Fleur - Luskas Bücher

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Fleur

Buch 6
Sie hatten viele Wochen im Schloss verbracht und sich vor den Frühjahrsstürmen und Regengüssen in Sicherheit gebracht. Doch nun war es an der Zeit, die Reise fortzusetzen. An einem kühlen Sommermorgen verabschiedeten sie sich von Aramis und seiner Mutter. Sie blickten etwas reumütig zurück auf die Schlosshallen und schlenderten davon. Eigentlich wären sie gerne dort geblieben, doch sie hatten noch immer ein Ziel vor Augen.
Sie verliessen die Kleinstadt und überquerten grosse brachliegende Felder. Hier durfte die Natur walten, und das tat sie auch. Im nächsten Dorf wurde "naturbelassen" gross geschrieben. Von Osten her gab es riesengrosse Naturschutzgebiete mit kleinen Tümpeln und Magerwiesen. Hier lebten Frösche, Käfer, Igel und viele Mäuse. Jetzt konnten sie sich wieder einmal den Bauch füllen. Die Mäuse waren ein leichter Fang, denn die Graupelzchen kannten keine Feinde. Nur selten kamen welche hierher, schon gar keine Katzen.

Nicht weit entfernt begann die Industriezone. Kleinere und grössere Gebäude wechselten sich ab. Im Zentrum des Industriegebietes gab es einen Riesenkomplex mit zum Teil 12stöckigen Gebäuden. Hier arbeiteten die Bewohner des kleinen Dorfes. Sie überquerten das Areal, das trotz industriellem Zweck sehr charmant angelegt war. Zwischen den Hochhäusern gab es Erholungsgebiete mit Fusswegen und einem kleinen Bächlein. Auch hier standen die Magerwiesen voll in Blüte. Ueberall gab es Sitzgelegenheiten für die Angestellten. Unter den Bäumen waren kleine Sitzgruppen mit Tischen, Bänken und Sonnenschirmen. Man hatte den Mitarbeitern für die Mittagszeit einen wunderschönen Garten angelegt. Wenn das Areal schon etwas abseits lag, sollten sie mindestens ein bisschen Natur als Ausgleich haben. Heute waren aber keine Menschen zu sehen. Die Maschinen im Innenraum standen still, denn es war Sonntag. Nur die Bienen hatten ihre Arbeit aufgenommen. Am Himmel zogen dunkle Wolken auf. Obwohl es Sommer war, war es recht kühl.

Sie brauchten lange, um das ganze Areal zu durchqueren. Am Kräutergarten, den man dem kleinen See entlang angelegt hatte, hielten sie kurz an. Eine Delikatesse hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Ein grauer Tigerkater sass bereits dort und knabberte an den kleinen Blättern. Er kümmerte sich nicht um die Neuankömmlinge, leckte sich mit der Zunge übers Maul und schlenderte davon. Beauty und ihre Freunde drückten ihre Nase in das Feld mit Katzenminze und knabberten die süsslichen Blätter ab. Beauty wälzte sich darin. Sie war vollkommen benebelt vom Duft dieser zartblättrigen Pflanze. Sie wollte die Minze am ganzen Körper haben und noch lange ihre Nase in das wohlriechende Parfum stecken können. Dann tranken sie aus dem Bach, der plätscherte.

Im Abfalleimer fanden sie ein Stück Brot Sie teilten sich den Fund brüderlich. Als sie zum letzten Haus kamen, sahen sie die Schwarze. Sie sass zwischen zwei Betontrögen am Eingang einer kleinen Werkstatt. Davor stand ein Lieferwagen, der die Sicht zu ihr verdeckte. Trotzdem fiel der Gruppe auf, dass die Katze etwas zu verbergen hatte. Sie drückte sich ganz fest in die Hausecke und liess die Katzen nicht mehr aus den Augen. Etwas eigenartig fanden sie das alles schon. Wohnte sie wohl hier? Sie schauten sich um. Keine Katzentüre, keine Hütte, keine Gartenlaube. Was wollte das schwarze Tier hier und wieso verhielt sich sich so eigenartig?

Sie hörten einen Motor. Aha, jetzt kam jemand. Was der wohl an einem Sonntag im Industrieareal suchte?
Ein Mann fuhr mit seinem Auto hinter das Haus und parkierte es auf dem leerstehenden Parkplatz. Dann verschwand er durch die Hintertüre. Kurz darauf hörten sie das Radio, aus dem laute, italienische Musik klang. Er sang dazu in vollen Tönen. Durch das Fenster konnten sie beobachten, wie er die Büros reinigte und die Pflanzen goss. Er verrichtete seine Hauswartsdienste wie jeden Sonntag. Dies war die einzige Zeit, in der er alle Räume betreten und reinigen konnte. Während der Woche war das nicht möglich, da hier Tag und Nacht im Schichtbetrieb gearbeitet wurde. Es dauerte fast zwei Stunden, bis er mit seiner Arbeit fertig war. Gerade als er gehen wollte, kam ihm in den Sinn, dass er ja noch die Blumen am Hauseingang giessen musste.

Er öffnete die Haustüre. Als er mit der Giesskanne den ersten Pflanzentrog wässern wollte, entdeckte er die schwarze Katze, die sich an die Hauswand gedrückt hatte. Als er sich ihr nähern wollte, fauchte sie ihn grimmig an. Ihre Augen funkelten, und er ahnte schon, dass mit diesem Tier nicht zu spassen ist. Er war schon seit vielen Jahren hier Hauswart, doch diese Katze hatte er noch nie gesehen. Er versuchte noch einmal, einen Schritt näher an sie heran zu kommen. Die Schwarze knurrte sofort und fauchte ihn an. "Wehe du kommst näher, nimm dich ja in Acht".

Zuhause hatte er selber eine Katze, eine fünfjährige Tigerdame. Er war also wirklich kein Katzen-Anfänger, doch vor diesem Tier hatte er grössten Respekt. Sie schien grosse Angst zu haben, was man auch ihren weit geöffneten Kulleraugen ansah. Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie hob ihre Pranken und versuchte ihn zu kratzen. Er schüttelte nur den Kopf. Hier stimmte doch etwas nicht.

Dann entdeckte er des Rätsels Lösung. Hinter der Schwarzen lagen zwei schwarze Wollknäuel. Sie hatte ihre Babies mitgebracht, die sie mit Zähnen und Krallen verteidigen würde. Erstaunlicherweise verliess sie aber den Platz, an dem sie noch eben gesessen hatte, ohne sich nach den Kindern umzusehen. War das wohl Taktik? Wollte sie damit von ihrem Nachwuchs ablenken? Nun konnte er einen Blick auf die Kleinen werfen. Sie waren sehr, sehr klein. Die Mutterkatze machte, als er sich vom Nachwuchs entfernte, keine Anstalten, als wolle sie zurück zu ihren Kindern. Und die zwei waren noch so klein, dass sie garantiert auf die Hilfe ihrer Mutter angewiesen waren. Was sollte er nur tun? Er fühlte sich vollkommen überfordert.
Er nahm sein Handy und rief seine Frau Joly an. Vielleicht wusste sie einen Rat. Doch auch sie konnte ihm nicht gross helfen. In der Not rief sie Tina an, eine Arbeitskollegin, die sich mit Katzen besser auskannte und im nächsten Dorf wohnte. Eines wusste er genau, die Kleinen durften nicht mehr länger auf dem kalten Betonboden liegen bleiben. Er ging ins Haus und holte eine Holzkiste, die er mit Tüchern auslegte. Dort hinein legte er die Babies und entfernte sich etwas. Bestimmt würde nun die Mutter, die noch immer einige Meter entfernt sass, zu ihren Babies zurückkehren. Doch er hatte sich geirrt. Sie interessierte sich nicht für die Kleinen, sass nur da und starrte ihn an.

Es dauerte nicht lange, da hörte er Tinas Auto. Sie fuhr auf den Parkplatz hinter dem Haus, wo auch sein Auto stand. In der einen Hand trug sie eine Transportboxe und in der anderen Futter. Sie schaute ihn fragend an. Joly hatte sie angerufen und um Hilfe gebeten. Nähere Angaben hatte sie nicht. Sie wusste lediglich, dass hier eine Katze mit ihren Jungen Hilfe brauchte.
Als sie neben ihm stand, entdeckte sie die Schwarze. Sie war in der Zwischenzeit in die Kiste geklettert, hockte aufgerichtet da und beobachtete die beiden Personen, die sie gar nicht kannte. Tina war gespannt auf die Babies, doch sie konnte sie nicht sehen. Erst als sich die Mutter etwas vom Sitzplatz verschob, entdeckte sie zwei winzige Fellbündel an der Stelle, wo gerade noch das Muttertier gesessen hatte.

Tina öffnete eine Dose Katzenfutter. Sie nahm ein bisschen auf die Hand und streckte es der verängstigten Mutter hin. Die Schwarze schnupperte am Leckerbissen und verschlang ihn. Jetzt war der Bann gebrochen. Die Katze hatte Heisshunger. Für ein bisschen Futter würde sie nun alles tun. Sie frass gierig eine ganze Portion. Tina stellte den Rest ganz vorne in die Transportkiste. Wie erwartet, war der Hunger grösser als die Vorsicht. Sie kletterte in die Boxe, um auch den Rest des Futters zu fressen. Dies war der Moment, wo Tina hinter ihr den Riegel zu schob.
Jetzt konnte sie sich endlich um die Jungtiere kümmern. Sie nahm sie hoch und war schockiert, wie leicht und kalt sie waren. Die Schwarze hatte sich wirklich überhaupt nicht um ihren Nachwuchs gekümmert. Bevor Angelo sie entdeckt hatte, lagen sie ungeschützt auf dem kalten Betonboden. Die Kleinen mussten soeben auf die Welt gekommen sein. Die Nabelschnur hing wie ein kleiner Faden an ihnen hinunter. Auf den Tüchern, die Angelo ihnen in die Holzkiste gelegt hatte, waren noch kleine Blutstropfen zu sehen.

Nun war Tina gefordert. Was sollte sie mit dieser Katzenfamilie anfangen? Zuhause hatte sie zwar selber Katzen, doch konnte sie keine Katzenbabies aufnehmen, schon gar nicht mit einem Muttertier, das keinerlei Mutterinstinkte zeigte. Ihre eigenen Katzen würden die Familie attackieren. Die Kleinen wären bei ihr daheim in Gefahr. Trotzdem musste sie handeln und die Familie in die Wärme bringen.

Sie legte die zwei Kätzchen zu ihrer Mutter in die Boxe. Selbst jetzt, wo sie dicht an ihr lagen, machte sie keinerlei Anstalten, als wolle sie sie beschützen oder wärmen. Ganz im Gegenteil. Tina beobachte sie gut, damit sie den Neugeborenen nicht noch was antat.

Sie fuhr nach Hause. Jetzt musste sie in aller Ruhe nach einer Lösung suchen. Sie stellte die Transportbox zu Hause kurz ab. Noch immer lag das Muttertier unverändert da. Die Kleinen lagen zusammen in einer Ecke. Tina überlegte hin und her. Es war Sonntag. Die Tierärzte hatten ihre Praxis geschlossen. Ebenso war es im Tierheim oder beim Tierschutz. Wohin sollte sie nur mit den Kleinen gehen?

Bei ihr konnten sie nicht bleiben, das würden ihre anderen Katzen nicht akzeptieren. Im Moment herrschte bei ihr sowieso schon der Ausnahmezustand. Erst vor wenigen Tagen hatte sie drei Jungtiere aufgenommen, um sie gesund zu pflegen. Die Aufruhr unter ihren Katzen war gross gewesen, als die drei bei ihr ankamen. Tina wollte ihren Katzen nicht schon wieder einen Neuzugang zumuten. Sie konnte die Tiere nicht aufnehmen, musste eine andere Lösung fingen.

Da kam ihr eine Blitzidee. Eine Kollegin hatte ihr vor vier Wochen erzählt, dass ihre Katze Nachwuchs bekommen hatte. Sie wohnte nur zwei Dörfer weiter. Zu ihr würde sie fahren. Mindestens gab es dort ein Muttertier, das noch säugte. Man könnte man einen Versuch starten, die Kleinen bei der Amme anzusetzen. Gesagt, getan. Tina fuhr auf gut Glück dorthin.

Helena staunte nicht schlecht, als Tina an diesem kalten Sonntagmorgen mit einem Katzenkorb vor ihr stand. Sie war ein herzensguter Mensch. Es war gar keine Frage, ob und wie man helfen sollte. Sie trug die Transportboxe in den Kellervorraum, wo der ganze Boden mit einem dicken Teppich überzogen war. Zudem war es dort trocken und warm. Einen Moment später stand auch schon ihr Mann Steffen mit einer Heizdecke da. Die Familie wurde auf eine dicke Decke gelegt, unter der sich das Heizkissen befand. Es dauerte nicht lange, und der Liegeplatz wurde wohlig warm. Selbst jetzt, wo keine Gefahr mehr bestand, kümmerte sich die Schwarze nicht um ihren Nachwuchs. Stattdessen verzog sie sich in die hinterste Ecke des Raumes und begann sich zu krümmen. Es schien, als ob sie Schmerzen hatte.

Tina, Helena und Steffen waren ratlos. Was ging da ab? Konnte es sein, dass die Schwarze noch ein drittes Kätzchen gebar oder die Nachgeburt noch nicht ausgeschieden hatte? Sie holten sich bei einer Kollegin, die eine Katzenzucht betrieb, Rat und erkundigten sich noch im Tierspital. Man konnte nichts machen, musste einfach abwarten. Wenn die Schwarze - und danach sah es wirklich aus - vor oder während der Geburt ausgesetzt worden war, sass ihr das Erlebte noch in den Knochen. Sie stand unter Schock. Zudem gab es Katzen, die beim ersten Wurf keinerlei Bezug zu den Jungen aufbauten. Sie betrachteten sie nicht als ihren Nachwuchs.

Steffen war süss. Er formte mit seinen Händen einen Korb und setzte die Kleinen da hinein. Dann blies er ihnen warme Atemluft zu. Sie waren erst 80g schwer und noch immer vollkommen unterkühlt. Als die Decke warm genug war, legte er die Katzenbabies darauf.

Tina und Helena beobachteten das Muttertier weiter. Noch immer war sie wahnsinnig nervös und glich einem Tiger, der im Käfig eingesperrt war. Sie fanden es mehr als eigenartig.

Als die Schwarze auch eine halbe Stunde später nicht zu ihrem Nachwuchs zurückgekehrt war, nahm Helena die Katzenbabies und brachte sie zu ihrer Katze Nela, die vier Wochen alte Welpen hatte. Es war einen Versuch wert. Wenn sie sie annehmen würde, könnten die Kleinen etwas Milch bekommen. Es war wie ein Wunder. Die Mama staunte nicht schlecht, als sie plötzlich zwei weitere Katzenbabies vor sich hatte, doch sie liess es geschehen. Die Kleinen durften sich an ihren Zitzen satt trinken. Als ihr Bäuchlein gefüllt und von der Amme massiert worden war, brachte man sie in den Keller zurück zu ihrer richtigen Mutter.

Diese war etwas ruhiger geworden. Sie lag bereits auf der gewärmten Decke, als man ihr die Babies an den Bauch legte. Sie war derart erschöpft, dass sie gar nicht bemerkte, dass sich acht winzige Katzenpfoten an ihr festkrallten. Sie fiel in einen tiefen Schlaf.

Tina ging nach Hause. Sie war Helena sehr dankbar, dass sich diese um die kleine Familie kümmern wollte. Sie wusste genau, dass die Kätzchen hier gut aufgehoben waren.

Als Helena etwas später nach der neuen Familie schauen wollte, folgte ihr Nela ganz leise. Als Helena die Tür zum Kellervorraum öffnete, konnte sich Nela zwischen ihren Beinen durchdrängen. Sie sah eine fremde, schwarze Katze, die "ihre" Katzenbabies bei sich hatte. Hilfe! Diebstahl! Frechheit! Nela sträubte ihr Fell. Sie holte ihre Krallen hervor, nahm einen Sprung und attackierte die Schwarze. Sie wollte um ihre neuen Babies kämpfen, liess sie sich nicht einfach von einer Fremden rauben.

Die Schwarze war noch im Halbschlaf und wusste nicht, was ihr geschah. Sie konnte ganz knapp den Krallen der aufgebrachten Nela ausweichen. Helena, die selber vom Angriff überrascht worden war, schnappte sich die aufgebrachte Nela und brachte sie hinauf in den ersten Stock. Doch Nela kam nicht zur Ruhe. Sie rannte von einem Zimmer zum anderen, rief und schrie nach ihren neuen Babies. Ihr Mutterinstinkt war zu gross und hatte sie fehlgeleitet.

Helena blieb nichts anderes übrig, als die Schwarze mit ihren Babies umzuquartieren. Sie konnte die drei mit Heizkissen, Decke und Futternapf zur Nachbarin übersiedeln, die gerade Urlaub hatte. Dort waren sie vor Nelas Angriffen sicher. Jetzt endlich konnte die Schwarze schlafen.

Jede halbe Stunde gingen Helena und Steffen zur Nachbarin, um sich zu vergewissern, dass es der kleinen Familie an nichts fehlte. Als die Schwarze sich nach einigen Stunden Schlaf erholt hatte, geschah das Wunder, das schon fast niemand mehr erwartet hatte. Ihr Mutterinstinkt war erwacht. Sie legte sich der Länge nach hin und drehte sich so zur Seite, dass die Kleinen ihre Zitzen erreichen konnten. Dieses Angebot nahmen die Kätzchen natürlich dankend an. Sie suchten sich die beste Zitze aus und tranken die süsse Milch, die zur Genüge vorhanden war.

Am nächsten Tag brachte man "Fleur", wie die Schwarze nun genannt wurde, zur Kontrolle zum Tierarzt. Helena wollte sicher sein, dass sich nicht noch ein Baby oder eine Nachgeburt im Bauch befand. Die eigenartigen Schmerzen, die sie bei der Ankunft noch hatte, mussten abgeklärt werden. Fleur war vollkommen gesund. Es musste sich bei diesen Schmerzen um harmlose Nachwehen gehandelt haben.
Fleurs Auftauchen wurde beim Tierfundbüro, im Radio und in der ganzen Nachbarschaft gemeldet. Irgend jemand musste das schöne Tier doch vermissen. Es vergingen Tage und Wochen, doch niemand meldete sich. Der Verdacht, dass Fleur ausgesetzt worden war, erhärtete sich. Wie grausam muss doch ein Mensch sein, der ein Tier, das in den Wehen liegt, hilflos aussetzt. Fleur hatte mehr als Glück, dass Angelo an diesem Sonntag in das Industriegebiet gefahren war, um zu putzen. Niemand hätte sonst Fleur mit ihren Babies gefunden. Wäre er eine Stunde später gekommen, wären die Neugeborenen erfroren gewesen. Sie hatten in Angelo einen Schutzengel gehabt.

Die Babies gediehen wunderbar. Fleur war in ihre Mutterrolle gewachsen und kümmerte sich vorbildlich um ihre zwei Kätzchen. Es fehlte ihnen an nichts. Die Pflegemutter war äusserst lieb zu ihnen und genoss es sichtlich, eine kleine Katzenfamilie um sich zu haben. Je grösser sie wurden, desto frecher und lebhafter wurden die Jungen. Ihre Ausflüge von Zimmer zu Zimmer mehrten sich. Nichts war mehr vor ihnen sicher.
Als die Babies 12 Wochen alt waren, suchte man für sie ein neues Zuhause. Dies war keine schwierige Aufgabe. Die Kleinen waren gesund, hübsch und handzahm. Sie kannten den Menschen seit Geburt und hatten keinerlei Furcht vor ihm. Bald stand eine Familie vor der Türe und nahm eines der beiden Katzenbabies mit.

Fleur durfte zu einem älteren Ehepaar umziehen in eine stille Gegend am Waldrand. Hier gab es keine Strasse, keine Hochhäuser und keine bösen Menschen. Es war einfach nur schön in dieser Gegend. Ueberall duftete es nach Natur. Und das allerschönste war, dass sie eines ihrer Babies mitnehmen durfte. Für Fleur war die Welt wieder in Ordnung. Vor wenigen Wochen war sie unsagbar traurig gewesen, ausgesetzt und verlassen. Und dies in dem Moment, als sie Mutter wurde und ihre Menschen am meisten gebraucht hätte. Ihre Besitzer hatten ihr das Schlimmste angetan, was man einem Lebewesen antun konnte. Niemandem käme es in den Sinn, eine Frau mit Wehen in der Kälte liegenzulassen. Bei Fleur wurde das aber gemacht. Sie wusste nicht, warum ihr das angetan wurde. Sie war doch eigentlich immer lieb gewesen. Wenn sie daran dachte, wurde sie ganz still. Die Zeit heilte die tiefen Wunden in der Katzenseele. Sie wollte nicht mehr zurück­schauen, auch wenn die Zeit mit ihren Babies wunderbar gewesen war. Jetzt begann ein neues Leben in einem Daheim, wo man sie liebte und umsorgte. Am Abend legte sie sich auf die Couch zwischen ihre neuen Menschen und freute sich auf das, was noch kommen würde.
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