Kleines Paradies in der Wildnis - Luskas Bücher

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Kleines Paradies in der Wildnis

Buch 6
Die heimkehrenden Katzen wussten nichts von Trovis Tod. Ihre Reise führte sie ununterbrochen weiter. Sie verliessen das Flussufer nicht. Am Rande dieses Flusses fühlten sie sich sicher. In den letzten Monaten hatten sie die Erfahrung gemacht, dass es dem Fluss entlang Wohnhäuser und Industrien gab. Dort bekamen sie meist etwas zu fressen. Zudem konnten sie ihren Durst im kühlen Nass stillen.

Seit sie Trovi begegnet waren, führte der Weg wieder gegen Süden. Natürlich hofften sie, dass sie sich nicht getäuscht hatten, dass sie irgendwann Bekanntes entdecken würden. Doch die Gegend war für sie absolut neu. Auch verstanden sie kaum etwas, wenn sie Menschen sprechen hörten. Noch immer waren sie in der Nordost-Schweiz, weit ab von dem, was sie kannten.
 
Sie hielten inne, hörten plötzlich ein tosendes Geräusch. Ueberall spritzte Wasser hoch. Das ganze Ufer war wie in Nebel gehüllt. Je weiter sie marschierten, desto lauter wurde das Toben. Sie verlangsamten ihr Tempo und blieben auf einem grossen Stein stehen. Der Boden vibrierte. Dann sahen sie durch die Gischt hinab ins Tal. Vor lauter Schreck blieben sie wie angewurzelt stehen. Der Fluss mündete hier in einen meterhohen Wasserfall. Das Wasser suchte sich einen relativ schmalen Weg über die Steine und schoss als gebündelter Strahl ins Tal hinunter. Unten angekommen, schlug es tosend auf die Steine. Es bildete sich eine meterhohe Dunstwand. Das Ufer war klitschnass. Die Katzen mussten gut aufpassen, dass sie auf dem Moos nicht ausrutschten.

Sie verliessen den Uferpfad und suchten sich einen sicheren Weg hinunter. Plötzlich standen sie mitten in einem kleinen Gartenareal. Es gab hier kleine Wege, die im Zick-Zack vom oberen Eingang ins Tal hinunter führten. Unterwegs waren Plattformen angebracht, von welchen die Besucher den Rheinfall betrachten konnten. Auch hier war es von der Gischt total nass und glitschig. Die Katzen hassten Wasser und fanden diesen Weg gefährlich und schrecklich. Trotzdem mussten sie diesen Pfad ins Tal nehmen. Sie begegneten nur wenigen Menschen, alle in Plastikmäntel gewickelt. Die meisten von ihnen waren mit einem Fotoapparat ausgerüstet. Sie konnten nicht genug davon bekommen, dieses natürliche Schauspiel im Bild festzuhalten. Unterhalten konnten sie sich kaum, denn der Wasserfall war so laut, dass man hätte schreien müssen.
Am Fusse des Rheinfalls gab es einen kleinen Imbissstand, wo auch Souvenirs verkauft wurden. Vermutlich hätten sie hier ein paar Leckerbissen gefunden. Doch die Katzen wollten hier trotzdem nicht verweilen. Es war ihnen einfach zu nass. Dennoch waren sie froh, dass sie den Abstieg auf relativ einfache Weise geschafft hatten. Sie konnten die Treppen und Wege benutzen, die man hier für die Besucher angelegt hatte. Die Touristen hatten ihre Blicke auf den Rheinfall gerichtet, und niemand beachtete die kleine zwanzigbeinige Gruppe, die sich nach unten schlich.

Als sie weiterzogen hörten sie hinter sich noch immer den tobenden Wasserfall. Allmählich wurde der Lärm geringer und auch der Fluss hatte sich beruhigt. Er zog langsam in schlängelnder Linie durch die grüne Gegend.

Dann, nach zwei Wochen Fussmarsch, machte der Fluss wieder eine Wende. Jetzt schlängelte sich das nasse Etwas wieder gegen Westen. Auf der Seite, auf der die Katzen ihren Heimweg suchten, war die Gegend flach und stark bebaut. Wenn sie hingegen nach Deutschland hinüber schauten, sahen sie weite Felder. Im Hintergrund konnten sie Berge und hohe Tannen entdecken. Eigentlich wären sie gerne in die Wälder auf der anderen Seite gegangen, doch ihr Ziel lag auf dieser Flussseite. Es gab zalhreiche Brücken, die diese beiden Länder verbanden. Hier leben verschiedene Staatsangehörige dicht beieinander, kaum vorstellbar, dass sie durch eine Landesgrenze getrennt sind.

Die meiste Zeit führte eine grosse Hauptstrasse dem Fluss entlang. Da mussten die Katzen gut aufpassen, denn hier drohte Gefahr. Es war eine Schnellstrasse. Sie sahen die Autos in unheimlicher Geschwindigkeit an ihnen vorbei rasen.

Weiter hinten bog die Strasse vom Fluss weg und die Gruppe befand sich in einem kleinen Waldstück. Hier herrschte unendliche Ruhe. Die Stille war schon fast beängstigend. Die Tiere verlangsamten ihr Tempo und schickten ihren Anführer voraus, die Lage zu erkunden. Wieder einmal war es Shumba, der die Nase vorn hatte. Er befahl den anderen, sich unter einem Gebüsch zu verstecken und zu warten.

Langsam schlich er den kleinen Weg entlang, der zu einem grossen Tor führte. Zwar war das ganze Areal mit einem dichten Drahtgeflecht eingezäunt, doch das Tor stand weit offen. Für Shumba war dies eine Einladung. Er versteckte sich hinter der Hecke und schaute um die Ecke. Hatte er sich getäuscht oder war soeben eine Katze vorbei gerauscht?
Auf leisen Pfoten schlich er weiter, bog um die Ecke und stand plötzlich mitten im stillgelegten Industrieareal. Es verschlug ihm den Atem, als er sich etwas genauer umsah. Hier hatten vor langer Zeit sicher viele Menschen gearbeitet. Ihre Rohstoffe und Produkte hatten sie in winzigen Häusern untergebracht. Es waren etliche kleine Bunker, aus Beton gebaut und kreuz und quer im Areal verteilt. Die Schilder, die kaum mehr lesbar waren, wiesen darauf hin, dass hier Explosionsgefahr drohte.

Doch diese Zeit war längst vorbei. Die Dynamitfabrik war schon vor vielen Jahren still gelegt worden. Die Arbeiten waren eingestellt und das Areal geräumt. Trotzdem wurde das Gelände nicht neu überbaut. Man wollte es so lassen, wie es damals errichtet worden war. Die Fabrikbesitzer wussten von der Schönheit dieses Plätzchens Erde. Auch jetzt, wo die ursprünglichen Firmeninhaber nicht mehr lebten, beliess man alles, wie man es damals verlassen hatte. Viele Jahre ging niemand hierher. Das Tor war verriegelt und die Leute hatten noch immer Angst, dass etwas in die Luft fliegen könnte. Die Stadt hatte sich mit den Erben geeinigt, dass man das Areal natürlich belassen wollte, nur wollte man sicherstellen muss, dass für Passanten keinerlei Gefahr drohte.
Vor fünf Jahren wurden einzelne Häuser, die ehemaligen Dynamitlager, vermietet. Künstler und kleine Handwerksbetriebe waren eingezogen. Sogar ein Verein hatte eines der Häuser als Clubhaus gemietet. Zwischen den einzelnen Häusern gab es fette Wiesen, in denen sich Käfer und Insekten tummelten. Mitten drin ein alter Brunnen und daneben ein kleiner Teich. So weit das Auge reichte, standen riesengrosse Nadelbäume. Sie mussten Jahrzehnte alt sein. Mit ihren Ausläufern überwucherten sie die kleinen Häuser. Man hatte den Eindruck, die Häuser würden sich unter den Tannen verstecken. Alles war grün und saftig. Wo die Sonne zwischen den alten Tannen hindurch schien, glaubte man, im Paradies zu sein.

Shumba rannte zurück zu seinen Freunden. "Kommt, das müsst ihr sehen". Wenige Minuten später standen sie da, wo eben Shumba seinen Augen nicht getraut hatte. Es ging ihnen genau gleich. So etwas hätten sie nicht erwartet. Und heute war Sonntag. Niemand arbeitete. Zu hören war lediglich das Plätschern des kleines Bächleins, das den Teich speiste.
Sie überquerten das Areal, schauten sich jedes der Häuser genau an. Sie waren sich alle ähnlich, kleine Betonbauten ohne Fenster oder mit ganz winzigen Lichtnischen. Die Mieter hatten sie sich nach ihren Bedürfnissen eingerichtet und zum Teil liebevoll bemalt. An manchen Gebäuden hingen kleine Schilder "Atelier zum Wald" oder "Steinarbeiten Meier". Ein Steinmetz hatte sich hier eingemietet. Vor seinem Haus standen wuchtige Steinbrocken, die noch unbearbeitet waren. Neben seiner Hütte lagerten die fertigen Produkte, Steinbrunnen und Figuren. Für ihn war diese Idylle der ideale Platz zum Arbeiten. Hier konnte er kreativ sein und hatte genug Platz, um seine Kunstwerke zu lagern. Auch störte sich niemand daran, wenn er seine Steine manchmal lautstark in Form zwang.

Ein schmaler Weg führte in ein kleines Tal hinein, das hinter dem letzten Haus begann. Weiter hinten sahen sie einen flachen Hügel. Hier war das Tal vermutlich zu Ende. Sie gingen weiter und entdeckten mitten in der Wiese eine Katze, die einer Maus auflauerte. Als sie die Gruppe sah, rannte sie weg. Sie sahen sie in einem Haus verschwinden.

Dieses Wochenendhaus war das letzte Gebäude in diesem Tal. Ein Zaun trennte die Wildnis vom sauber gepflegten Garten ab. Die Mieter dieses Häuschens legten grossen Wert auf eine saubere, liebevolle Umgebung. Es war das einzige Holzhaus in diesem Tal, weit ab von den Menschen. Man sah, dass es erst kürzlich gestrichen worden war.
Die Bewohner hatten sich einen kleinen Garten eingerichtet, in dem Gemüse und Salat wuchs. Sie hielten ihr Gärtchen frei von Unkraut, viel Arbeit steckte dahinter. Das restliche Areal, das eingezäunt war, war mit Rasen versehen. Mitten drin stand ein Kirschbaum. Unter seinen weiten Aesten konnte man im Sommer gemütlich sitzen und das Leben geniessen. Deshalb hatten sie dort eine Gartenbank hingestellt und eine Grillstelle errichtet. Es war schon erstaunlich, wie gepflegt sie ihr "Hexenhäuschen" hielten. Dies war nicht einfach, denn draussen, ausserhalb des Zaunes, wucherte die Natur. Sie hatten viel Zeit investiert, um dies zu erschaffen und zu erhalten. Sie kamen jedes Wochenende hierher, um hier, mitten in der Natur, ein paar ruhige Stunden zu verbringen. Unter der Woche wohnten sie in der Stadt. Sie hatten die Hektik satt. Am Wochenende genossen sie den Frieden und die Ruhe, die hier herrschten.
Die Katzen waren irritiert von der Sauberkeit dieses Häuschens und seiner Umgebung. Wo war er denn jetzt, der Kater, der eben noch auf der Lauer gelegen hatte? Ihre Augen suchten jeden Winkel ab. Dann entdeckten sie ihn. Er sass neben dem Haus auf einem Stapel Holz. Von oben herab betrachtete er die Katzen, die mitten im Feld standen und etwas verwundert die Umgebung erkundeten. "Hallo", begrüsste er sie, "wohl fremd hier?" Sie krochen unter dem Zaun hindurch und gingen auf ihn zu. "Ja, sind auf der Durchreise. Weisst du, wo es etwas zu futtern gibt?" "Klar", sagte er "müsst nur zurück. Unter dem ersten Haus gibt es eine Futterstelle, da gibt es reichlich. Viel Glück und tschüss."

Das liessen sie sich nicht zwei Mal sagen. Ob er wohl die Wahrheit gesagt hatte oder sie einfach loswerden wollte? Sie marschierten zurück, vorbei an den kleinen Häusern, ihrer Nase nach in Richtung Haus Nummer Eins. Und siehe da, er hatte nicht gelogen. Unter dem ersten Haus befand sich tatsächlich eine Futterstelle. Und nicht nur das, unter diesem Häuschen standen zahlreiche Häuschen und Betten. Alle waren ausgelegt mit Wolldecken und Tüchern. Es roch nach Katze, doch keine war zu sehen.

Die Futternäpfe waren noch halb voll. Endlich etwas zu futtern. Jetzt merkten sie erst, wie hungrig sie waren. Es war schon zwei Tage her, seitdem sie das letzte Mal etwas zu fressen hatten. Und jetzt so was! Es war ja wie im Paradies. Höhlen, Betten und gefüllte Futterschüsseln. Sie machten sich gleich über das Fressen her. Es schmeckte exzellent, ein wahres Festmahl. Seit Monaten hatten sie kein echtes Katzenfutter mehr gehabt und hier stand es für sie bereit, als hätte man sie erwartet.

Sie frassen gierig bis ihre Bäuche prallvoll waren, deswegen sie nicht bemerkt hatten, dass sie Gesellschaft bekommen hatten. Die Katzen, die hier wohnten, waren zurückgekehrt. Es hatte sich im Wald bereits herumgesprochen, dass Fremde eingetroffen waren. Mit etwas Abstand betrachteten sie die Eindringlinge, die gierig in den Töpfen herumschlabberten. Sie waren wirklich nicht von hier, man hatte sie noch nie gesehen. Doch ausgehungert sahen sie aus und müde obendrauf. Sie wollten ihnen helfen, denn hier gab es Futter in grossen Mengen. Seitdem die Fabrik geschlossen war, wurden sie von einer Katzenliebhaberin versorgt. Die Besitzer wussten von den wilden Katzen, die hier lebten. Ohne menschliche Hilfe wären sie dem Tode geweiht. Die nette Frau kam jeden Tag, ob Sommer oder Winter, und brachte ihnen Futter. Im Winter bekamen sie zusätzlich warmes Wasser. Sie hatte ihnen kleine Häuschen aufgestellt und diese mit warmen Decken gepolstert. Sie hatte ihnen Namen gegeben und sprach oft mit ihnen. Ein paar liessen sich streicheln, andere hingegen hielten auch jetzt noch - nach Jahren - einen Schutzabstand. Sie waren wild geboren und kannten den Menschen nicht.

Doch vor ihr musste niemand Angst haben. Sie war ein guter Mensch mit einem grossen Herz für Katzen. Ihre letzten Ersparnisse wurden in Katzenfutter umgesetzt, damit ihre Lieblinge etwas zu fressen hatten. Manchmal kamen auch Fremde hierher, die von den wilden Katzen der Dynamitfabrik erfahren hatten. Ab und zu brachte auch der Tierschutzverein der Region ein Auto voller Leckereien vorbei. Sie stellten Futterdosen oder Säcke mit Trockenfutter ab, damit die Frau es ihren Lieblingen auftischen konnte.

Shumba, Beauty, Aramis, Ginger und Silver konnten kaum glauben, was sie sahen und wie freundlich sie hier aufgenommen wurden. Endlich waren sie satt, ein Gefühl, das sie seit Wochen nicht mehr gekannt hatten. Nun waren sie müde geworden. Sie suchten sich einen Korb aus und legten sich schlafen. Erst jetzt wurde ihnen bewusst, wie lange sie schon unterwegs und wie müde sie waren. In der freien Wildbahn konnten sie nie ganz tief schlafen. Mit einem Ohr waren sie immer wach, um eine allfällige Gefahr sofort zu erkennen. Doch hier war es so friedlich, dass sie endlich wieder mal tief und fest schlafen konnten.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sie aus ihrem Tiefschlaf erwachten. Sie streckten sich der Länge nach aus und schauten unter dem Haus hervor. Mitten in der Wiese sass eine alte Schildpatt-Katze. Sie genoss die morgendlichen Sonnenstrahlen und stellte ihre Ohren, als sie ein Geräusch von hinten vernahm. Als sie ihnen den Kopf zudrehte, sahen sie, dass sie blind war. Trotzdem kannte sie sich hier gut aus. Sie ging auf die Fremdlinge zu und setzte sich zu ihnen. Von der Nähe aus erkannte man gut, dass sie schon länger hier lebte. Ihr Fell war stumpf und mit Blättern bedeckt. Sie war alt und vom Elend gezeichnet. Trotzdem war sie sehr gastfreundlich. "Ich habe euch schon gehört. Nehmt, was ihr braucht, es hat genug". Auch wenn sie die Neuen nicht sah, spürte sie sofort, dass sie Hilfe brauchten. Sie hatten einen monatelangen Weg hinter sich und suchten nun etwas Ruhe, um neue Energie zu schöpfen. Die Schildpatt-Katze schlenderte wieder davon, hinein in die fette Wiese, auf den Platz, auf dem sie schon vor wenigen Minuten sass. Es war mucksmäuschenstill hier, nur die Fliegen surrten umher.


Wenig später kam eine kleine Langhaarkatze aus dem Wald. Sie setze sich zur Schildpatt und horchte in die Stille. Sie schienen etwas zu verhandeln. Jedenfalls drehte sich die Graue um und ging zur Futterstelle, um ihren Hunger zu stillen. Auch sie hatte keine Angst vor Fremden. Neid und Eifersucht waren hier zwei Fremdwörter und Gastfreundschaft sehr hoch angesiedelt.

Und dann kam noch der Chef der Dynamitkatzen, ein strammer rot-weisser Kater. Er schaute nicht weniger verwundert, als er die Fünf in ihren Liegebetten vorfand. Er konnte sich noch genau daran erinnern, wie er vor vielen Jahren hierher kam. Auch er hatte eine lange Reise hinter sich und war heilfroh, endlich einen Platz gefunden zu haben, wo er sich niederlassen konnte. In ihm stiegen Erinnerungen hoch, die er schon vor langer Zeit in die Unendlichkeit hatte verbannen wollen. Jetzt, wo er die müden Augen der Neuankömmlinge sah, wusste er, dass er ihnen helfen würde.
Er drehte sich um zum Wald und miaute leise. Dann kamen sie hervor, zwei kleinere Katzendamen, die sich bis zum Okay des Chefs versteckt hielten. Sie beschnupperten die Neuen und wollten wissen, was sie hierher getrieben hatte. Shumba erzählte von ihrem Unfall und der langen Reise, die sie nach Hause führen sollte. Manchmal war er nicht sicher, ob er und seine Gefährten das schaffen würden. Jetzt, nachdem er wieder einmal ruhig und tief geschlafen hatte, spürte er erst, wie müde er war. Auch sein Fell war nicht mehr so sauber wie vor einigen Monaten. Flöhe und Zecken hatten aus dem wunderschönen Zuchtkater einen streunenden Haufen Elend gemacht. Das Glitzern in seinen Augen war erloschen, war der Angst um seine Begleiter gewichen. Doch irgendwie hatte er hier ein gutes Gefühl. Er spürte einen Frieden, wie er ihn schon seit Monaten nicht mehr gekannt hatte. War dies wohl das Ende ihrer Reise? Sollten sie hier bleiben und sich den Dynamitkatzen anschliessen? Diese Entscheidung wollte er nicht alleine treffen, schon gar nicht am ersten Tag hier. Er war zu müde, um seine Gedanken zu ordnen. Shumba kletterte zurück in seine Schlafhöhle und schlief sofort wieder ein. Er hatte viel Schlaf nachzuholen und brauchte die Kraft, die er tanken konnte.
Nicht weniger staunte die Frau, die am Nachmittag Futter zu den Dynamitkatzen brachte. Sie bückte sich, um die leeren Futterschalen hervorzunehmen. Dabei entdeckte sie den schwarzen Schwanz von Beauty. "Upps, eine Neue?" Sie kniete nieder und schaute in die Dunkelheit unter der Hütte. Da lagen die Fünf aneinander geschmiegt und schliefen. Leise nahm sie die leeren Schalen und füllte sie wieder mit frischem Futter. Hier waren Katzen eingezogen, die es vermutlich nötig hatten, etwas auszuruhen. Künftig würde sie mehr Dosen mitbringen, denn jetzt waren zehn Mäuler zu stopfen. Sie versorgte die Tiere schon seit Jahren. Ursprünglich hatten acht Katzen dort gewohnt, doch in den letzten vier Jahren waren drei von ihnen verstorben. Sie hatte sie vor einigen Jahren eingefangen und zum Tierarzt gebracht. Dieser hatte die Tiere untersucht und kastriert. Sie waren alle gesund, ausser der Schildpattdame. Ihr Augenlicht war seit langer Zeit erloschen. Da sie sich aber in der Gegend
sehr gut auskannte und trotz der Blindheit bestens zu recht kam, liess man sie bei ihren Kameraden. Alle Tiere durften zurück ins Dynamitareal. Der Tierschutz hatte eine Unterkunft eingerichtet und jemanden beauftragt, jeden Tag Futter zu bringen. Man wollte die Tiere, die seit Jahren dort lebten, nicht aus ihrem gewohnten Umfeld heraus reissen. Wichtig war aber, dass sie regelmässig Futter bekamen und sich nicht selber versorgen mussten. Dazu waren sie nicht mehr stark genug.

So lebten die Tiere in friedlicher Umgebung und bestens betreut. Sie schätzten es sehr, dass es ihnen an nichts mangelte. Im Winter brachte man ihnen noch wärmere Decken. Wenn es nicht mehr auszuhalten war, schlüpften sie durch eine loose Holzlatte in eines der kleinen Häuser. Doch jetzt war es warm, die Sonne stand schon hoch oben am Himmel. Und nun hatten sie sogar noch neue Freunde gefunden.
Die Katzen blieben ein paar Wochen im Dynamitareal. Sie halfen mit, wo immer sie konnten. Manchmal putzten sie die blinde Mimmi, so hiess die Schildpattdame und befreiten sie von den Blättern, die sich in ihrem Pelz verfangen hatten. Ihr gefiel diese Liebkosung ausserordentlich. Mit jedem Tag, den sie hier verbrachten, wurden sie kräftiger. Die Ruhe und das regelmässige Fressen hatten ihnen die Energie zurückgegeben, die sie auf ihrer langen Reise verloren hatten. Sie hatten keine Angst vor den Menschen, die sie schon von klein auf kannten. Trotzdem blieben sie stets auf Abstand, wenn die Frau zum Füttern vorbei kam.

Als sie wieder einmal am Futternapf standen und gierig frassen, nahm sie ein kleines Gerät aus der Tasche und hielt es Beauty an den Hals. "Pieps", ein kleiner Ton erschallte, und auf der Maschine erschien eine lange Nummer. Sofort notierte sie die Zahl, die von Beautys Hals stammte. Es gelang ihr nicht, sich den anderen Tieren zu nähern. Wenn sie einen Schritt vorwärts machte, machten die Katzen einen Sprung nach hinten. Es war ihr nicht möglich herauszufinden, ob auch die anderen Katzen einen Chip trugen.

Zuhause rief sie die zentrale Meldestelle an und gab Beautys Chip-Nummer durch. Verwundert griff sie zum Telefon. Die Nummer, die sie einstellte, stammte aus der Region Basel. Hier war man noch im tiefsten Aargau, weit weg von Basel.

Ina traute ihren Ohren nicht, als sie von Beautys auftauchen vernahm. Es war schon mehr als ein Jahr vergangen seit dem Unfall. Erst hatte sie noch en. Doch mit der Zeit musste sie einsehen, dass sie sich selber etwas vormachte. Bestimmt lebten sie nicht mehr und sie musste sich mit diesem schrecklichen Gedanken abfinden. Doch jetzt teilte ihr eine freundliche Stimme mit, dass man Beauty gefunden hatte. "Wie bitte, bei Zurzach? Das gibt es ja nicht". Sie verabredeten sich für den nächsten Tag. In dieser Nacht konnte sie kein Auge zu machen. Was würde sie erwarten? Die Frau hatte zwar gesagt, die Katze sähe recht gut aus. Doch würde Beauty ihr ehemaliges Frauchen wieder erkennen? Sie wälzte sich schlaflos von einer zur anderen Seite und zählte die Minuten bis es endlich so weit war.

Dann fuhr sie los. In Gedanken war sie bereits dort. Wie wird es wohl sein, wenn sie ihre Beauty wieder in die Arme schliessen könnte? Die Fahrt dauerte fast zwei Stunden. Sie hatten sich ganz in der Nähe des Dynamitareals verabredet. Ina stellte den Wagen ab und begrüsste die Frau, mit der sie gestern telefoniert hatte. Zusammen gingen sie ins Areal zu der Stelle, an der Beauty und ihre Freunde gestern noch gelegen hatten.

Inas Herz pochte bis zum Hals. Nur noch wenige Minuten und sie würde Ihre Beauty in die Arme schliessen können. Sie kniete nieder und schaute unter die Hütte. Ein glitzerndes Augenpaar war zu sehen. "Beauty", rief sie. Nichts passierte. Die Katze hatte nur kurz aufgeschaut und sich wieder zusammen gerollt. Doch Ina liess nicht locker. Sie rief immer und immer wieder Beautys Name, so lange, bis es der schlafenden Katze zu viel wurde. Sie stand behäbig auf und kroch hervor. Vor Ina stand eine Tigerkatze, dünn und verdreckt. Nein, es war nicht ihre Beauty.

Die Frau erzählte Ina von der langhaarigen Schönheit, die sich seit Wochen hier aufhielt. Der Beschreibung nach konnte es tatsächlich ihre Beauty sein. Zudem war die Chipnummer einmalig und eindeutig. Sie verbrachte zwei ganze Tage dort und wartete auf die Rückkehr ihrer Beauty. Sie beobachtete das leise Treiben im Areal und schlief die Stunden nach, die ihr nach dem Anruf entgangen waren. Sie hatte so sehr gehofft, hier ihre Beauty anzutreffen. Doch die Schöne blieb aus und liess Ina im Stich. Schweren Herzens trat sie den Heimweg an. Trotzdem war sie nun guter Hoffnung, dass Beauty noch lebte. Irgendwann würde sie bestimmt an einem anderen Ort auftauchen. Sie konnte die Tränen nicht unterdrücken, als sie sich von den Katzen und dem Dynamitareal verabschiedete.

Vier Kilometer entfernt schlenderten fünf Katzen dem Ufer entlang. Sie hatten ihre Kraft wieder gefunden. Nachdem sie sich von ihren Freunden im Dynamitareal verabschiedet hatten, machten sie sich wieder auf den Weg heimwärts.
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