenen auch immer noch ein bis zwei Jungtiere mit.

Dann gab es noch Mausi. Sie war alles andere als eine Zuchtkatze. Sie war die älteste im Team und eine normale Hauskatze. Mausi lebte schon viele Jahre mit Thomas und Ina, schon damals, als die beiden noch keine Zucht betrieben. Mit ihrer ruhigen Art konnte sie die anderen Tiere beruhigen, die vor den Ausstellungen oft sehr aufgebracht waren. Wenn Mausi sich zu ihnen gesellte, wurde die Katzenfamilie ruhig. Deshalb nahmen Thomas und Ina die alte Tigerkatze auch immer mit, wenn sie auf Ausstellungen fuhren. Auch Mausi war verschwunden, das hatten sie vernommen. Sie hofften sehr, dass Mausi sich um die anderen kümmern würde. Sie war sich Freigang gewohnt. Daheim durfte sie raus, ganz anders als die meisten der anderen Katzen. Diese mussten drin bleiben. Einzelne konnten ab und zu in den gesicherten Garten hinaus. Mausi hingegen konnte sich vollkommen frei bewegen. Sie liebte es, die Umgebung zu inspizieren und die Nachbarschaft zu besuchen. Sie war eine Freigängerin und kannte die Gefahren, die überall lauerten. Ina setzte grosse Hoffnung in Mausi und ihren natürlichen Ueberlebensinstinkt.

Drei Wochen später wurde Thomas aus dem Krankenhaus entlassen. Seine Wunden waren so weit geheilt, dass er nach Hause konnte. Ina brauchte noch eine längere Behandlung. Noch immer war ihr Gemütszustand besorgniserregend. Ihre Brüche waren so weit geheilt, dass sie langsam wieder gehen konnte. Sie brauchte zwar noch jeden Tag Geh- und Wasser-Therapie. Trotzdem gab es keinen Grund, sie noch länger in dieser Klinik zu behalten. Als Thomas nach Hause fuhr, wurde Ina in ein Krankenhaus überführt, das in ihrer Wohngegend lag. Dort würde man ihr die Pflege bieten können, die sie noch brauchte. Und so war sie nicht von ihrem Mann getrennt. Er konnte sie besuchen, wann immer er wollte.

Erst als Thomas wieder das erste Mal im Hausflur stand, wurde ihm erst bewusst, was in den letzten Wochen passiert war und wie lange er von daheim weg gewesen war. Er sah den Berg Zeitungen und Briefe, der sich hinter dem Briefschlitz aufgetürmt hatte. Mit dem Fuss schob er den Stapel zur Seite. In der ganzen Wohnung roch es sehr unangenehm. Niemand hatte sich um die Katzenklos gekümmert, währenddem er weg war. Er riss alle Fenster auf und holte einen Müllsack. Nun würde er hier erst einmal für Ordnung sorgen. Er putzte alle Katzentoiletten, die einen üblen Geruch verursachten. Dann öffnete er den Kühlschrank und warf alles weg, was in den letzten Wochen verkommen war.

Daraufhin machte er einen Rundgang durch das Haus. Wie leer alles war, wie ruhig. Nirgendwo ein Miauen oder Fauchen. Er sah die leeren Kuschelhöhlen und Liegekissen. Es gab kein Leben in diesem Haus, alles war ruhig, totenstill. Seine Nichte hatte die Daheimgebliebenen Tiere zu sich genommen, nachdem sie vom Unfall erfahren hatte. Zu ihr würde er als erstes fahren. Wie freute er sich doch auf seine Katzen.
Am nächsten Morgen ging es los. Sie wohnte nur einige Kilometer entfernt in einem Bauernhaus. Je näher er kam, desto unruhiger wurde er. Nie hätte er gedacht, dass er sich so auf das Wiedersehen freuen würde. Simone war glücklich, als sie ihren Onkel sah, der recht gut genesen war. In den ersten Tagen nach dem Unfall wusste niemand genau, was passiert war und ob das Ehepaar durchkommen würde. Sie nahm ihn in die Arme und drückte ihn fest an sich. Noch während er seine Nichte in den Armen hielt, entdeckte er sie, seine wunderschönen Samtpfoten, die er so lange vermisst hatte. Sie standen hinter Simone und beobachteten die freudige Begrüssung der beiden. Als er ihren Namen rief, stellten sie ihren Schwanz hoch und kamen zu ihm geeilt. Er kniete nieder und nahm sie in die Arme. Wie er sie doch vermisst hatte. Da waren sie alle kerngesund und wunderschön. Er hatte sie wochenlang nicht gesehen und war glücklich, dass sie unversehrt waren. Simone hatte sich sehr gut um sie gekümmert, wenn sie auch nicht viel Erfahrung mit Katzen hatte. Simone wusste genau, dass es ihrem Onkel und ihrer Tante sehr schlecht ging. Es war für die Beiden beruhigend, dass Simone sich um die Daheimgebliebenen kümmern wollte.
Nun hiess es Abschied nehmen vom Pflegeplatz. Simone half ihrem Onkel, die Tiere in die Transportboxen zu setzen. Als er eine Boxe nach der anderen ins Auto hob, überkam ihn ein mulmiges Gefühl. Er sah plötzlich wieder die Bilder der Unfallnacht vor sich, ein Auto voller Katzenkisten. Er hörte das Wimmern der verletzten Tiere. Für einen Moment war er total blockiert. Wenn nur nichts passieren würde! Er musste sich zusammen nehmen und langsam nach Hause fahren. Simone begleitete ihn. Sie wollte den Einzug ins alte und neue Heim miterleben.

Für die Tiere waren die zweimonatigen Ferien zu Ende, so dachten sie mindestens. Sie waren froh, wieder in der alten Umgebung zu sein. Etwas erstaunt waren sie allerdings schon, dass die anderen Katzen nicht hier waren. Sie schauten in allen Liegekörben und Mulden nach - nichts. Jetzt durften sie sich ihren Liegeplatz aus einem grossen Angebot aussuchen, auch etwas Positives. Simone hockte inmitten der Katzenschar und streichelte sie. Auch wenn sie es nicht zugeben wollte, waren ihr die Katzen ans Herz gewachsen. Sie überlegte sich bereits ernsthaft, ob sie sich nicht selber eine Samtpfote zulegen wollte. Aber sie wusste genau, dass sie nun Abschied nehmen musste. Thomas war seiner Nichte sehr dankbar, dass sie ohne Wenn und Aber eingesprungen war. Er drückte sie noch einmal fest an sich und schaute ihr zu, wie sie langsam wegfuhr.

Dann griff er zum Hörer. Er wollte Ina sofort informieren, dass alle wohlauf und gesund waren. Sie war mindestens etwas glücklich, als sie die gute Botschaft erfuhr. Immerhin ging es den Daheimgebliebenen gut. Trotzdem überschattete ein dunkler Schleier die Heimkehr der Stubentiger. Sie redete sich gut zu. Jetzt, wo Thomas wieder daheim war und sie auf dem Weg der Besserung, würde alles gut werden.

Erst drei Tage später kam Thomas dazu, den Papierberg zu sichten. Er sortierte alles aus, Zeitungen, Werbung, Rechnungen und Briefe. Unglaublich, was sich in wenigen Wochen alles ansammelt. Sein Blick fiel auf einen Brief aus der Ostschweiz. Eigentlich kannte er dort niemanden, schon gar keinen Frank. Er öffnete den Umschlag und fand das Schreiben von Frank und seiner Familie vor. Sie berichteten ihm von Mausi, wie sie sie auf dem Hochsitz verletzt gefunden hatten. Dank dem Mikrochip konnten sie herausfinden, wo Mausi wohnte. Sie baten ihn, sich sofort mit ihnen in Verbindung zu setzen. Der Brief war fast vier Wochen alt.

Thomas traute seinen Augen nicht, als er die Zeilen las. Mausi auf einem Förster-Hochsitz? Er war zwar glücklich, dass man Mausi gefunden hatte, doch hatte ihm Frank auch geschrieben, dass sie verletzt war. Er wollte sofort anrufen und herausfinden, wie es seiner Seniorenkätzin ging.

Frank war froh, endlich etwas von Thomas zu hören. Er wusste ja nicht, dass dieser erst vor zwei Tagen aus dem Spital entlassen worden war. Sie telefonierten sehr lange zusammen und Frank berichtete ausführlich, wo und wie sie Mausi gefunden hatten. Der Tierarzt hatte das verletzte Tier sehr gut verarztet und Franks Familie hatten sich mit viel Liebe um die Tigerkatze gekümmert. Sie hatten sie gesund gepflegt und Mausi war in Franks Familie aufgenommen worden. In der Zwischenzeit machte sie bereits wieder kleinere Ausflüge in den Garten. Sie hinkte zwar noch leicht, doch wer es nicht wusste, wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie erst vor wenigen Wochen einen Hinterlauf gebrochen hatte und dem Tod entronnen war. Natürlich hatten sich alle aus Franks Familie gewundert, wieso man nichts von Thomas hörte. Jetzt war alles klar. Für die Kinder wird es nun schrecklich sein, dass man sich von Mausi trennen muss. Frank hatte ihnen nämlich erklärt, dass man ein Fundtier zurückgeben muss, wenn sich der Besitzer meldet. Doch insgeheim hofften sie natürlich, dass dieser Fall nicht eintreten würde. Sie hatten vorerst noch Glück, denn Thomas war erst nach Hause gekommen und musste zuerst vieles organisieren, bevor er wieder ein normales Leben führen konnte. Mausi durfte also noch ein paar Tage in Franks Familie bleiben, das stand schon einmal fest.

Beim Gespräch erfuhr Frank endlich, wieso Mausi so weit von daheim entfernt gefunden wurde. Ja, er hatte damals von diesem schrecklichen Unfall in der Zeitung gelesen, doch konnte er keine Verbindung zwischen den Geschehnissen und Mausi herstellen. Man hatte zwar geschrieben, dass ein Transport mit Zuchtkatzen verunglückt war, doch Mausi war eine alte, normale Hauskatze und so konnte er sich nicht vorstellen, dass sie aus diesem Transporter stammte. Jetzt war ihm auch klar, wo sich Mausi die Verletzungen zugezogen hatte. Je länger er sich das überlegte, desto sicherer war er, dass Mausi das allein nicht geschafft hatte. Irgend jemand oder irgend etwas musste der alten Dame geholfen haben. Aber gesehen hatte er niemanden. Und jetzt, Wochen später, würde auch niemand mehr dort sein. Trotzdem machte er sich sofort auf den Weg zum Hochsitz. Er wollte nochmals Ausschau halten, ob er nicht doch noch eine der anderen Katzen entdecken würde.

Doch Frank wurde nicht fündig. Shumba und Beauty hatten sich, nachdem sie gesehen hatten, dass Mausi versorgt wurde, auf den Weg gemacht. Sie gingen zur Katzengruppe, die noch immer in der Höhle wohnte. Zusammen wollten sie sich auf den Heimweg machen. Für Mausi war gesorgt, jetzt mussten sie sich um den Rest der Familie kümmern.
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