Der Unfall 6 - Luskas Bücher

Direkt zum Seiteninhalt

Der Unfall 6

Buch 2
Emsy war nur halbwach. Die Schmerzmittel wirkten. Dennoch musste er etwas lächeln, als er an all diese Erlebnisse dachte. Er war eben ein total verrückter Kerl.

So wie man Emsy ins Tüz brachte, fuhr auch Tina von der Arbeitsstelle los. Sie wollte mit den Aerzten sprechen, wollte ihren Rat. Dort angekommen, lag Emsy noch halb betäubt auf dem Behandlungstisch. Nun sah sie seine Wunden. Er sah kärglich aus mit seinem eingebunden Bein und seinem verdrehten Becken. Er sah sie an, flehte sie mit halbgeöffneten Augen an. Er bettelte um sein Leben.

Auch dieser Arzt stellte fest, dass die Verletzungen schwerster Natur waren. Allerdings hatte er ein bisschen weniger Bedenken als der erste Tierarzt. Emsy war ein kräftiger und gesunder Kerl ohne irgendwelche anderen Leiden. Sein Herz war in Ordnung, sein Kopf unversehrt. Wenn die Nerven und die Blase intakt waren, wollte man es mit einer Operation versuchen. Als Emsy diese Worte hörte, pochte sein Herz ganz wild. Auch Tinas Puls ging allmählich langsamer. Hoffnung schwebte im Raum. Man wollte Emsy über die Nacht beobachten und - falls möglich - am nächsten Tag operieren. Allerdings musste der Arzt Tina darauf aufmerksam machen, dass eine solche Operation Stunden dauern würde und auch entsprechend teuer sei. Tina war auf vieles gefasst, doch der Betrag, den man ihr nannte, riss ihr fast die Füsse unter den Beinen weg. Ja, nun würde sie halt auf die Ferien verzichten, wenn Emsy nur leben könnte. Als sie Emsys Augen sah, mit denen er sein Frauchen flehend ansah, war ihre Entscheidung absolut klar. Sie willigte zur Operation ein. Danach verabschiedete sie sich von ihrem Freund und ging voller Hoffnung nach Hause.

Die Freundinnen bei der Firma DPD waren überglücklich, als sie von der guten Nachricht hörten. Dennoch wussten auch sie, dass die Gefahr noch nicht gebannt war. Noch konnte vieles schief gehen.

In dieser Nacht dachten viele Menschen an den kleinen Emsy, der im Tüz auf seine Operation wartete. Tina konnte kaum schlafen, dachte immer wieder an die schönen Momente, die ihr Emsy beschert hatte. Seit langer Zeit betete sie wieder einmal und sandte Franz von Assisi, dem Beschützer der Tiere, eine Nachricht. Er solle doch seine schützenden Hände über ihren Emsy legen. Sie war überzeugt, dass ihr Gebet erhört werden würde.

Auch Tanja, Bettina, Carola, Jasmine und die anderen DPD-Freunde hatten eine unruhige Nacht. Auch sie weinten, wenn sie daran dachten, dass Emsy die Operation vielleicht nicht überstehen würde. Doch in allen schwebte Hoffnung. Sie glaubten an die Gerechtigkeit. Emsy hatte niemandem was zuleide getan, hatte den Menschen bisher nur Freude gebracht mit seiner anhänglichen und anschmiegsamen Art. Manchmal nannten sie ihn „Emsy den Jäger“ oder „Emsy die Schlafmütze“, nun nannten sie ihn „Emsy den Kämpfer“ und wünschten ihm viel Kraft. All ihre Gedanken waren bei ihm.
Am nächsten Tag herrschte bei Tina und auch im Büro der DPD grosse Anspannung. Die Frauen arbeiteten ruhig. Man sprach kaum miteinander. Es lag ein Knistern in der Luft, alles war anders als sonst. Das Körbchen, in dem Emsy sich normalerweise räkelte, stand leer. Jedes Mal wenn man am leeren Futternapf vorbei ging, spürte man, dass etwas fehlte. Es war kalt. Jede hatte Angst, doch keine sagte was. Man sprach nicht darüber, obwohl man in Gedanken bei ihm war. Es dauerte lange, fast unendlich lange. Die Zeiger der Uhr bewegten sich viel zu langsam. Noch immer keine Nachricht aus dem Tüz. Was das wohl zu bedeuten hatte?

Im Tüz hatte Emsy die Nacht gut überstanden. Gott sei Dank waren Nerven und Blase in Ordnung. Nun wurde alles für die Operation vorbereitet. Emsy wurde in einen tiefen Schlaf gelegt, denn die Operation würde zwei bis drei Stunden dauern. Da lag er nun, halb geschoren, auf dem Operationstisch und wartete auf ein Wunder. Die Narkose war tatsächlich sehr stark und für einen Moment dachte Emsy, dass es nun vorbei sei. In seinem Tiefschlaf fühlte er sich schmerzfrei. Er spürte seine kaputten Glieder nicht mehr. Stattdessen sah er einen Lichtstrahl, auf den er zulief. Vor ihm lag die Pforte zum Katzenhimmel. Er war in den letzten Tagen schon mehrmals durch diese Pforte gegangen. So schritt er auch heute in den Garten Eden.

Er schlenderte wie letztes Mal über die Felder, schnupperte an den duftenden Blumen und begrüsste die Anwesenden. Da sah er Shila, die schon auf ihn wartete. Sie zeigte ihm ihre Freunde, stellte ihn ihrem Katzenpapi Simon vor. Man lud ihn zum Essen ein und bot ihm ein warmes, weiches Liegebett an. Alle waren lieb zu ihm. Er war hier willkommen. Es war tatsächlich ein Paradies. Hier lebten alle Tiere friedlich zusammen. Manchmal entdeckte man ein verliebtes Paar, das sich auf der Wiese zusammenrollte. Nirgendwo hörte man Katzen streiten, niemand fauchte seinen Rivalen an. Katerkämpfe waren verboten, es gab genug Platz für alle und niemand musste sein Revier verteidigen.

Nachdem Emsy sich satt gegessen und etwas geschlafen hatte, ging er mit Shila auf Entdeckungstour. Sie zeigte ihm den kleinen Bach hinter dem Kornfeld und das kleine Waldstück, in dem es viele Schattenplätze gab. Dahinter lag eine alte Stadt aus der römischen Epoche. Es war eine Art Geisterstadt. Die leerstehenden Häuser waren halb zusammengestürzt. Uebriggebliebene Mauern und halbhohe Tempelsäulen ragten gespenstisch zum Himmel. Es gab riesengrosse Felsbrocken, die überall verstreut auf dem Feld lagen. Darauf schliefen Katzen in allen Farben, die sich sonnten. In einem kleinen halbzerfallenen Raum tobten junge Katzenbabies mit ihrer Mutter herum. Es war ein ein friedliches Treiben.

Als sich Emsy mit Shila ins Gras legte, spürte er einen kleinen Schnitt. Irgendetwas hatte ihn in die Hüfte geschnitten. Ob er sich an einem Grashalm geschnitten hatte? Er drehte sich um und kontrollierte seine Flanken. Nichts. Er musste sich getäuscht haben.

Shila schmiegte sich dicht an ihn. Sie war stolz und glücklich, dass Emsy sie im Katzenhimmel besucht hatte. Nun wollte er noch mehr von ihr wissen. Sie sollte ihm von den Freunden hier erzählen. Sie schnurrte ihm ins Ohr, erklärte ihm, wie es im Katzenhimmel zuging. Ihre Stimme wirkte sehr beruhigend. Was sie da erzählte, war wunderschön, Nun wusste er, dass es nicht schlimm war, wenn man die Erde verlassen musste.

Da kam ihm plötzlich etwas in den Sinn. Vielleicht konnte er Tina helfen. Er wusste, dass sie ein grosses Problem hatte. Sie machte sich grosse Vorwürfe wegen Wulli, lebte seit vielen Monaten mit der Angst, versagt zu haben. Sie war sich fast sicher, dass Wulli tot war, gestorben, weil sie nicht gut genug auf sie aufgepasst hatte. Emsy wusste, er musste Wulli suchen. Er erzählte Shila von seinem Vorhaben. Sie wollte ihm helfen.

Zusammen durchsuchten sie den ganzen Katzenhimmel. Sie durchwühlten jeden Korb, untersuchten jeden Stall und öffneten  jeden Schrank. Sie fragten alle Katzen, die sie trafen, ob jemand Wulli kannte. Alle schüttelten nur den Kopf, keiner konnte sich an eine so wunderschöne Katze erinnern. Auch mit der genauen Beschreibung, die Emsy abgab, konnte niemand etwas anfangen. Nun gab es nur noch eine Möglichkeit, das Himmelsfenster. Shila führte Emsy zurück zum Himmelstor. Direkt daneben gab es ein Fenster, durch das man auf die Welt hinunter blicken konnte. Wenn Wulli also nicht im Katzenhimmel war, musste das Tier noch auf der Erde sein. Ihre Pupillen weiteten sich, als sie auf die Erdkugel herunter blickten. Sie riefen Wullis Namen, beobachteten jede Katzenbewegung auf der Erde. Ihr Ruf schallte vom Himmel hinunter. Etliche Samtpfoten gaben ihnen Antwort, doch Wullis Stimme war nicht dabei. Die Katzen der Erde sprachen miteinander. Sie gaben die himmlische Suchmeldung weiter, von Kontinent zu Kontinent, von Land zu Land, von Stadt zu Stadt und von Tier zu Tier. Auf der Erde war es Nacht geworden und die Menschen hörten wie in jeder lauen Sommernacht das grosse Katzengejammer. In unbewohnten Gegenden ist der Ruf der Katzen besonders gut zu hören. Jeder von uns ist schon mal aufgewacht, wenn die Katzen draussen verrückt gespielt haben. So war es auch in dieser Nacht. In den Häusern sah man das Licht angehen. Viele streckten noch halb verschlafen ihren Kopf aus dem Fenster oder drückten ihre Nase ans Glas, um herauszufinden, was in dieser Nacht draussen los war. Die Menschen wussten allerdings nicht, dass die Tiere kommunizierten, einem himmlischen Befehl folgten.
Da plötzlich, in einem kleinen Land, das Schweiz hiess, ganz hinten im letzten Haus am Waldesrand stellte eine Langhaarkatze ihre Ohren. Wurde sie gesucht? Jemand hatte doch ihren Namen gerufen? Sie setzte sich auf, horchte nochmals ganz konzentriert in die Nacht. Dann räkelte sie sich, streckte sich in ihrer vollen Länge aus. Sie lief aus dem Haus in die dunkle Nacht. Dort richtete sie ihren Blick zum Himmel. Es war eine klare Vollmondnacht und der Mondschein erhellte die sonst so dunkle Gegend. Ihre kleinen Ohren richteten sich zum Himmel, bewegten sich vorwärts und zurück. Sie drehten sich wie ein Peilsender in die Richtung, aus der man ihren Namen gerufen hatte. Ja, man rief sie. Jemand suchte sie. Diesen Ton kannte sie doch! Diese tiefe Katerstimme hatte sie schon einmal gehört vor nicht allzu langer Zeit. Aber zu wem sie gehörte, kam ihr nicht in den Sinn. Denn im letzten Jahr hatte sie so viele neue Gesichter und Katzen gesehen. Aber sie war sich sicher, dass sie diese Stimme kannte. Für einen Moment liess sie die Geschehnisse der letzten zwei Jahre wie einen Film durchlaufen. Irgendwo in dieser Zeit war ihr dieser Ruf schon einmal begegnet. Dann plötzlich wusste sie es. Ja, es war Emsy, der sie suchte. „MIAU MIAU, hallo Emsy, hier bin ich!“ rief sie ganz aufgeregt zum Himmel hoch. Und blitzartig wurde es ruhig auf der Erde. Das Katzengejammer verstummte augenblicklich, eine fast unheimliche Ruhe kehrte auf der Erde ein. Die Menschen zogen sich in ihre Betten zurück, die Katzen setzten ihre nächtliche Jagd fort.

Emsys Herz schlug höher, als er das weitentfernte Miauen vernahm. Nun konnte er Tina beruhigen, ihr eine gute Nachricht überbringen. Wulli lebte und war kerngesund. Er sah die noch immer schöne Langhaarkatze, wie sie im kleinen Tal vor dem Haus sass und zum Himmel schaute. Wo war sie nur so lange gewesen?
Zurück zum Seiteninhalt