Wenn die Sirene singt - Luskas Bücher

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Wenn die Sirene singt

Buch 6
Die Katzengruppe hatte keine Ahnung davon, dass Thomas und Ina kaum einhundert Kilometer von ihnen entfernt waren. Natürlich dachten sie ab und zu an Mausi, doch waren sie sich sicher, dass es der alten Katzendame gut ging.

Sie hatten sich beraten und waren zum Schluss gekommen, zur nördlichen Seite des Flusses zu wechseln. Shumba war der Chef der Gruppe und Aramis war froh darüber. Er wollte die Verantwortung nicht übernehmen. Die zwei kleinen Katzen gehorchten sowieso. Ihnen war alles egal, Hauptsache, sie wären bald wieder daheim. Die Reise schien ihnen unendlich und anstrengend. Sie hatten sich auch schon überlegt, ob sie nicht einfach stehen bleiben wollten. Doch dann überkam sie wieder die Angst. Was würde aus ihnen werden, wenn kein grosser Kater wie Shumba auf sie aufpassen würde?
Nur Silver war trotzig. Nein, er wollte nicht rüber. Er wollte unbedingt auf dieser Flussseite bleiben. Shumba verstand diesen Trotzkopf nicht, doch Silver blieb stur. In der darauf folgenden Nacht, als sich die Katzen sich wieder auf den Weg machen wollten, schlich sich Silver davon. Er ging zurück und überquerte die Brücke, dem Ruf entgegen, den er schon den ganzen Tag gehört hatte. Es war eine Sirene, die ihn über die Brücke gelockt hatte. Er folgte dem sanften Rufen. Lange musste er nicht suchen. Ihr sanftes Röhren war laut genug, Musik in seinen Ohren. Wer war sie wohl? Sie zog ihn magisch an, und er konnte ihr nicht widerstehen. Er musste sie treffen, auch wenn er dafür seine Gruppe verlassen hatte.
Er ging dem Ruf entgegen. Und dann fand er sie. Sie sass vor einem Haus auf einem Stein und schrie ins Dunkel der Nacht. Sira wohnte seit ein paar Monaten hier, in einem wunderschönen Einfamilienhaus mit angrenzendem Biotop. Hinter dem Haus gab es freie Felder so weit das Auge reichte. Wo er hinschaute Gras, Gebüsche und Bäume zum Klettern. So ein Zuhause hätte sich Silver jetzt gewünscht.

Lange war es noch nicht her, seit dem Zeitpunkt als sie vor genau dieser Haustüre stand, ein kleines, schwarzes, abgemagertes Kätzchen. Kati hatte grosses Mitleid mit ihr und gab ihr etwas Futter. Dann sollte die Katze wieder gehen, denn Kati wollte kein Haustier. Dies bedeutet, angebunden zu sein und Verantwortung zu tragen. Und dafür hatte sie weder Zeit noch Lust. Sie war erst kürzlich hierher gezogen, weg aus der lauten Stadt.
Wegen ihres Jobs war sie ständig unterwegs und selten daheim. Wie hätte sie da ein Haustier halten können? Nein, das kam ja gar nicht in Frage. Auch ihr Freund fand die Idee schlecht. Also schickte man die schöne Sira wieder weg.

Am nächsten Tag stand die Schwarze wieder dort. Mit ihren treuen, gelben Augen fixierte sie das Haus. Ihr entging nichts. Sie konnte jeden um die Pfote wickeln. Viel wollte sie ja nicht, lediglich ein warmes Plätzchen und etwas Futter. Sie sah Kati und ihren Partner in der Küche stehen. Sie sprang auf den Fenstersims und verlangte Einlass. Doch nichts passierte. Also hockte sie sich auf den Gartenstuhl und fixierte die Türe. Das Paar schielte zu ihr hinaus auf den Gartensitzplatz. Nein, heute würden sie stark bleiben und die Kleine hungern lassen! Nicht dass sie sich noch bei ihnen einschlich. Sie setzten sich ins Wohnzimmer, mit dem Rücken zum Garten, denn sie konnten nicht mehr in die schönen Augen der Schwarzen sehen. Sie spürten den bohrenden Blick in ihrem Rücken. Irgendwie verlief der Abend aber eigenartig und unruhig. Es dauerte keine Viertelstunde, als Stefan in die Küche eilte, um Mineralwasser zu holen, eine Arbeit, die normalerweise Kati verrichtete. Auch schien an diesen Abend mit Katis Blase etwas nicht zu stimmen. Sie musste ständig zur Toilette. Es war ein stetes Hin und Her. Der Krimi im Fernsehen war zwar spannend, doch keiner konnte dem Geschehen so richtig folgen. Mit den Gedanken war man abwesend.

Als Kati gegen Mitternacht schon zum fünften Mal zur Toilette musste, schlich Stefan ihr nach. Er sah sie durch den Flur eilen. Sie schielte kurz zum Wohnzimmer und bog dann ab zur Küche. Dann öffnete sie die Tür zum Garten, setzte sich auf den Boden und hielt der kleinen Schwarzen ein paar Stückchen Fleisch vor die Nase. Gott sei Dank sass sie mit dem Rücken zur Tür. Stefan schlich sich an ihr vorbei in den Garten und nahm still und leise den kleinen Teller weg, der kaum einen Meter entfernt unter dem Gartentisch stand. Diesen hatte er vor einer halben Stunde auf den Sitzplatz gestellt. Nun war er leergefegt. Nur noch ein paar Spuren Sauce liessen darauf schliessen, dass hier eine Katze rumgeschlabbert hatte. Als Kati sich umdrehte, sah sie Stefan. Er fühlte sich ertappt wie ein Lausejunge nach einem Streich. Eine Röte stieg in sein Gesicht. In seiner rechten Hand hielt er den leeren Teller. Sie schauten sich in die Augen. Dann mussten beide wie auf Kommando lachen. Sie nahmen sich in die Arme und drückten sich. Ihr Verstand sagte nein, ihr Herz jedoch ja. Wahrscheinlich war es einfach Schicksal. Seit diesem Abend war Sira hier Stammgast.

Kati und Stefan waren sich aber schon bewusst, dass sie erst nach dem Besitzer der schönen Katzendame suchen mussten. Sie meldeten das Tier dem Tierarzt, der Polizei und dem Tierfundbüro. Doch niemand meldete sich auf ihre Fundanzeige. Keiner stellte einen Anspruch auf die Schwarze. Die Wochen zogen übers Land und Sira hatte sich in ihrer neuen Familie eingelebt. Es war ein fantastisches Zuhause, eine abenteuerliche Umgebung und liebevolle Pflegeeltern. Sie war zwar viel allein, doch das störte sie überhaupt nicht. In dieser Zeit legte sie sich aufs Sofa und schlief. Es mangelte ihr an nichts.

Eines Tages, als definitiv fest stand, dass Sira niemandem gehörte, brachte man sie zur Untersuchung zum Tierarzt. Wenn sie schon bei Kati und Stefan leben sollte, musste man mindestens sicher sein, dass sie gesund ist. Und eine Freigängerin muss geimpft werden, nicht dass sie noch eine der tödlichen Katzenkrankheiten aufliest. Beim Tierarzt entwickelte sich Sira aber zur Bestie. Es gefiel ihr überhaupt nicht, dass man an ihr rumdrückte, ihr Mittel in die Ohren spritzte und ihr als Krönung noch eine Spritze verabreichte. Sie hasste die fremden Gerüche und Hände, die an ihr rumtasteten. Sie wehrte sich mit Krallen und Zähnen. Eigentlich hätte der Tierarzt noch gerne nachgeschaut, ob das Mädel denn kastriert ist oder nicht. Dafür hätte man ihr einen kleinen Fleck Haare am Bauch wegrasieren müssen. Doch Sira stellte sich derart ruppig an, dass man dieses Vorhaben vorerst bleiben liess. Es würde wohl nicht gleich etwas Unerwartetes passieren. Wenn Sira zur Ruhe gekommen war, konnte man diesen Eingriff ja noch nachholen.
Doch der Tag kam schneller als geahnt. Aus Sira war eine Sirene geworden. Mit ihrem Lockruf konnte sie jeden Kater zur Verzweiflung bringen. Silver hatte ihr Flehen schon den ganzen Tag vom anderen Ufer her gehört. Diese Rufe kannte er gut, denn er hatte sie zuhause schon oft gehört, wenn die rolligen Kätzinnen zu Shumba gebracht wurden. Er selber war noch ein junger Flegel, erst gerade flügge geworden. Er hatte noch keine Erfahrung mit dem weiblichen Geschlecht. Doch irgendetwas zog ihn zu dieser Schwarzen. Sie bezirzte ihn. Sein Gefühlsleben war komplett durcheinander. Er musste zu ihr, ob er nun wollte oder nicht. Er konnte nichts dagegen machen. Die Natur hatte ihn voll in der Gewalt.
Jetzt sass er vor ihr und musterten sie von oben bis unten. Sie war ebenso schwarz wie die Nacht. Ihre hellen gelben Augen bildeten den Kontrast zum sonst sehr dunkeln Fell. Am Hals hatte sie einen kleinen, weissen Fleck, eine Art Schmuckstück. Er strahlte wie eine Brosche. Welch schöne Erscheinung! Ihr Fell glänzte wie ein Brillant im Mondschein. Sie war äusserst zierlich. Silver wurde ganz aufgeregt. Lange war es her, seit er eine so schöne Katze gesehen hatte. Sie schien ganz jung zu sein, kaum ein Jahr alt. Und etwas war nicht zu übersehen und hören. Sie war rollig und bereit für eine heisse Liebesnacht.
So etwas liess sich Silver nicht entgehen. Er schlenderte langsam zu ihr hin. Natürlich durfte er sich nicht gleich anmerken lassen, dass er an ihr äusserst interessiert war. Zuerst musste er um ihre Liebe werben, das war im Katzenvolk so üblich. Und sie würde sich erst sehr uninteressiert geben und ihm die kalte Schulter zeigen. Ja, dieses Spiel kannte er von daheim. Doch er wusste schon jetzt, er würde bleiben und um die Gunst der Schönen werben.

Dann entdeckte er den Nebenbuhler. Dieser hockte kaum fünf Meter entfernt und knurrte ihn an. Welch hässlicher Kerl! Ein riesengrosser struppiger Tigerkater. Bestimmt hatte der sein Fell schon seit Wochen nicht mehr sauber gemacht. Es klebte überall zusammen. Am Rücken standen ganze Haarbüschel ab, die er sich nach dem Fellwechsel im Frühling nicht entfernt hatte. Im Schwanz hingen Blätter und Tannennadeln und eine Unmenge Harz. Er trug den halben Wald mit sich rum. Bestimmt lebte in seiner Unterwolle auch zahlreiches Ungeziefer. Er betrachtete ihn schäbig von oben bis unten. Wollte dieser hässliche Kerl ihm die Schwarze etwa ausspannen?
Nein, das kam nicht in Frage, dafür würde er kämpfen. Die beiden Kater gingen aufeinander zu und schauten sich böse an. Sie blieben dicht voreinander stehen und blickten sich tief in die Augen. Sie stellten ihren Schwanz und die Haare. Die Ohren lagen flach an den Schädel angelegt. Die Augen waren kugelrund und weit geöffnet. In dieser Stellung wirkten sie doppelt so gross als sie wirklich waren. Es sah aus, als ob ihnen der Wind ins Fell geblasen hätte. Dabei knurrten und fauchten sie sich an.

Die Schwarze schaute dem Treiben aus einiger Entfernung zu. Sie würde sich für den Sieger entscheiden, denn ihre Kinder sollten mal einen starken Vater haben.

Es dauerte lange, bis die Kater aufeinander losgingen. Mit ihren Pranken versuchten sie zuerst einmal den Gegner im Gesicht und den Ohren zu erwischen. Silver konnte ausweichen. Er war noch jung und flink. Dann, als das Gefauche aufgehört hatte, ging alles blitzschnell. Man hörte grelle Schreie und ein lautes Fauchen. Dann sah man nur noch zwei Fellbündel, die aufeinander losgingen. Haarbüschel flogen durch die Gegend und bedeckten das Gras wie einen Teppich. Der Tigerkater hatte als Erster angegriffen und war voller Zorn auf Silver losgegangen. Dieser hatte sich aber ducken können. Blitzschnell hatte sich Silver umgedreht und den Gegner in den Hintern gebissen. Vor lauter Schreck und Schmerz hatte dieser dann die Flucht ergriffen. Silver sah nur noch den buschigen Schwanz, der hinter dem nächsten Haus verschwunden war. Jetzt war der Weg frei für seine schöne Schwarze.
Sira war mächtig stolz auf den Sieger. Auch wenn dieser ein paar Haare lassen musste, war er ein gesunder, stattlicher Kerl. Sein Pelz war in allen Grautönen gestreift und schimmerte wie Silber, was ihm ja auch den Namen Silver beschert hatte. Und so edel wie Silber war er auch, einfach nur schön, von der Ohren- bis zur Schwanzspitze. Sogar sein Nasenspiegel und seine Fussballen waren grau. Er hatte einen dicken, breiten Schädel und extrem runde Backen. Seine Augen waren bernsteinfarben und kugelrund. Wenn er sie anschaute, war sie wehrlos. Sie war ihm mit Haut und Haar verfallen. Sie konnte sich nicht sattsehen. Ueberhaupt war sein Körper einwandfrei, muskulös und stämmig. Er war bildschön, ein Traum von einem Kater. Sie hatte ihn vorher noch nie gesehen. Sie schmiegte sich an ihn und liess sich von ihm beschnuppern. Der Kampf hatte Silver geschwächt. Doch jetzt, wo ihm Sira tief in die Augen schaute, hatte er die Strapazen der letzten zehn Minuten sofort vergessen. Er schaute auf die schöne Schwarze, die ihren Kopf an seinen Hals drückte. Sie roch wunderbar. Er leckte ihr die Ohren und beschnupperte sie von oben bis unten. Welch herrlicher Körper. Sie drückte sich ganz fest an ihn und genoss jede Sekunde, die sie mit ihm verbringen durfte. Er nahm seine Freundin in die Arme und verwöhnte sie nach allen Künsten der Liebe.
Silver blieb drei Tage bei der schönen Sira. Dann war sie ruhig geworden und Silver wusste, dass das Abenteuer vorbei war. Er verabschiedete sich von ihr und ging zurück zu seinen Freunden. Doch das Versteck war leer. Sie hatten nicht auf ihn gewartet, waren ohne ihn weiter gezogen. Nun musste er zusehen, dass er sie einholen konnte. Er konnte sich also am Tag nicht ausruhen, musste auch tagsüber weiter laufen. Dabei war er noch so geschwächt vom Kampf mit dem grossen Kater und den Liebesnächten mit Sira. Doch das war ihm jetzt egal. Das Abenteuer mit Sira war es ihm wert gewesen.

Es dauerte fünf Tage, bis Silver wieder zur Gruppe aufgeschlossen war. Shumba war stocksauer und schimpfte in den höchsten Tönen mit ihm. Wie konnte er sie nur alleine lassen und die ganze Verantwortung auf Shumba abschieben? Sie hatten sich doch versprochen,
zusammen zu bleiben. Doch Silver schwieg. Er sah immer noch die schönen gelben Augen von Sira vor sich und träumte davon, wie schön es mit ihr gewesen war. Und schliesslich hatte er die Anderen ja wieder gefunden. Was für ein Problem gab es denn? Es war ja nichts passiert. Sein Ausflug war ja ohne Folgen geblieben.

Da täuschte sich Silver aber gewaltig. Natürlich hatte sein Ausflug zur schönen Sira Folgen. Kati und Stefan bemerkten schon bald, dass Siras Hunger zunahm. Sie wurde noch anhänglicher und verschmuster und legte sich bei jeder Gelegenheit aufs Sofa neben Kati und Stefan. Sie war wie eine Klette und liess ihre "Eltern" nicht mehr aus den Augen. Drei Wochen später war dann nicht mehr zu übersehen, dass Sira trächtig war. Ihr Bäuchlein war bereits rundlich. Nun konnten sich Kati und Stefan auch den Kastrationstest beim Tierarzt sparen. Nun stand definitiv fest, dass Sira noch nicht sterilisiert war. Bald würde sie Nachwuchs bekommen.

Doch Kati hatte keine Erfahrung mit werdenden Katzenmüttern. Sie kaufte sich ein grosses, dickes Buch, um gewappnet zu sein, wenn es dann so weit war. Sie wusste bereits, dass sie der Katze eine Wurfkiste hinstellen müsste, also besorgte sie sich eine. Diese legte sie mit flauschigen Decken aus und zeigte Sira, dass hier der Platz war, an dem sie ihre Kinder zur Welt bringen durfte. Auch hatte Kati gelernt, dass eine Katzenschwangerschaft zwischen 60 und 64 Tagen dauert. Da sie aber nichts von Silver und seinem Abstecher wusste, konnte sie auch nicht ausrechnen, wann es denn so weit sein sollte.

Als sie Wochen später nach der Gesangsprobe nach Hause kam, fand sie Sira in den Wehen vor. Die schöne Schwarze hatte grosse Schmerzen. Sie presste und versuchte, die Kätzchen rauszudrücken, doch es ging nicht. Kati war hilflos. Sie hätte der Katze so gerne geholfen, doch sie konnte nichts tun. Sie versuchte es mit sanftem Massieren. Dabei spürte sie die Wehen, die Siras Körper durchzogen und sah in das schmerzverzerrte Gesicht der kleinen Schwarzen. Nichts passierte. Sie konnte die kleinen Körper deutlich spüren, die den Schoss der Mutter verlassen wollten. Doch Sira war noch zu klein und fein. Sie konnte die Kinder nicht gebären. Keines der Kinder kam auf die Welt. Je länger der Geburtsvorgang dauerte, desto unheimlicher wurde es Kati. Was konnte sie nur tun? Sie konnte doch nicht mit ansehen, wie Sira an dieser Geburt zu Grunde ging? Sie packte die Schwarze in eine Decke und fuhr in Windeseile zur Tierklinik. Dort würde man sich um die Katze kümmern. Sie hätte keine Minute länger warten dürfen. Die Tierärzte nahmen ihr die Kleine sofort aus den Armen und brachten sie in den Operationssaal. Es war ein Rennen mit der Zeit. Sira war zu schwach geworden, um noch weiter zu pressen. Sie war am Ende.

Wenige Minuten später erblickten nach einem Kaiserschnitt sechs junge Kätzchen das Licht der Welt. Drei von ihnen waren äusserst schwach. Ihr Zustand war besorgniserregend. Die Tierärzte behielten Mutter und Kinder noch für einen Tag zur Beobachtung in der Klinik. Sie sollten sich zuerst von den Geschehnissen erholen.
Als Kati am nächsten Tag zur Klinik fuhr, hatte sie kein gutes Gefühl. Sie hatte geahnt, dass sie zu lange gewartet hatte. Die Aerzte schauten sie etwas traurig an und führten sie ins Krankenzimmer. Sira lag auf einer Decke und stillte ihre Babies. Es waren nur noch drei. Die drei Kleinsten hatten die erste Nacht nicht überlebt. Sie waren zu schwach gewesen für dieses Leben. Kati war auf der einen Seite glücklich über die kleine Katzenfamilie, machte sich aber grosse Vorwürfe, wieso sie nicht schneller reagiert hatte. Am nächsten Morgen durfte Sira mit ihren Babies nach Hause. Sie bezog sofort die Wurfkiste. Die ersten drei Wochen verliess sie die Kiste kaum. Sie war eine vorbildliche Mutter, obwohl sie selber noch ein halbes Kind war. Sie leckte ihre drei Kätzchen nach jeder Mahlzeit sauber und war stolz auf sie. Es waren zwei Kater und ein Mädel, ein schwarzes, ein Tricolor und ein grauer Kater "ganz der Papa". Das schwarze Baby hatte den gleichen Fleck auf der Brust wie sie selber. Das Tricolor-Mädel war vollkommen anders, aber wunderschön. Doch das Graue war das Abbild des Vaters. Ueber dieses Kätzchen freute sie sich besonders, denn der kleine Kerl erinnerte sie besonders an den tapferen Silver, der seinen Nebenbuhler in die Flucht geschlagen hatte.
Für Sira begann eine wunderbare Zeit. In den ersten Wochen versorgte sie ihre Kinder im Zimmer, wo die Wurfkiste stand. Dann durfte sie mit ihnen in den Garten. Natürlich wurde sie bei diesen Ausflügen von Kati oder Stefan beobachtet und begleitet. Auch wenn es manchmal so aussah, als schliefe sie unter einem Strauch, war sie innerlich hellwach. Sie wusste immer, wo ihre Kinder waren und ob sie ihnen helfen musste oder nicht. Sie war zwar für die Geburt zu jung gewesen, doch dafür hatte sie nun einen ausgeprägten Mutterinstinkt.
Auch Kati und Stefan waren stolz auf die kleine Familie. Es fehlte ihr an nichts. Sie spielten stundenlang mit den Babies und konnten sich nicht satt sehen an den kleinen Wesen. Sie beobachteten deren Entwicklung ganz genau und machten viele Fotos. Auch wenn Sira noch sehr klein war, tat sie genau das, was jede Mutter tun musste, ihre Kinder aufs Leben vorbereiten. Dazu gehörte es auch, dass sie jagen lernten. Zuerst brachte sie ihnen kleine, tote Mäuse nach Hause und lehrte sie, dass dies das beste Mahl für Katzen sei. Zwei Wochen später stand sie vor der Türe und bettelte mit ohrenbetäubendem Miauen um Einlass. Als Kati ihr die Türe öffnete, schrie sie auf. In Siras Maul baumelte eine fette, lebende Feldmaus. Sie wollte die Türe sofort wieder schliessen, doch Sira war schneller. Sie drückte sich durch Katis Beine und rannte hinauf in den ersten Stock zu ihren Babies. Die Jagd war eröffnet. Kati hörte eilige Schritte. Schachteln flogen durch das Zimmer. Als sie endlich in der Zimmertür stand, sah sie die Katzenschar, die der fliehenden Maus nachjagte. Sira hockte in der Mitte des Zimmers und gab
ihrem Nachwuchs Anweisungen. Wie schnell die Katzen doch waren. Kaum hatte sich die Maus unter einem Regal oder hinter einer Schachtel versteckt, hockten sie sich davor und versuchten, mit ihren Krallen die Beute zu fassen. Sie hatten unendlich viel Ausdauer, lagen zehn Minuten unbewegt vor dem Regal und fixierten mit ihren weit geöffneten Pupillen den kleinen Nager, der sich versteckt hatte. Für uns Menschen ist es ein grausiges Spiel, für die Katzen aber Ueberlebenstraining. Die Maus hatte keine Chance, der hungrigen Gesellschaft zu entkommen.

Sie bekamen oft Besuch, denn in der Nachbarschaft und bei Freunden hatte es sich herumgesprochen, dass Sira ihre Babies bekommen hatte. Alle hatten grosse Freude an der kleinen Katzenfamilie und spielten lange mit ihnen. Sie verbrachte die schönen Sommertage draussen im Garten, zusammen mit ihren Kindern. Sie wurden jeden Tag grösser und frecher und hielten ihre Mama auf Trab. Es kam der Tag, an dem Sira ihre Mutterpflicht erfüllt hatte. Nun müssten die Kinder ohne ihre Mutter klar kommen. Sie mochte es nicht mehr, wenn die Kleinen an ihr saugten, denn ihre Milch war auf ein Minimum reduziert. Zudem bissen sie mit ihren kleinen Babyzähnen schon tüchtig zu. Sie stiess sie weg und liess sie nicht mehr nahe an sich ran kommen. Für uns Menschen scheint das grausam, doch die Katzenbabies wussten, dass die Zeit in Mamas Schoss zu Ende war. Sie würden nun ein eigenständiges Leben führen müssen.

Auch wenn sich Kati und Stefan an den Kleinen freuten, stand von Anfang an fest, dass sie nicht alle behalten konnten, doch trennen konnten sie sich von den Kleinen auch nicht. Lange konnten sie sich nicht entscheiden, was mit den Kleinen passieren sollte. Sie waren hin- und hergerissen. Wieder war eine Entscheidung fällig, die ihnen sehr schwer fiel. Nach langer Beratung und wider besseres Wissen, durfte der kleine Graue bei seiner Mama bleiben. Die zwei Geschwister mussten eines Tages von ihrer Mama und ihren Brüdern Abschied nehmen. Sie zogen zu einer netten Familie in der Nachbarschaft um.

Sira war überglücklich, dass der kleine Graue bei ihr bleiben durfte. Er würde sie jeden Tag an den Papa erinnern und an die schönen Nächte mit ihm. Auch wenn er noch nicht so stark wie sein Vater war, glich er ihm aufs Haar. Er würde eines Tages ein genau so stattlicher Kater werden wie er. Sie dachte sehr oft an ihn. Wie schön wäre es doch gewesen, wenn Silver seine Kinder nur ein Mal gesehen hätte. Manchmal in der Nacht, wenn ihr Grauer schlief, schlich sie aus dem Haus und hielt Ausschau nach ihm. Sie wusste ja nicht, dass er auf dem Heimweg war und bereits Kilometer von ihr entfernt.
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